VEB - Verein für Politik, Kultur und Unterhaltung

Sommerschule 1994

Referat am Mittwoch, dem 3. 7. zum Thema Soziale Hierarchien und Polarisierungen im Trikont am Beispiel Burkina Faso

1. Einstimmung

Fernsehdokumentarfilm "Schwarz fühlen - weiß denken"

1.1. Inhalt

Für Afrikaner ist der Schlüssel zu politischer Macht in Afrika eine europäische Ausbildung. Diese Ausbildung geschieht zum Teil in europäischen Militärakademien und Traditionsuniversitäten insbesondere in den jeweiligen ehemaligen Kolonialstaaten, zum Teil in Eliteschulen und -hochschulen, die in Afrika nach europäischem Vorbild errichtet wurden.

Der Film stellt dabei die Frage, ob europäische Bildung überhaupt eine geeignete Grundlage für die Beantwortung sozialer und politischer Fragen in Afrika sei. Beispielsweise werden an sozialen Kompetenzen jungen Afrikanern vorwiegend Werte wie Disziplin, Gehorsam, Konkurrenzfähigkeit, persönlicher Mut, Willenskraft und autoritäre Entscheidungsfreudigkeit vermittelt.

Die typische Biographie afrikanischer Intellektueller besteht in einer Kindheit in ländlicher Umgebung, einer Schulbildung in europäisch geprägten Missions- oder Kolonialschulen, einem Studium in Europa und einer Berufsausübung in Beamtentum oder Militär in afrikanischen Großstädten. Auf diese Weise verfügen sie in der Regel über zwei gegensätzliche Sozialisationen und Wertsysteme.

Eine solche Bildung bietet natürlich Chancen zu einer Erweiterung des Bewußtseins und zur kritischen Hinterfragung beider Wertsysteme. Die Mehrzahl der Intellektuellen übernimmt jedoch weitgehend kritiklos europäische Denkmuster. Das führt zu einer Ziellosigkeit der afrikanischen Politik, in der nicht von sozialen Identitäten und politischen Zielen ausgehend geeignete politische Maßnahmen gesucht werden, sondern in der von einem europäisch vorgegeben Maßnahmenkanon - des sogenannten freien Welthandels und der sozialen Marktwirtschaft - ausgehend Unklarheit darüber besteht, was für Gesellschaften man eigentlich durch die sogenannte Entwicklungspolitik entwickeln will.

Zusätzlich ersticken die Herrschenden in Afrika vielerorts die politische Debatte, um ihre eigene Macht zu festigen. Wo dennoch eine politische Debatte existiert, sei sie "mit persönlichen, tribalistischen, religiösen, regionalistischen und ethnischen Elementen belastet" (Prof. Joseph KiZerbo, Historiker, Ouagadougou/Sorbonne Paris). Hier möchte ich die Frage anschließen, ob diese Aussage nicht bereits ein Beispiel für eine rassistische Abwertung afrikanischer politischer Fragestellungen gegenüber europäischen Nationalpolitiken ist.

Einigkeit scheint in der europäisch gebildeten afrikanischen politischen Elite vor allem darüber zu bestehen, das sie selbst als Elite für die Gestaltung der Zukunft Afrikas zuständig und verantwortlich sei - und dabei bisher versagt habe. Dennoch wird die Ansicht vertreten, das Scheitern dieser Elite sei auf eine mangelnde Vorbereitung auf die Ausübung von Macht zurückzuführen (General Olusegun Obasanjo, Militärakademie Sandhurst, ehemaliger Staatschef Nigerias, heute Viehzüchter in Nigeria).

Schließlich geht der Film relativ ausführlich auf die revolutionäre Politik von Thomas Sankara in Burkina Faso ein. Dies werde ich weiter unten zusammenfassen.

1.2. Sprache

An einigen, aber nicht sehr zahlreichen Stellen finden sich im Film sprachliche Rassismen. Beispielsweise heißt es an einer Stelle, die Camuso-Akademie läge in Malawi, "mitten im Busch". Von den englischen, schottischen, walisischen und irischen Schülern der Militärakademie Sandhurst wird offenbar eher gedankenlos als ironisch als von "britischen Eingeborenen" gesprochen.

Ansonsten pflegt der Film einen erfrischend ungezwungenen Umgang mit der Sprache und meidet beispielsweise auch solche Begriffe und Formulierungen nicht, die gewöhnlich als linke Kampfbegriffe diffamiert werden. So heißt es beispielsweise, die Kolonialbehörden hätten Hochschulen zur Sicherung ihrer "Klasseninteressen" eingesetzt.

1.3. Bilder

Der Film arbeitet - wie fast jeder Fernseh-Dokumentarstreifen - mit suggestiven Bildern, die einer inhaltlichen Analyse nicht standhalten. Beispielsweise wird zu einem Text über Landflucht eine Gruppe von Menschen gezeigt, die mit leichtem Gepäck zu Fuß über einen Feldweg durch eine idyllische Landschaft auf eine Hochhauskulisse im Hintergrund zugehen. Zu der Aussage, Nachbarländern könnten vor den sozialen Reformideen Sankaras Angst haben, werden Details moderner Waffen gezeigt.

1.4. Ansätze zu inhaltlichem Rassismus

Solche gibt es an mehreren Stellen; wie schwerwiegend sie sind, bleibt dabei allerdings stets Interpretationsfrage, d.h. sie lassen auch nicht rassistische Interpretationen zu. Beispielsweise heißt es über die Schüler der Camuso-Akademie in Malawi, sie "sind schwarz und denken weiß". Im Kontext erscheint dies als ein unnatürlicher Zustand. Dies bedeutet rassischbiologistische Kriterien bei der Entfaltung der Persönlichkeit.

In einer Szene aus einer ugandischen Kunstakademie wird ein afrikanischer Student gezeigt, der ein afrikanisches Modell in einem europäischen Stil zeichnet. Das wird als "Besinnung auf Afrika" kommentiert. Dies läßt die Interpretation zu, daß Europa Afrika höchstens die Selbstbetrachtung aus europäischer Perspektive zugestehen kann.

1.5. Standpunkt des Films insgesamt

Der Film gibt sich skeptisch gegenüber Militär und gegenüber Imperialismus, übt aber keine Kapitalismuskritik und propagiert elitäre Konzepte. Gleichzeitig ist er auffällig um politische Neutralität bemüht. Er läßt sich daher in einem bürgerlich-liberal-humanistischen Kontext begreifen.

Der Film enthält interessante inhaltliche Gesichtspunkte zu Herkunft, Denken und Handeln nationaler politischer Eliten in verschiedenen afrikanischen Ländern und eignet sich daher trotz seiner Mängel als Einführung in das Thema des heutigen Abends.

2. Die Mossi-Gesellschaft in Burkina Faso

2.1. Allgemeines

Als Informationsquellen habe ich ausschließlich Monographien verwendet, weil diese mit relativ geringem Aufwand zugänglich waren. Daher befinden sich nahezu alle im folgenden genannten Daten und Fakten auf dem Stand von 1985.

Die gut acht Millionen Einwohner von Burkina Faso sprechen ca. 200 verschiedene Sprachen. Die größte zentral organisierte soziale Struktur ist das Königreich der Mossi, in dem zwei von fünf Burkinabé leben.

Die Mossi-Gesellschaft gliedert sich in mehrere Gruppen, die sich gleichzeitig als ethnisch und beruflich differenziert verstehen, in getrennten Dörfern siedeln und endogam leben. Unantastbarer Grundwert für den Burkinabé ist dabei die Solidarität, Familien und Nachbarschaftshilfe, auf die alle Dorfstrukturen gegründet sind.

Jedem Dorf steht ein Chef vor, der vom Nesomba, einem drei- bis vierköpfigen Rat alter Männer, unterstützt wird.

2.2. Gesellschaftliche Gruppen

2.2.1. Tengdemba (Leute der Erde)

Hierbei handelt es sich um seßhafte Bauern, vorwiegend der Stämme Dogon, Kurumba und Samo, die bereits vor der Invasion der Mossi hier lebten. Ihr Sippenältester wird Tengsoba (Bodenchef des Dorfes) und stellt vor allem eine religiöse Autorität dar. Bis zur Kolonialzeit entschied er auch über Bodenzuweisungen an die Familien des Dorfes und konnte über die Heirat junger Frauen bestimmen. Die Tengsobanamba werden bei der Inthronisierung eines neuen Königs beteiligt.

2.2.2. Peul (Viehzüchter)

Sie leben teils seßhaft, teils als Nomaden, insbesondere im trockenen Norden Burkina Fasos. Die Peul sind politisch vom Mossireich unabhängig, obwohl ihre Dörfer mit den Mossidörfern gemischt liegen. Sie haben stets gute Beziehungen zum Königreich unterhalten.

2.2.3. Mossi

Die Mossi verstehen sich als Nachkommen des Naaba Wadraogo und gliedern sich nach Buudu (Verwandschaftsgruppen). Die Nakombse bilden die weitläufige königliche Familie; alle anderen Buudu werden unter dem Begriff Talse zusammengefaßt.

Die Dorfchefs der Nakombse werden vom König eingesetzt. In den vier königlichen Residenzen tragen sie den Titel Naaba. Innerhalb der Nakombse ist es wegen der Nähe zur politischen Macht am Hof häufig zu Machtkämpfen gekommen.

In Talse-Dörfern wird der Talga (Dorfchef) aus der Cheffamilie gewählt und vom König bestätigt. Dadurch haben sich lokale Aristokratien gebildet.

2.2.4. Saaba (Schmiede)

Sie bilden unter den Tengdemba und unter den Mossi jeweils eine streng endogame Gruppe, die allerdings nicht in eigenen Dörfern siedelt. Sie werden gesellschaftlich diskriminiert und insbesondere am Königshof ausgebeutet. Dennoch werden sie in der Versammlung der Männer des Dorfes oft als wichtigster Ratgeber nach dem Dorfchef geschätzt.

2.2.5. Bingdemba (Gefangene der Nakombse)

Sie sind keine Leibeigenen im europäischen Sinn, sondern leben in eigenen Dörfern. Viele von ihnen arbeiten am königlichen Hof. Sie mischen sich mit den Nakombse.

2.2.6. Fremde und Silmi-Mossi (Mischlinge)

Diese wurden in der Kolonialzeit in jeweils separate Dörfer zwangsumgesiedelt.

3. Städtisches Bürgertum in Burkina Faso

Neben der Landbevölkerung steht ein städtisches Bürgertum aus Militär, Verwaltungsbeamten und Lehrern. Dieses stellt unter zehn Prozent der Bevölkerung, doch wird mehr als die Hälfte des Staatshaushalts für seine Entlohnung ausgegeben. Angesichts der insgesamt rund vierzig Industriebetriebe im Lande spielt eine Arbeiterschaft nur eine untergeordnete Rolle.

Die Beamten organisieren sich in Gewerkschaften und nehmen auf diese Weise massiv Einfluß auf die Politik. Im Gegensatz zu Industriestaaten, in denen die Gewerkschaften den gesellschaftlichen Verteilungskampf zugunsten der relativ ausgebeuteten Industriearbeiterschaft fühen, stützen hier die Gewerkschaften die Forderungen der privilegierten Beamtenklasse gegen die Masse der vernachlässigten und häufig verdrängten Bauernschaft.

4. Die Politik Thomas Sankaras

1983 hat sich der burkinabésche Hauptmann Thomas Sankara mit Hilfe einer Gruppe junger Offiziere gegen die bisherige Militärregierung an die Macht geputscht.

Er wollte

* die traditionelle Herrschaft der Dorfchefs brechen,

* die Landwirtschaft auf der Grundlage von Solidarität, Familien- und Nachbarschaftshilfe stärken und gezielt fördern,

* von ausländischer Hilfe unabhängig werden,

* imperialistische Einflüsse zurückdrängen,

* die Befreiung der Frauen vom Patriarchat vorantreiben,

* gegen Korruption und Spekulantentum kämpfen.

Damit machte er sich sowohl einflußreiche Teile der ländlichen Bevölkerung als auch die Gewerkschaften zum Feind. Er stützte seine Herrschaft daher wesentlich auf das Militär, da seine potentiellen Verbündeten, die Bauern, nicht oder nur über den Umweg der ausgesprochen skeptischen Dorfchefs organisiert waren.

Er wurde am 15. Oktober 1987 nach internen Auseinandersetzungen in der politischen Führung von seinem engsten Vertrauten ermordet und abgelöst. Seine Politik wurde dabei entgegen anderslautender Beteuerungen weitgehend preisgegeben.

Der Putsch zeigt eindrucksvoll, wie gering die Regierungsmacht in Burkina Faso ist: Er konnte ohne große Vorbereitung durchgeführt werden und verlief weitgehend unblutig (ca. 40 Tote). Innerhalb weniger Stunden hatte die neue Führung die Lage im Griff. In der Folgezeit gab es kaum Probleme mit Protesten aus der Bevölkerung.

5. Die Naam-Genossenschaften in Yatenga

Naam heißt "Macht" und bezeichnet das gesamte Herrschaftssystem der Mossi, insbesondere die persönliche Stellung des Königs oder Dorfchefs. Der Begriff hat eine Vielzahl religiöser, mystischer, geschichtlicher und sozialer Konnotationen, die ich aus der vorliegenden Literatur nicht angemessen erschließen konnte.

Speziell bedeutet Naam eine saisonale Altersklassenvereinigung Jugendlicher in Yatenga im Norden Burkina Fasos, in denen die jungen Leute die gesellschaftlichen Organisationsprinzipien der Mossi im Kleinen einüben und Arbeitshilfen für Bedürftige leisten. Besonderheiten der Naam der Jugendlichen sind dabei die Wahl aller Würdenträger durch Konsens der ganzen Gruppe, die Integration der Schmiede und die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Dies scheint auf den ersten Blick in krassem Gegensatz zu den oben angedeuteten Organisationsprinzipien der Mossi-Gesellschaft zu stehen. Tatsächlich zeigt sich hier wohl nur die Vielschichtigkeit einer Gesellschaftsordnung.

Auf Initiativen aus der Bevölkerung hin wurde diese Naam der Jugendlichen zu einem Genossenschaftsmodell ausgebaut. Grundsätzlich bildet jedes Dorf insgesamt eine Genossenschaftsgruppe. Es gibt ca. 2200 Gruppen mit je 30 bis 300 Mitgliedern. Die Gruppen schließen sich aus Bezirksebene, die Bezirke auf Provinzebene zusammen. Dabei liegt grundsätzlich jede Entscheidungsbefugnis bei den einzelnen Gruppen; sie können Entscheidungen auf höhere Ebenen delegieren.

Die Naam organisiert wirtschaftliche Projekte wie die Anschaffung von Hirsemühlen oder den Bau kleiner Staudämme für Regenrückhaltebecken. Sie vergibt persönliche zinslose Kredite, beispielsweise für die Schaffung von Produktionsmitteln. Ihr Mittelpunkt sind allerdings die sozialen Aktivitäten wie Solidaritätsfonds, Getreidebanken, gemeinschaftliche Feiern und Integration der Jugendlichen und der Alten.

Wie die wirtschaftlichen Projekte organisiert werden, führe ich hier aus Zeitgründen nicht im einzelnen aus; einige Hinweise dazu geben die folgenden Thesen.

6. Thesen

Im folgenden stelle ich als Anregung für die Diskussion sieben Thesen auf. Die ersten vier gehen auf Organisationsprinzipien der Naam-Genossenschaft zurück und betreffen Macht und Kapital im Kleinen. Die fünfte und sechste ziehen Konsequenzen aus Film und Referat im Bezug auf internationale Politik. Die letzte ergab sich aus dem Versuch, die ersten sechs Thesen auf die europäische kapitalistische Gesellschaft und insbesondere auf unsere eigene politische Praxis anzuwenden.

6.1. Politische Macht

darf nur durch freiwilligen Zusammenschluß entstehen. Die Zahl der Teilnehmer darf nicht größer sein, als das jedeR einzelne durch persönliche Kenntnis jedes anderen dessen Gründe für die Teilnahme tatsächlich kennt.

6.2. Übertragung

von Aufgaben, Ämtern und Würden geschieht nur durch Konsens der ganzen Gruppe.

6.3. Privateigentum

an Produktivkapital darf nur erwirtschaften, wer vor Beginn der Erwirtschaftung bestimmt, welche andere Gruppe das Erwirtschaftete sofort nach der Fertigstellung zur Benutzung und Pflege erhält. Gegenseitige Hilfe dieser Art ist ausgeschlossen.

6.4. Wer Produktivkapital annimmt,

ist verpflichtet, ähnliches Produktivkapital zu erarbeiten, sofern er dazu in der Lage ist und es Menschen gibt, die es brauchen.

6.5. Regierungspolitik

ist auch in Entwicklungsländern weitgehend ohne Einfluß auf die wirtschaftliche und soziale Situation. Regierungen sind daher nur dann zu unterstützen, wenn sie ihre eigene Macht systematisch abgeben.

6.6. Entwicklungspolitik

darf unter keinen Umständen Projektförderung sein.

Nahrungsmittelhilfe ist nur für die Dauer akuter Hungersnöte, keinesfalls zur Vorratsbildung zu verantworten.

Industialisierungsprojekte dürfen nur erfolgen, wenn die Initiative von lokalen Genossenschaften ausgeht, die Bau, Betrieb, Wartung und Verteilung der Produkte übernehmen.

6.7. Politik in den Metropolen

hat zunächst Nischen zu schaffen und auszubauen. Bündnisse erfolgen nur zum Ausbau der Nischen, nicht zur Teilhabe an Macht. Errungene Macht ist sofort zu verteilen.

Ingo