der studentischen VertreterInnen im Senat der Gesamthochschule Siegen zum Verhältnis der Hochschule zu studentischen Verbindungen, vorgelegt zur Sitzung am 8. Dezember 1997
Bereits zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hat es in Deutschland gesellschaftliche Auseinandersetzungen um die Organisation der Studierendenschaften an den Hochschulen gegeben. Seit der Weimarer Republik ist dabei die Frage in den Vordergrund getreten, ob die Studierendenschaft einer Hochschule einer allgemeinen, demokratischen Verfassung bedarf oder ob die Organisation der Studierenden in privaten Vereinigungen zur Wahrung der wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Belange aller Studierenden ausreicht.
Diese Frage ist nach wie vor aktuell und wird von verschiedenen Bundesländern unterschiedlich beantwortet. Die Gesamthochschule Siegen steht nach ihrem Leitbild uneingeschränkt hinter der gesetzlichen Regelung im Lande Nordrhein-Westfalen, denn sie "unterstützt die Bemühungen der Verfassten Studierendenschaft zur Selbstorganisation" (S. 19).
Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach den heutigen Intentionen und Wirkungen der traditionellen Studentenverbindungen, zumal diese den von der Urburschenschaft entwickelten Anspruch auf die Einbeziehung aller Studierenden spätestens in der Zeit nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 aufgegeben haben.
Die Gesamthochschule hat die sechs in Siegen aktiven studentischen Verbindungen bisher unkritisch als hochschulbezogene Gruppen akzeptiert und ihnen bei verschiedenen Anlässen Möglichkeiten zur Öffentlichkeitsarbeit geboten. Das weitgehende Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung ist historisch verständlich, weil Aktivitates von Verbindungen zur Zeit der Gründung der Gesamthochschulen gesellschaftlich weitgehend bedeutungslos waren. In den vergangenen Jahren, insbesondere seit der Auflösung der DDR, ist es allerdings an vielen Hochschulen zu einer Intensivierung korporierter Aktivitäten gekommen. Daher ist eine genauere Auseinandersetzung mit diesem Thema jetzt auch in Siegen sinnvoll.
Prägend für des Bundesleben aller studentischen Verbindungen sind ihre traditionellen Strukturen, insbesondere das Lebensbundprinzip. In den Verbindungen findet keine Selbstorganisation von Studierenden statt, sondern die Aktivitates folgen in erster Linie den strukturellen und kulturellen Traditionen ihres Bundes sowie der Korporationen im Allgemeinen. Die Altherrenschaften geniessen aufgrund ihrer materiellen und ideellen Leistungen für den Bund eine charakteristische Autorität, die sich zwar nur in Ausnahmefällen durch direkte Eingriffe in das Leben der Aktivitas äußert, die aber gleichwohl in der Regel für Formen und Inhalte des Bundeslebens bestimmend ist. Neumitglieder durchlaufen zumeist einen mit eingeschränkten Rechten versehenen Fuxenstatus. In dieser Zeit wird insbesondere die Anpassungsfähigkeit des Charakters an die Haltungen des Bundes geprüft und gegebenenfalls die Mitgliedschaft von der Verbindung beendet.
Die studentischen Verbindungen tragen in der BRD heute insgesamt zur Stabilisierung des nationalstaatlich geprägten marktwirtschaftlichen Systems bei. Sie formen konservative Akademiker, die fähig sind, sich in hierarchische Strukturen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik sowohl führend als auch dienend einzuordnen. Ihr eigener Anspruch ist dabei insbesondere die Reproduktion von Funktionseliten.
Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei die Ausgrenzung von Frauen durch alle großen und gesellschaftlich einflußreichen Dachverbände. Das Verbindungswesen wirkt damit insgesamt hemmend auf Bemühungen zur gesellschaftlichen Gleichstellung der Frauen.
Im Einklang mit den verbindungsstudentischen Traditionen der letzten 150 Jahre liegen dem Verbindungswesen auch heute noch fast durchgehend nationalkonservative Politikvorstellungen zu Grunde. Das gilt in der Regel auch für solche Bünde, die sich explizit als politisch neutral oder unpolitisch bezeichnen, ja selbst für solche, die mit Begriffen wie "modern und liberal" werben; hierbei ist zu bedenken, dass Liberalität je nach Verständnis dieses Begriffs nicht notwendig einen Gegensatz zum Nationalen bildet. Soziale Fragen finden demgegenüber bei Verbindungen nur in Ausnahmefällen Interesse.
Elitäres männerbündisches Selbstverständnis, überkommener Ehrbegriff, ritualisierende Brauchtumspflege, hierarchische Strukturen, konservative Politikvorstellungen, glorifizierende unhistorische Geschichtsbilder und gezielte Pflege des Nationalbewusstseins bilden ein Klima, in dem sich nationalistische und imperialistische Zielvorstellungen harmonisch entwickeln können. Die Folge ist, dass sich vielerorts einzelne Verbindungen zu Knotenpunkten der rechtsradikalen Szene entwickelt haben. Dies wird dadurch erleichtert, dass alle Verbindungen ihren Toleranzbegriff nach rechts ausgesprochen weit fassen; gelegentlich reicht er unter dem Deckmantel der "parteipolitischen Neutralität" bis zur Tolerierung offen nationalsozialistischer Umtriebe. Ferner tun sich alle Verbindungen mit der Distanzierung von anderen Bünden äußerst schwer; Distanzierungen werden gewöhnlich unter dem Vorwand der Selbstständigkeit jedes einzelnen Bundes abgelehnt.
Die politische Situation in der BRD ist gekennzeichnet durch eine Infragestellung der grundlegenden Ziele sozialer Gleichheit und Verantwortung. Dies geht einher mit der Aushöhlung des Sozialstaats. Die Gleichstellung von Frauen ist nach objektiven Kriterien nach wie vor nicht erreicht. Nationalistische und ausländerInnenfeindliche Einstellungen stellen ein tendenziell sogar wachsendes Problem dar. Gerade in diesem Kontext ist die Stellung der studentischen Verbindungen zwischen etabliertem Konservativismus und Neuer Rechter gefährlich, da sie daran mitwirken, Rechtsradikalismus gesellschaftsfähig zu machen, ihn in der Mitte der Gesellschaft zu verankern.
In diesem Abschnitt kann es aus Platzgründen nicht um eine erschöpfende Analyse gehen. Vielmehr werden einige markante Gesichtspunkte aufgezeigt, die wir in der letzten Zeit ausführlich dokumentiert haben, und es wird auf diese Dokumentationen, die als Anlagen beigefügt sind, verwiesen.
Allen Siegener Verbindungen ist die offene Propagierung oder tatsächliche Förderung eines Nationalbewußtseins oder nationaler Grundhaltungen nachzuweisen.
Die Burschenschaften Alemannia, Sigambria und Thuringia führen den Begriff "Vaterland" sogar im Wahlspruch. Die Wingolfsverbindung Nibelungen bezeichnet sich als "Deutsche Studentenverbindung" und nennt das "Vaterland" als eines ihrer vier Prinzipien. Solche Prinzipien werden auch tatsächlich verfolgt: So bewarb sich beispielsweise die Sigambria 1991 um die Aufnahme in die Deutsche Burschenschaft, und anlässlich des Stiftungsfestes der Alemannia wurden 1993 alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen. Nähere Informationen hierzu haben wir im Artikel "Sind wir nicht alle Patrioten?" dokumentiert (Anlage 2).
Ein Beispiel für die Verwurzelung nationalen Gedankenguts im Corps Marcomannia gab der Siegener Rechtsanwalt Klaus Gerstein, als er in einem Bürgerfunk-Beitrag dieses Corps sagte, er sei "in seiner Selbstfindung national, weil das zu einer Gemeinschaft gehört, in die ich herein geboren worden bin." Dieser Beitrag wird in dem Artikel "Vorsicht Radio!" auf Seite 11 der Zeitung "Burschen Raus! Nr. 1" thematisiert (Anlage 4).
Nationale Grundtöne im Dachverband der Occidentia und deren Relevanz für die Beurteilung dieser Verbindung analysiert der Artikel "Alternatives Verbindungsleben - Kontinuitäten im Nebel" auf Seite 9 der Zeitung "Burschen Raus! Nr. 3" (Anlage 6).
Mit Ausnahme der Occidentia lehnen alle Siegener Verbindungen die Aufnahme von Frauen ab. Aus dem Corps Marcomannia hört man gelegentlich sogar ausgesprochen frauenfeindliche Töne (vgl. Anlage 4).
Selbst bei der Occidentia kann von einer Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen in unserer Gesellschaft keine Rede sein. Der von ihr "nach langem Suchen" gewählte Dachverband, der ihr "in seinen Prinzipien am besten zusagte", unterscheidet sich in seinen patriarchalischen Strukturen offenbar kaum von anderen Verbänden (vgl. Anlage 6).
Auch in Siegen propagieren die Verbindungen ein völlig unzutreffendes Bild der Korporationsgeschichte. Dies haben wir im Artikel "Zum Geschichtsverständnis der Korporationen: Toleranz oder Amnesie?" ausführlich dokumentiert (Anlage 3). Gefährlich ist dieser Punkt insbesondere, weil auch Siegener Verbindungen für sich in Anspruch nehmen, aus ihrem Verständnis der Vergangenheit heraus Verantwortung für Gegenwart und Zukunft übernehmen zu wollen.
Der Antifa-AG liegt insbesondere zu den Themenbereichen autoritäre Strukturen, Elitedünkel und Protektion, Militarismus weiteres Material vor, das aus Zeitgründen noch nicht für Veröffentlichungen ausgewertet werden konnte, aber in unserem Archiv eingesehen werden kann. Wir sind allerdings davon überzeugt, dass das bisher veröffentlichte Material bereits eine gute Grundlage für die Beurteilung der Siegener Verbindungen bietet.
Trotz der im letzten Jahrzehnt wesentlich verbesserten Möglichkeiten für studentische Verbindungen sind Handlungsfähigkeit und politischer Einfluss der Siegener Verbindungen zur Zeit gering. Das findet seinen Ausdruck zum Beispiel in der geringen öffentlichen Präsenz ihrer Werbematerialien, in fehlenden Stellungnahmen zu aktuellen Themen und in häufig ausbleibenden öffentlichen Reaktionen auf kritische Veröffentlichungen. Nicht einmal auf den RCDS, der insbesondere in Folge des Bonner Papiers (Anlage 7) vielerorts die hochschulpolitischen Aktionen der Korporierten koordinierte, entwickelten die Siegener Verbindungen so viel Einfluss, dass sie ihn durchgehend für Kandidaturen zu den Gremien von Studierendenschaft und Hochschule nutzen konnten.
Mehrere Siegener Verbindungen verfügen über Kontakte zu zahlreichen in Siegen tätigen Alten Herren in gehobenen Positionen, insbesondere zu Rechtsanwälten, Ärzten, Ingenieuren und Geschäftsleuten. Diese Kontakte werden aber nur intern, nicht öffentlich, genutzt.
Die Burschenschaft Alemannia hat durch den Vortrag von Prof. Bott 1992 ihre Bereitschaft zur punktuellen Zusammenarbeit mit Personen deutlich gemacht, die sich aktiv für rechtsradikale Organisationen einsetzen. Weitere, insbesondere regelmäßige Kontakte Siegener Verbindungen zur Neuen Rechten oder zu rechtsradikalen Parteien sind uns aus den letzten Jahren nicht bekannt.
Die personelle Situation der einzelnen Verbindungen ist unterschiedlich. Nibelungen, Sigambria und Thuringia haben offenbar zur Aufrechterhaltung des Verbindungslebens genügend Zulauf. Von der Alemannia liegen keine Hinweise darauf vor, dass jüngere Keilversuche erfolgreich waren. Occidentia und Marcomannia haben eindeutig Nachwuchssorgen.
Wichtigster öffentlicher Rückhalt der Siegener Verbindungen an der Hochschule ist ihre sporadische Unterstützung durch einzelne Professoren, die auf ihren Häusern Vorträge halten.
Aus der insgesamt noch relativ ruhigen Situation in Siegen auf fehlenden Handlungsbedarf zu schließen, wäre allerdings sorglos. Beispiele für eine allgemeine Renaissance des Verbindungslebens oder für die Entwicklung öffentlichkeitswirksamer rechtsextremer Aktivitäten gibt es in den letzten Jahren aus anderen Hochschulstädten genug, und in Siegen selbst mahnen die lebhaften Keilbemühungen im Wintersemester 1996 ebenso zur Wachsamkeit wie die Veröffentlichung der rechtsradikalen Marburger Burschenschaft Rheinfranken in der Siegener Zeitung vom 23.10.1997.
Entscheidend für die Klärung des Verhältnisses zu den Verbindungen ist die Frage, ob die Eigenschaften der Verbindungen mit den Zielen der Gesamthochschule Siegen vereinbar sind. Diese Ziele hat der Senat kürzlich in einem Leitbild niedergelegt.
Diskrepanzen und Widersprüche ergeben sich insbesondere an den folgenden Punkten. Die Gesamthochschule will
Ferner steht die gemeinsame Grundhaltung der Verbindungen zentralen Aufgaben der Verfassten Studierendenschaft wie der Förderung der politischen Bildung (§71 Abs. 3 UG) und der Wahrnehmung der sozialen Belange (§71 Abs. 2 UG) entgegen.
Aus diesen Gründen erscheint für die Gesamthochschule eine klare Abgrenzung von den Verbindungen als geboten, wenn sie ihre Ziele ernsthaft verfolgen will. Insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Verbindungen oder die Unterstützung ihrer Öffentlichkeitsarbeit würde sie ihren eigenen Zielen entgegenwirken.
Einen Vorschlag, wie der klaren Abgrenzung durch eine Entschließung des Senats Ausdruck verliehen werden kann, legen die VertreterInnen der Studierendenschaft im Senat hiermit vor.