Um eine gelungene Reform der Hochschulen durchzuführen ist es notwendig, sich mit den Zielen aus der Gründungsphase der Gesamthochschulen auseinanderzusetzen.
Gesamthochschulen wurden Anfang der 70er Jahre auf Initiative der SPD - vor allem in Nordrhein Westfalen - mit der Intention gegründet, zum einen einer breiteren Bevölkerungsschicht ein Studium zu ermöglichen, zum anderen durch Interdisziplinarität und Integration einen Austausch zwischen StudentInnen verschiedener Fachrichtungen zu ermöglichen. Neben dem Motiv der "Bildung für Alle", also einem erleichterten Zugang zur Hochschulausbildung auch für Menschen ohne gymnasiale Schulbildung aber mit Berufserfahrung, spielte auch die gestiegene Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften eine bedeutende Rolle, die durch die reine Elitehochschule nicht mehr zu decken war.
Um diese Ziele zu verwirklichen, wurden nicht nur neue Gesamthochschulen gebaut, es sollten auch alle Universitäten und Fachhochschulen in Gesamthochschulen umgewandelt werden. Diese strukturelle Reform stand jahrelang auf einer breiten politischen Basis, bedingt auch durch die ökonomischen Sachzwänge, für die vierte industrielle Revolution genügend qualifiziertes Personal zur Verfügung zu haben.
Heute sieht die Sache jedoch ganz anders aus: Gesamthochschulen werden abgelehnt, im besten Falle ignoriert. Es scheint eben nicht mehr zeitgemäß zu sein, Vorstellungen wie Breitenbildung, wissenschaftlichen Austausch, sowie eine offene und nach außen transparente Hochschulkultur zu verwirklichen. Vielmehr soll wieder Ausbildung an die Stelle der Bildung treten, reine Berufsvorbereitung an Stellevon Wissenschaft. Dies ist jedoch angesichts der sich abzeichnenden ökonomischen und strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft äußerst fragwürdig, wenn nicht gar ganz unverantwortlich kurzgedacht.
Gestützt auf die Studie von Thomas Herz und Ursula Krüsemann aus dem Jahr 1991 stellt sich die Studiensituation in Siegen folgendermaßen dar:
In den naturwissenschaftlichen Studiengängen existieren faktisch keine unterschiedlichen Hauptstudienzweige, hier wurde nicht integriert, sondern assimiliert, während sich in den Ingenieurstudiengängen eine starke Polarisierung der beiden Studienzweige HS I und HS II ergeben hat.
Ein Grund für diese Polarisation ist die unterschiedliche Reputation der beiden Abschlüsse. Dies beinhaltet sowohl das unterschiedliche Ansehen in der Studentlnnenschaft, die Voraussetzung wissenschaftlicher Weiterqualifikation, als auch die unterschiedlichen Berufsaussichten. Der Wechsel von HS II zu HS l gilt als Abstieg in die zweite Liga, ein dem gegenüber stehender "Aufstieg" findet kaum statt. Zudem ist es bezeichnend, daß die HS I Absolventlnnen zu einem signifikantem Teil aus ehemaligen FOS Schülerlnnen bestehen, wo hingegen die HS II - Absolventlnnen überwiegend das "klassische" Abitur vorweisen können. Dieser Zustand kann nur durch die Benachteiligung von StudentInnen mit beruflicher Erfahrung - hauptsächlich also StudentInnen aus Arbeiterfamilien, also genau der Zielgruppe der Gesamthochschule - erklärt werden. Es steilt sich sogar heraus, daß Praxiserfahrung eher hinderlich ist. Die denkbaren Vorteile, wie Weitergabe des größeren Erfahrungsschatzes auf praktischen Gebieten, werden in keiner Weise gefördert.
Ziel kann es nur sein, die Unterschiedlichkeit der beiden Studiengänge HS I und HS II zu erhalten - dies jedoch bei vollkommener Gleichwertigkeit - und nicht bestehende Verhältnisse mit vermeintlichen Reformen zu manifestieren. Es kann nicht darum gehen eine Zwei-Klassen-Hochschule zu etablieren.
Im Gegensatz zum Ziel - gesellschaftlichen Status und Sicherheit zu erlangen - ist die Intention praxiserfahrener StudentInnen die Erweiterung ihres persönlichen Horizonts und das Verstehen komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge - also interdisziplinär zu studieren.
Durch übermäßige Reglementierung, bzw. Verschulung der Studiengänge und oft zwar durchschaubarer, aber unkoordinierter Veranstaltungsplanung, ist dies nur auf Kosten der Studiendauer zu verwirklichen. Da eine Koordination von Veranstaltungen in diesen Größenordnungen unmöglich ist, läßt sich dieses Ziel nicht durch eine weitere Reglementierung und Beschneidung der Studiendauer, sondern nur durch eine freiere Fächerwahl erreichen.
Bezeichnend für das Prestige der Gesamthochschule sind auch die Gründe der StudentInnen für die Wahl ihres Studienortes. Der größte Teil studiert hier nur aufgrund der Nähe zum Heimatort. Die ZVS sorgte früher für eine genügend große Anzahl ortsfremder StudentInnen. Das Konzept der Gesamthochschulen an sich stellt in diesem Zusammenhang keinen erkennbaren Grund dar.
Dennoch werden trotz des vermuteten geringeren Ansehens einer Gesamthochschule die Berufschancen von einem Großteil der StudentInnen als gut beurteilt.
Die eben angeführten Punkte machen deutlich, daß die ursprünglichen Ziele der Gesamthochschule nur teilweise verwirklicht worden sind. Klar ist aber auch, daß die Probleme mit der Umsetzung derselben nicht durch den Rückfall in die Strukturen "Universität und Fachhochschule" zu bewältigen sind. Es kann nicht heißen, Strukturprobleme der 90er Jahre mit Bildungskonzepten der 60er Jahre lösen zu wollen.
Bernd