Anregung gemäß §24 GO NW:
Gestaltung des Innenhofes des Unteren Schlosses - Mahnmal gegen Krieg und Gewalt
Euer Schreiben vom 15. September 1996
Sehr geehrte, liebe Mitglieder der AGSF!
Mit Freude haben wir von Eurer Initiative gehört, in Siegen Deserteuren der Wehrmacht, also Menschen, die sich geweigert haben, dem faschistischen Staat zu dienen, ein Denkmal zu errichten. Wir empfinden dies als einen sehr guten und einen sehr wichtigen Vorschlag, für den wir Euch herzlich danken möchten. Bitte lasst uns auch eine Kopie der in Eurem Brief an den Rat vom 15.9.1996 genannten Anlage zukommen - es handelt sich wohl um einen Gestaltungsvorschlag für das Denkmal?
Eine Auseinandersetzung mit den zahlreichen Stellen, an denen nach wie vor unkritisch oder gar verherrlichend der alten Büffel gedacht wird, ist in der Tat gerade in Siegen überfällig. Man bedenke, dass es in Siegen an prominenter Stelle eine Hindenburg-Straße gibt, dass die zweitwichtigste städtische Halle Bismarck-Halle heißt, dass das neue Gebäude der Gesamthochschule in der Walter-Flex-Straße steht, dass auf dem Kornmarkt zwischen Rathaus und Nikolaikirche Eurem Briefkopf zum Trotz eben keine Friedenstaube, sondern eine Germania, verziert mit kriegerischen Sprüchen, steht, daß am Dicken Turm rühmende Gedenkplatten für bestimmte Wehrmachtseinheiten angebracht sind, dass ein Kreuztaler Gymnasium nach Friedrich Flick benannt ist, eine Straße in der Fludersbach nach Friedrich Wilhelm, am Wellersberg nach G.L. Blücher, am Häusling nach Fürst Bülow, am Giersberg nach Freiherr Lützow und Graf Luckner, an der Sieghütte nach Graf Moltke, in Geisweid nach der Schlacht bei Sedan ... Wahrscheinlich ließe sich diese Reihe fortsetzen.
Wir sehen allerdings die Gefahr, dass ein Denkmal für Deserteure, gerät es in einen fragwürdigen Kontext, in seiner Aussage verzerrt wird. Stellt Euch bitte einmal bildlich vor, neben die drei Gedenkplatten am Dicken Turm würde eine weitere zum Andenken an die Derserteure gehängt. Könnte da nicht der Eindruck entstehen, man wolle Wehrmacht und Derserteure gleichermaßen ehren? Wir fürchten, dass eine solche Ehrung Seite an Seite eine alte WiderstandskämpferIn, die oder der an diesen Tafeln vorbeikommt, tiefer verletzen könnte, als wenn sie oder er bloß die unsäglichen Soldatenehrungen allein, wie sie im Grunde ja allerorten herumhängen, sehen müßte.
Schließlich hat eine Gedenkstätte für Deserteure in der Nähe eines militaristischen Ehrenmals noch einen weiteren Nachteil: Diese Nähe schließt jegliche kritische Aktualisierung durch die BetrachterIn aus. Gelungen scheint uns ein Denkmal für Deserteure, wenn es auch gegenüber Derserteuren und Totalverweigeren der Bundeswehr Achtung vermitteln kann; mißlungen, wenn sich Personen damit indentifizieren können, die der Ansicht sind, man solle den auf dem Felde der Ehre Gefallenen gedenken und im Interesse der Volksgemeinschaft den Söhnen der Deserteure endlich die schändlichen Verbrechen ihrer Väter vergessen.
Wir haben diese Probleme gerade erst andiskutiert und wissen noch nicht, welche Schlüsse wir daraus ziehen sollen. Insofern sind wir sehr an Euren Gedanken, an einem Gespräch über diese Fragen interessiert. Zum Einstieg stellen wir die widersprüchlichen Vorschläge mit ihren Begründungen vor, die uns spontan eingefallen sind:
Wichtig ist uns, dass Ihr diese Vorschläge nicht als fertige Planung unsererseits versteht oder als Infragestellung Eures Konzepts, das wir noch gar nicht genau kennen, sondern als widersprüchliche Ideen, die veranschaulichen, was uns besorgt macht. Bitte versteht diese Sorgen auch nicht als Versuch, Eure Arbeit zu hemmen. Im Gegenteil können wir uns grundsätzlich gut vorstellen, Euer Projekt zu unterstützen, vielleicht auch einen Entschließungsantrag in des Studierendenparlament einzubringen, doch wir möchten zuvor in den angesprochenen Fragen noch etwas klarer sehen.
Mit herzlichen Grüßen
AntiFa-AG