Die Gesamthochschule ist Teil eines demokratischen Bildungssystems, das Frauen und Männer zum kritischen Engagement in der Gesellschaft befähigen will. Dieses Ziel erfordert eine Hochschule, die sich gleichzeitig ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und für die Gesellschaft bewusst und zu kritischer Distanz ihr gegenüber fähig ist.
Hierzu bietet die Gesamthochschule als demokratische, offene, regionale und integrative Hochschulform hervorragende Chancen, die zur Weiterentwicklung des gesamten Hochschulsystems genutzt werden können.
Nach 25-jähriger kontinuierlicher Arbeit will sich die Gesamthochschule Siegen im Sinne einer selbstkritischen Bestandsaufnahme ihrer Reformziele vergewissern und sie im Hinblick auf die Zukunft überprüfen und fortentwickeln.
Das Gesamthochschulkonzept beruht auf vier Grundaufgaben, die in ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben:
Demokratisierung - Um ihrem Anspruch, im Dialog mit der Gesellschaft die freie Entfaltung der Persönlichkeit aller zu fördern und die Möglichkeit der demokratischen Teilhabe zu stärken, gerecht werden zu können, strebt die Gesamthochschule Siegen die umfassende Demokratisierung ihrer inneren Strukturen an. Grundvoraussetzung hierfür ist Transparenz und Öffentlichkeit aller ihrer Entscheidungen.
Chancengleichheit - Als öffentliche Einrichtung steht sie allen offen, die lernen oder forschen wollen. Sie wirkt aktiv darauf hin, einen Ausgleich unterschiedlicher sozialer Voraussetzungen zu schaffen. Ein besonderes Gewicht misst sie der Überwindung bestehender Nachteile für Frauen an der Hochschule bei.
Regionalbezug - Die Gesamthochschule stellt durch ein vielfältiges Angebot die regionale Versorgung im Bereich der wissenschaftlichen Grund- und Weiterbildung sicher. Durch ständigen Austausch mit den Menschen der Region nimmt sie Anregungen von außen auf und gibt ihrerseits Impulse für die regionale Entwicklung.
Integration - die Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Fragestellungen und die unterschiedlichen Erfahrungsbezüge erfordern integrative Bemühungen. Die Gesamthochschule strebt aus diesem Grund nach der Vermittlung eines Berufspraxisbezugs durch Wissenschaftlichkeit, der Erweiterung des Erfahrungsbereichs durch internationalen Austausch und dem Zusammenwirken der unterschiedlichen Disziplinen und Fachperspektiven in der wissenschaftlichen Arbeit.
Die Gesamthochschule will ihre ständische Organisation und hierarchische Leitung im Sinne einer umfassenden inneren Demokratisierung überwinden. Ziel ist die gleichberechtigte Teilnahme aller am Lern- und Forschungsprozeß und die allgemeine und gleiche Mitwirkung an Entscheidungsprozessen. Zum Abbau von Hierarchien wird langfristig ein einheitlicher wissenschaftlicher Berufsstatus im Angestelltenverhältnis angestrebt.
Alle Prozesse der Problemdefinition und Entscheidung finden öffentlich statt. Alle Arbeitsergebnisse, die an der Gesamthochschule erzielt werden, werden unmittelbar öffentlich zugänglich gemacht.
Die Gesamthochschule stellt fest, dass im Bereich der Studienberatung die Entwicklung und Durchführung sinnvoller Beratungskonzepte nur durch Studierende möglich ist. Sie unterstützt die Bemühungen der Verfassten Studierendenschaft zur Selbstorganisation.
Da Demokratie die freie Entfaltung der Persönlichkeit und gleiche Teilnahme aller meint, setzt sie Chancengleichheit voraus. Diese ist nach wie vor nicht hergestellt: Insbesondere Kinder aus ArbeiterInnenfamilien und AusländerInnen sind benachteiligt. Nur über Chancengleichheit ist die Einbeziehung von Themen aus allen gesellschaftlichen Bereichen in den Lern- und Forschungsprozess zu gewährleisten.
Die Gesamthochschule Siegen betreibt mit Nachdruck eine aktive Förderung von Frauen, um den Abbau bestehender Nachteile zu erreichen. Vorschläge der selbstorganisierten Gremien von Frauen an der Hochschule genießen dabei eine besondere Autorität. Als wichtige Aufgaben hat die Hochschule insbesondere die Förderung von Frauen im Rahmen der Personalauswahl und Weiterbildung, die Förderung der Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit für Männer und Frauen, die Verhinderung von Gewalt gegen Frauen, die Förderung von Frauenforschung und die Institutionalisierung der Interessenvertretung von Frauen in der Hochschule erkannt.
Die Gesamthochschule Siegen strebt nach der Öffnung ihrer Angebote für alle Menschen. Sie erhebt im Zusammenhang mit der Teilnahme am Lern- und Forschungsprozeß keine Gebühren. Dabei ist ihr bewusst, dass gleiche Bildungschancen nicht erreichbar sein werden, solange nicht mindestens eine allgemeine finanzielle Bildungsförderung, besser eine bedarfsorientierte soziale Grundsicherung durch den Staat geschaffen sein wird.
Die Gesamthochschule Siegen strebt den Abbau von Zulassungsbeschränkungen an und lehnt Eingangsprüfungen unbedingt ab. Mittelfristig soll jeder Studiengang zumindest mit Fachhochschulreife studierbar sein.Um dem Einzelnen die Möglichkeit zu geben, fehlende Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium auszugleichen und die Schulbildung zu ergänzen, bietet sie Brücken- und Vorkurse an.
Darüber hinaus ermöglicht die Gesamthochschule grundsätzlich den Besuch aller ihrer Veranstaltungen auch für Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung und misst der Teilnahme von Menschen, die zur Zeit keinen formalisierten Studiengang verfolgen, am Lern- und Forschungsprozeß besondere Bedeutung bei.
Das Promotionsstudium soll für alle interessierten HochschulabsolventInnen geöffnet und generell durch Arbeitsverträge im Angestelltenverhältnis abgesichert werden. Daher steht die Gesamthochschule der Idee des Graduiertenkollegs kritisch gegenüber; insbesondere achtet sie darauf, dass ihre Graduiertenkollegs keine elitären Züge entwickeln.
Die Gesamthochschule Siegen bekennt sich zu ihrer sozialen Verantwortung für ihre Mitglieder. Das schließt Hilfe für Studierende ebenso ein wie das Streben nach einer Personalstruktur, die auf Dauerstellen beruht und Hierarchien abbaut.
Die Gesamthochschule Siegen ist eine Hochschule mit besonderer regionaler Verantwortung. Die Sicherung einer vielseitigen Grundversorgung mit Bildungsangeboten genießt gegenüber isolierten Projekten der Spitzenforschung Priorität. Die zentralen Einrichtungen, insbesondere die Bibliothek und das Medienzentrum, leisten für die regionale wissenschaftliche Grundversorgung einen unverzichtbaren Beitrag und sind für die Region als einzige Einrichtungen ihrer Art von großer Bedeutung.
Die Gesamthochschule will den Kontakt zur Bevölkerung verbessern und sich aktiv an der Entwicklung der Region beteiligen. Zu diesem Zweck pflegt sie den Dialog mit sozialen Organisationen, Gewerkschaften, Eine-Welt-Gruppen, Friedensgruppen und Umweltgruppen. Mittelfristig wird in diesem Zusammenhang eine Reform des Kuratoriums angestrebt.
Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, soweit daraus Erkenntnisse über die gesellschaftliche Lage, die gegenwärtige gesellschaftliche Organisation des Produktionsprozesses und technische Entwicklungen in der Berufspraxis gewonnen werden. Diese Erkenntnis- und Reflexionsfunktion der Zusammenarbeit darf aber nicht mit einer Nachfrageorientierung oder Dienstleistungsfunktion verwechselt werden. Wissenschaftliche Forschung kann ihrer zentralen Aufgabe, zur Lösung der durch den Produktionsprozess entstehenden sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme beizutragen, nicht gerecht werden, wenn sie sich einfach dessen Bedingungen unterwirft.
Die Gesamthochschule Siegen sieht eine Verbindung von Theorie und Praxis in allen ihren Studiengängen als notwendig an. Dabei versteht sie unter "Theorie" einen Bezug zur Grundlagenforschung und unter "Praxis" die gesellschaftliche Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Zwischen Berufsvorbereitung und Wissenschaftlichkeit gibt es keinen Widerspruch. Vielmehr vermittelt die Hochschule eine theorieorientierte Berufsvorbereitung, die ebenso für Forschung und Lehre wie für eine Tätigkeit außerhalb von Hochschulen und Forschungseinrichtungen nützlich ist. Daher gibt es an der Gesamthochschule Siegen keine Differenzierung nach berufsqualifizierenden und wissenschaftlichen Studiengängen oder Abschlüssen, keine Teilung des Studiums in ein Regel- und ein Aufbaustudium und keine Angebote, die auf reine berufliche Aus- oder Weiterbildung eingeengt sind. Zur Mitarbeit in Lehre und Forschung an der Gesamthochschule kann man sich sowohl durch Forschungserfahrung als auch durch Erfahrung in der Anwendung und Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden in der beruflichen Praxis qualifizieren.
Die Gesamthochschule Siegen bietet die Möglichkeit zu wissenschaftlichen Studienabschlüssen mit verschiedenen, nämlich forschungs- bzw. anwendungsbezogen Schwerpunkten. Diese Schwerpunkte sind gleichwertig und können im Gegensatz zur gegenwärtigen Rechtslage keine unterschiedlichen Zeitvorgaben für das Studium begründen. Das Y-Modell ist grundsätzlich dem Konsekutivmodell vorzuziehen, wobei ein gemeinsames Grundstudium auch als Orientierungsphase verstanden wird.
Eine Integration der Studienangebote von grundständigem Fachstudium, LehrerInnenbildung und Weiterbildung wird in allen Studiengängen angestrebt. Dazu gehört neben gemeinsamen Lehrangeboten auch die Durchlässigkeit der Studiengänge und wechselseitige Anerkennung erbrachter Studienleistungen. In allen Studiengängen wird die Integration betreuter Praktika ins Studium angestrebt.
Für die Gesamthochschule Siegen bildet die Erweiterung des Erfahrungsbereichs und die Überwindung nationaler Sichtweisen die Grundlage überregionaler und internationaler Zusammenarbeit. Eine wissenschaftliche Diskussion über Lösungsansätze für globale Probleme kann nur international angemessen geführt werden.
Ebensowenig, wie sich die Arbeit an der Gesamthochschule an wirtschaftlichen Verwertungsinteressen orientiert, ordnet sie sich im Bereich der internationalen Zusammenarbeit den Interessen der jeweiligen Eliten in Wissenschaft und Gesellschaft unter.
Um interessierten AusländerInnen ein Studium in Siegen zu ermöglichen, versucht die Hochschule, die Rahmenbedingungen für ausländische Studierende zu verbessern. Das beinhaltet vor allem das Engagement gegen Rassismus und AusländerInnenfeindlichkeit. So duldet sie in keiner Form rassistische Inhalte in Lehre und Forschung. Sie unterstützt Gruppen, die an der Hochschule und in der Gesellschaft antirassistische Arbeit leisten. Um Sprachbarrieren abzubauen, bietet die Hochschule in ausreichendem Umfang Sprachkurse für deutsche und ausländische Studierende an.
Dem Bildungskonzept der Gesamthochschule eigen ist der Wunsch nach Ausbildung umfassender Kenntnisse und Fähigkeiten, die den Lernenden nicht nur Orientierungshilfen sein sollen, sondern Möglichkeiten der aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eröffnen.
In dem Bewußtsein, daß die Verwendung wissenschaftlicher Erkenntnis besonderen sozialen Bedingungen unterliegt und die angestrebte selbstkritische Reflexion der eigenen Arbeit breite Kenntnisse von unterschiedlichen Zusammenhängen erfordert, hält die Hochschule Interdisziplinarität für notwendig. Sie kann den individuellen Gestaltungswünschen bei der Entfaltung der Persönlichkeit am besten Rechnung tragen, stärkt die Verantwortungsfähigkeit der Lernenden und wird überdies der komplexer werdenden gesellschaftlichen Realität gerecht.
Die Gesamthochschule stützt daher fächerübergreifende Zusammenarbeit in Bereichen, in denen gemeinsame Erkenntnisinteressen vorliegen, fördert die Bereitschaft, sich Gegenstände und Methoden der Forschung nicht nur nach fachinternen Konventionen zu suchen, sowie Bestrebungen, über Gegenstände und Methoden nicht nur fachintern, sondern öffentlich zu berichten. Die Gesamthochschule fördert besonders die interdisziplinäre Zusammenarbeit, soweit sie die Grenzen der beiden Fächergruppen Ingenieurwissenschaften und Naturwissenschaften einerseits sowie Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits überschreitet.
Die Gesamthochschulbibliothek, das Medienzentrum und das Hochschulrechenzentrum nehmen ihre Aufgaben zentral wahr. Sie tragen durch die Zusammenarbeit mit den Fächern zu der Zusammenführung der verschiedenen Fachperspektiven bei. Sie erheben fürdiese Leistungen keine Gebühren.
Ansonsten soll sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Regel zwischen den Fachbereichen und Fächern entwickeln. Wenn zur Förderung der Interdisziplinarität zentrale wissenschaftliche Einrichtungen betrieben werden, müssen diese ihre Arbeit in erster Linie auf die Förderung der Zusammenarbeit der Fachbereiche ausrichten. Die Gefahren der fachlichen Entkopplung und Verselbstständigung sowie der Einschränkung von Transparenz, Öffentlichkeit und demokratischer Kontrolle dürfen nicht aus dem Blick geraten.
Die Hochschule strebt keine quantitative Erweiterung im Sinne der Errichtung völlig neuer Fachbereiche an, sondern ist interessiert an der Weiterentwicklung der Studiengänge und Forschungsbereiche durch Zusammenarbeit der vorhandenen Fächer. Sie nimmt ihre relative Kleinheit auch als Vorteil war, da sie eine persönlichere Zusammenarbeit und einen intensiveren Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden ermöglicht.
Eine Ausnahme bilden die Fächer Geographie und Biologie, deren Wiedererrichtung eine besondere Bedeutung für interdisziplinäre Zusammenarbeit, auch für Lehramtsstudiengänge, haben könnte. Gerade die Biologie als eine Wissenschaft komplexer Systeme kann als paradigmatische Naturwissenschaft der Zukunft angesehen werden und ist für die interdisziplinäre Einbindung ökologischer Fragen unverzichtbar.
Die Gesamthochschule versteht sich als Lernzusammenhang, als Gemeinschaft von Lernenden und Forschenden, wobei das Forschen als Spezialfall des selbstständigen Lernens auf höchstem Niveau begriffen wird. Ihr zentrales Ziel ist die Entwicklung der selbstkritischen Problemlösungskompetenz, Urteils- und Verantwortungsfähigkeit aller am Lern- und Forschungsprozess Beteiligten. Dieser Prozess dient gleichzeitig der kritischen Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse und der freien Entwicklung neuer Gestaltungsideen.
Zentrales Lernkonzept an der Gesamthochschule Siegen soll exemplarisches, forschendes Lernen werden. Dies erfordert eine permanente inhaltliche Studienreform, da sich Inhalte und Methoden immer wieder neu aus den Interessen der Lernenden ergeben. Ziel der fachlichen Zusammenarbeit ist auch die Weiterentwicklung sozialer und kommunikativer Fähigkeiten. Ungewöhnlichen bzw. ungewohnten Themenvorschlägen aus dem Lernzusammenhang muss unter Berücksichtigung des wissenschaftlichen Anspruchs Aufgeschlossenheit entgegengebracht werden.
In allen Studiengängen und Studienphasen sollen Wahlveranstaltungen den Schwerpunkt bilden. Prüfungen sollen studienbegleitend organisiert werden, Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Prüfungsformen werden angestrebt. Eine an Offenheit interessierte Bildungseinrichtung verstärkt Bestrebungen um den aktiven Ausbau der Beziehungen zur Öffentlichkeit außerhalb der Hochschule. Sie begrüßt die Teilhabe aller an Studium und Weiterbildung Interessierten. Die Kontakte zu anderen öffentlichen Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen in der Region sind auszubauen, insbesondere zu den Schulen und dem Siegerlandkolleg:
Die Partizipationsmöglichkeiten von Nicht-Vollzeit-Studierenden sind wichtiger Aufgabenbereich der Hochschule. Das Teilzeitstudium dient dabei dem Ziel, an Bildungsinhalten Interessierten, die im Beruf stehen, die Möglichkeit zur Nutzung des Hochschulangebotes zu geben. Als Notlösung aufgrund mangelnder staatlicher Absicherung der Erstausbildung ist es nicht geeignet.
Aus dem auf Allgemeinbildung und freier Entfaltung individueller Bildungswünsche und -interessen sich ergebenden Verständnis vom Lern- und Forschungsprozess lehnt die Gesamthochschule feste Regelstudienzeiten ab, weil sie unterschiedliche Lebensbedingungen und Lebensplanungen nicht berücksichtigen.
Da alle an der Gesamthochschule angebotenen Studiengänge sich auf Wissenschaftlichkeit verpflichten, strebt sie die Schaffung von Promotionsmöglichkeiten in allen Bereichen an.
Forschung hat weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft. Wissen und der Umgang mit Wissen prägen das Bild der Gesellschaft und ihrer sozialen Zusammenhänge. Deshalb steht die Hochschule als öffentliche Institution in einer besonderen Verantwortung. Die Gesamthochschule Siegen verfolgt daher das Ziel, Lernende zu kritisch denkenden Menschen zu bilden.
Ihre Strukturen leiten sich aus dem so gesetzten Ziel ab. Aus ihrem Bildungsauftrag ergeht die Verpflichtung der demokratischen Kontrolle der bearbeiteten Themen, der angewandten Methoden und der Mittelverwendung, insbesondere im Bezug auf Drittmittel. Die besonderen Bedingungen der wissenschaftlichen Wissensvermittlung sowie der Wissensverwertung mitdenkend, legt sie Wert auf Transparenz aller Forschungsvorhaben sowie auf Zugänglichkeit der an der Gesamthochschule erzielten Forschungsergebnisse. Dabei haben kurzfristige, unmittelbare Verwertungsinteressen hinter auf demokratischem Wege gewonnenen Zieldefinitionen zurückzutreten. Dies bedeutet öffentliche Kontrolle und ein Bekenntnis zu Verwaltungs- und Organisationsstrukturen, die dem Prozess demokratischer Meinungsbildung nicht im Wege stehen, sondern diesen stärken.
Die Hochschule kann ihrer öffentlichen Aufgabe und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nur gerecht werden, wenn ihre Finanzierung staatlich sichergestellt wird. Es würde ihren Aufgaben widersprechen, wenn sie selbst als ein auf Mittelerwerb ausgehendes Dienstleistungsunternehmens handelte.
Die Hochschule trägt gegenüber der Gesellschaft Verantwortung auch im Bezug auf den Einsatz der ihr zugewiesenen Mittel. Dieser muss sich nach den unter Beteiligung von Wissenschaft und Gesellschaft politisch ausgehandelten Zielen richten; eine öffentliche Kontrolle wird durch die Entwicklung eines Berichtswesens angestrebt. Da die Ziele der Hochschule vielschichtig sind und ihr Erreichungsgrad nicht durch Kenngrößen messbar ist, ist eine Mittelverteilung nach sogenannten Erfolgsparametern nicht sinnvoll und findet an der Gesamthochschule Siegen nicht statt.
Die Hochschule ist eine staatliche Einrichtung; Liegenschaften, Gebäude und Ausstattung müssen langfristig Landeseigentum, MitarbeiterInnen Landesangestellte bleiben. In vielen Bereichen wie der Errichtung von Fachbereichen und Studiengängen, bei Berufungen und in Haushaltsfragen ist zur Zeit eine genaue staatliche Kontrolle dringend geboten. Staatliche Kontrollen sind Voraussetzung für ein einheitliches Hochschulwesen und die Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse. In der bestehenden hierarchischen Organisation sind sie ferner Garanten demokratischer Mindestandards. Zukünftigen Erweiterungen der Hochschulautonomie können daher nur konkrete Erfolge der inneren Demokratisierung sein.
Die Gesamthochschule Siegen bekennt sich zu ihrer Verantwortung für das Voranschreiten des Demokratisierungsprozesses in Hochschule und Gesellschaft. Sie lehnt daher Forschung, die für militärische Zwecke betrieben wird, die die Benachteiligung von Frauen verfestigt, rassistischen Ansätze impliziert oder toleriert, oder Forschung, die darauf abzielt, Menschen ihre Lebensgrundlagen oder die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu entziehen, kategorisch ab. Demgegenüber wird Forschung, die nach Wegen zur Lösung sozialer Probleme und zum Schutz der Umwelt sucht, als besonders förderungswürdig angesehen.
Die Gesamthochschule Siegen ist eine vitale und entwicklungsfähige Hochschule. Ihre Angehörigen sehen in dem Bildungskonzept der integrierten Gesamthochschule die geeignete Möglichkeit, den Erfordernissen einer zeitgemäßen und zukunftsorientierten Bildungseinrichtung gerecht zu werden. Die Reformziele, die mit ihrer Gründung verknüpft waren, hat die Gesamthochschule Siegen in ihrem Leitbild weiterentwickelt. Ihren Lehr- und Forschungsbetrieb, ihre Organisations- und Verwaltungsstrukturen in diesem Sinne zu gestalten, ist ihre zentrale Aufgabe.
Siegen, im März 1997