Notizen zum Vorlesungszyklus "Vereinigungsfolgen - Zur Neustrukturierung des Geschlechterverhältnisses"

von Frau Prof. Dr. Hildegard Maria Nickel

Fakultätsinstitut Sozialwissenschaften an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin

gehalten anlässlich der Verleihung des ersten Helge-Pross-Preises

an der Gesamthochschule Siegen vom 23. November bis 7. Dezember 1994

{Anmerkung von Ingo: Diese Zusammenfassung beruht auf Notizen, die ich mir während der Vorlesungen gemacht habe. Die notierten Aussagen habe ich subjektiv nach meinen damaligen Interessen ausgewählt; es werden nicht alle Themen, auf die Frau Nickel angesprochen hat, hier erwähnt; die Punkte, die hier ausführlich behandelt werden, sind nicht notwendig Schwerpunkte des Vortrags gewesen. Die Zusammenfassung habe ich am 14. August 1996 erstellt; zum Teil habe dabei ich meine Stichpunkte zum leichteren Verständnis nachträglich ausformuliert. Wörtliche Zitate in doppelten Anführungszeichen "..." stammen, soweit nichts anderes angegeben ist, von Frau Nickel; Zitate, die Frau Nickel verwendet hat, stehen in einfachen Anführungszeichen '...', wo die Quelle nicht angegeben ist, ist sie mir unbekannt. Quellenangaben stehen in eckigen Klammern [...], Literaturverweise erfolgen durch Nummern in eckigen Klammern [n]. Notizen, die ich 1994 gemacht habe, die aber über den Vortrag hinausgehen, sind als Fußnoten angeführt. Verdeutlichende Anmerkungen, die ich 1996 hinzugefügt habe, stehen in geschweiften Klammern {...}; Stellen, bei denen meine Notizen nicht sicher deuten konnte, sind mit {?} markiert.}

1. Vorlesung am 23. 11. 1994: "Wi(e)der das schlichte Vergessen: Doppelte Asymmetrien der Gleichberechtigung (Ein Rückblick)"

1. Kapitel: "Frauen - Verliererinnen der deutschen Einheit?"

Es gibt drei gängige Erklärungen, warum Frauen zu Verliererinnen der Einheit werden:

a) Der "heimliche Lehrplan" in der DDR {vgl. [1]} bedingt in der BRD schlechtere marktwirtschaftliche Chancen für DDR-Frauen als für DDR-Männer.

b) Eine nenneswerte Zahl von Unternehmen argumentiert bei Einstellungsentscheidungen biologistisch.

c) Die BRD betreibt einen allgemeinen Sozialabbau, wobei öffentlicher Geldmangel als Grund angegeben wird.

Im allgemeinen führt die gegenwärtige Krise des Kapitalismus zur Verfestigung und Vertiefung sozialer Differenzierungen.

Parallel dazu bewirkt Gendering die Verwischung alter und den Aufbau neuer Grenzen zwischen den Geschlechtern.

2. Kapitel: "Zwei Formen der Gleichberechtigung: Frauenpolitik in Ost und West"

Die Frauenpolitik der DDR lässt sich nach ihren vorherrschenden Zielen grob in drei Phasen einteilen. Die Jahreszahlen geben grobe Anhaltspunkte und stellen keine scharfen Grenzen dar.

a) Integration von Frauen in den Arbeitsprozeß (1946-1965). Bis zum Schluss bildete auch für Frauen die Berufsarbeit das 'Herzstück sozialistischer Lebensweise'.

b) Konzentration auf Weiterbildung und Qualifizierung von Frauen (1963-1972). Parallel dazu flächendeckende Ausweitung staatlicher Kinderbetreuung und Propaganda für den hausarbeitenden Ehemann.

c) Vereinbarkeit von Beruf und Familie (1971-1989). Diese Familien- und Mütterpolitik begünstigte soziale Polarisierungen. Allerdings wurde auch die Idee einer 40h-Woche für Väter mit mindestens zwei Kindern diskutiert.

Insgesamt hat die "paternalistische Gleichstellungspolitik" der DDR Frauen stärker beeinflusst als Männer.

Gemeinsame Entwicklungen in BRD und DDR: Verkleinerung und Lockerung familiärer Zusammenhänge, Zunahme der Zahl von Singles. Vgl. hierzu die Schriften von Thomas Meier, GH Siegen.

Unterschiede der Situation in der BRD zur Situation in der DDR: mehr Ledige, spätere Heirat, spätere Geburt, mehr späte Geburten, weniger Alleinerziehende, aber mehr alleinerziehende Männer: In der BRD sind 11% der Alleinerziehenden Männer; Geschlechtermodell eher hierarchisch als komplementär.

Versuch einer groben Phaseneinteilung von Diskursen über Frauenpolitik in der BRD anhand ihrer vorherrschenden Themen:

a) restaurative Phase (vor 1966)

b) Teilzeitarbeit und 3-Phasen-Modell (1966-1971). Hierbei blieb allerdings die Mutterrolle der Frau Leitbild; dies gilt für die ganze BRD auch heute noch.

c) berufliche Qualifikation und {Vollzeit- ?} Erwerbsarbeit parallel zur Familie (1972-1975). Leitbegriffe Chancengleichheit, Wahlfreiheit, Partnerschaft

d) Wahlfreiheit für beide Geschlechter (1976-1980). Hierbei gelangte der Familienbereich stärker ins Blickfeld.

e) Neue Mütterlichkeit (seit 1979). Neokonservativer Diskurs um das Wesen der Frau, Aufwertung der Mutterrolle; parallel dazu Tendenzen der Individualisierung.

3. Kapitel: "Trends und Tendenzen: 5 Jahre nach der Wende"

Veränderungen der Situation in der DDR nach dem Anschluß:

a) Aufwendungen der Frauen für Hausarbeit zunächst zurückgegangen, jetzt wieder steigend

b) Polarisierung der Einkommensstrukturen

Veränderungen in der BRD seit ca. 1966:

a) Zunahme der Zahl erwerbstätiger Frauen um ca. 10 Prozentpunkte, insbesondere in Teilzeit. Wichtigste Ursache dafür war der Arbeitskräftebedarf. Dieser Effekt ist nach Branchen segregiert und konzentriert sich in Handel und Dienstleistung.

b) Die Bildungsreform brachte als Teilerfolg eine Verbesserung der Bildungssituation für Frauen.

c) Veränderung von Einstellungsmustern. Die BRD-Frauen stehen heute vor dem Entscheidungskonflikt "Mutter oder Berufsfrau". In der DDR gab es keine solche Entscheidungssituation, sondern die Doppelrolle wurde unter enormer Belastung von fast allen Frauen gelebt. Das Ziel "lebenslange Erwerbstätigkeit" wird aber von BRD-Frauen nach wie vor nicht realisiert.

d) Liberalisierung der Sexualmoral

In der BRD wurden das Erreichte von den Frauen selbst von unten erstritten. In der BRD gibt es eine stärkere öffentliche Sensibilisierung als in der DDR, aber eher eine symbolische als eine reale Gleichstellung. Die Situation ist nach wie vor von enormen Einkommensunterschieden, starker Hierarchisierung und finanzieller Abhängigkeit, insbesondere bei Geburten, geprägt.

2. Vorlesung: "(K)ein einig Volk von Schwestern: Über sozialwissenschaftliche Theoreme und sozialisatorische Hintergründe"

4. Kapitel: " 'Ostfem' - Ein erfahrungswissenschaftlicher Zugang?"

Seit vier Jahren findet in Berlin die Tagung 'Ostfem' statt. Die Teilnehmerinnen kommen ausschliesslich aus der ehemaligen DDR. Ostfrauen habe Angst vor dem Verlust ihrer authentischen Erfahrungen. Hierbei spielt die Abwehr von Diskurs und Differenztheorien eine Rolle

Zwischenfrage: Dies erinnert an aktuelle Diskurse zwischen Migrantinnen und christlichen, deutschen, weißen Frauen. Antwort von Frau Nickel: Das Beharren auf eigenen Räumen ist wichtig, "aber bitte ohne Kommunikationsverweigerung."

Die verschiedene Lebensgeschicht führt zu verschiedenen Erfahrungen und Zielen und damit in Analyse und Handlungsansätzen zu verschiedem Feminismus, obwohl es beide Male um den Kampf gegen die jeweilige Form des Patriarchats geht.

Ostfem 1989: Hoffnung auf emanzipatorische Erfolge im Zuge einer Öffnung

Ostfem 1990: mangelnde Basis und Differenzen wurden deutlich

Frauenforschung gab es in der DDR etwa seit 1960; sie ist sehr verschieden von der Frauenforschung in der BRD. Einige Eigenschaften der Frauenforschung in der DDR:

a) funktionale Betrachtungsweise, getrennt nach den Perspektiven ökonomisch - biologisch - politisch; keine Betrachtung in der Komplexität des Lebenszusammenhangs

b) einheitliches Ziel: die 'richtige' Verteilung der Frauen auf Qualifikationsgruppen

c) Ausrichtung an männlichen Maßstab. Sie war Defizit-, nicht Differenzforschung.

d) objektive Aspekte (Ausstattung mit Ressourcen, Macht) waren nicht zentral

e) parteilich im Sinne des Sozialismus, nicht im Sinne der Frauen

f) keine Frauenbewegung im Rücken

g) Themen wurden vom ZK der SED festgesetzt

h) Beitrag zu Tabuisierungen, zur 'Verkümmerung des Frauenbewusstseins', zu Desensibilisierung in Geschlechterfragen

i) Thema war zum Nebenwiderspruch verkleinert

k) parallel: Mythologisierung der erreichten Gleichberechtigung, d.h. diese wurde schließlich für real gehalten, auch von Frauen.

In diesem Sinne ist die paternalistische Gleichstellungspolitik eine wichtige Voraussetzung dafür, daß DDR-Frauen zu Verliererinnen der Einheit werden. "Sie haben das Wehren nicht gelernt."

5. Kapitel: "Sozialisationsgepäck: Das geschlechtsspezifische Erfahrungswissen von Ost-Frauen"

Im Westen hat eine Entmythologisierung der Erwerbsarbeit stattgefunden. Im Osten war die Berufsarbeit bis zuletzt Herzstück sozialistischer Lebensweise. Das führt jetzt im Osten fallweise zu Identitätsschwierigkeiten.

Die Familie ist die einzige soziale Struktur, die den Systemzusammenbruch überdauert hat. Gleichzeitig sind im Osten Familienbildung und -auflösung praktisch zum Stillstand gekommen, weil die Menschen nicht ihr letztes soziales Netz verlieren wollen.

Wertewandel: Empirische Untersuchungen zeigen, dass im Osten vor 1989 die Familie wichtiger als der Beruf empfunden wurde, und dass sich dieses Verhältnis nach 1990 umkehrt. Dies liegt daran, dass ökonomische Zwänge den Beruf heute lebensnotwendig machen, {während er in der DDR selbstverständlich war}.

In der DDR war "Sozialisation" als bürgerlicher Begriff diskreditiert. ForscherInnen haben daher oft den Umweg über die Bildungssoziologie gewählt. {So auch Frau Nickel, vgl. [2]}

Jugendliche in der DDR suchten nach festen Geschlechterverhältnissen und reproduzierten dabei teilweise schon überwundene Stereotype. "Die verrücktmachende Ambivalenz der Geschlechterbefreiung in Familie und Schule" [Holstein]

Jutta Gysi [3] hat herausgefunden: 91% der Eltern im Osten (gegenüber ca. 30% im Westen) halten eine außerfamiliäre Kinderbetreuung für selbstverständlich. 4% präferieren eine häusliche Alternative.

Nach der Wende wandern Mädchen/Studentinnen aus Männerdomänen-Studiengängen verstärkt ab. Dadurch besteht die Gefahr des Zurückfallens hinter die alte West-Situation, weil es im Osten nicht eine so bewußte Diskussion dieser Themen gibt {vgl. Schlußsatz zu Kapitel 4}

Antiautoritäre Erziehung wurde im Osten weder offiziell noch widerständig diskutiert.

3. Vorlesung: "Transformationsprozesse: Zur Neustrukturierung des Geschlechterverhältnisses"

6. Kapitel: "Ansätze und Beispiele eines Forschungsprojektes (gemeinsam mit Hasko Hüning)"

Wie gehen Ost-Frauen mit ihrer neuen Situation nach der Wende um? Versuch einer Typologie

Lösung Typ a) Schwerpunkt Beruf&Karriere; Partnerschaft ohne Kinder

Lösung Typ b) Verlängerung des Vereinbarkeitsmodells: Gleichgewicht von Familie und Beruf. Keine Karriere, aber Verteidigung des Arbeitsplatzes. Zugeständnisse im Bereich der Familie, aber nur, soweit als zumutbar empfunden

Lösung Typ c) Orientierungslosigkeit. Unklare Beschäftigungs-Vorstellung, passive Haltung, traditionelle Lebensweise, z.T. Aufgabe des Arbeitsplatzes. Dieser Typ kommt besonders bei vergleichsweise geringer Qualifikation vor.

Neu gegenüber der DDR ist insbesondere die interne Differenzierung von Lebenswegen unter den Frauen.

Erstes Forschungsprojekt: Pilotstudie an der Landesbank Berlin zum Thema Finanzdienstleistungsunternehmen - betriebliche Strategien und individuelle Handlungsoptionen.

Methode: Transformationsanalyse. Keine repräsentative Befragung. Weder zweigsoziologisch noch exakt ausformulierbare Methode. Besonders qualitative Ansätze.

Beachtung kultureller Aspekte des Transformationsprozesses. In wie weit ist er überhaupt gestaltbar? Bedeutung der Unternehmensphilosophie.

Studie gemeinsam mit Hasko Hüning, Politikwissenschaftler von der FU Berlin. Er hat bis 1990 schwerpunktmäßig DDR-Forschung betrieben.

Zusätzliches Problem: Die BRD ist nach 1990 mit Verzögerung in eine weltwirtschaftliche Rezession eingetreten. Krise des fordistisch-tayloristischen Entwicklungsweges. Westliche Metropolen in Strukturkrise. Metropolen bilden Rahmen für Transformationsprozesse im Osten, ohne ihre eigene Krise gelöst zu haben. Das kann man herunterbrechen bis auf einzelne Betriebe.

Untersuchtes Unternehmen: Sparkasse der Stadt Berlin; 1945/49 Trennung in Sparkasse der Stadt Berlin und Sparkasse der Stadt Berlin-West; 1989 Vereinigung zu Landesbank Berlin unter West-Management.

Das West-Management ist mit der Frage 'Wir kommen mit den Ossis nicht klar.' an die ForscherInnen herangetreten; so etwas ist ungewöhnlich, denn Banken lassen normal nicht gern Sozialwissenschaftler in den Betrieb.

qualitative Interviews, direkte Fragen an die MitarbeiterInnen

Geschäftsleitung klargemacht, dass die Überwindung des Problems ein jahrelanger Prozeß ist

Konzept: Durchmischung, großes Qualifizierungsprogramm, arbeitsorganisatorische und produktbezogene Weiterbildung. Inzwischen relativ weit fortgeschritten, aber noch lange nicht angekommen.

anderer Weg: Die Allianz hat die Staatliche Versicherung der DDR übernommen und massiv Personal abgebaut

Aufgaben der Landesbank: gleichzeitig eigene interne Reform (lean banking) und Ost-Integration

Arbeitskollektiv und Kollegialität gehen verloren, distanziertere Führung führt zu Unsicherheit und Versagensängsten

Landesbank war mit Ergebnissen zufrieden

Zweites Forschungsprojekt, jetzt in der Fläche in Sachsen-Anhalt, nicht mehr bloß Fallstudie: Kontraste Deutscher Bank, Commerzbank, Volksbank, Kreissparkassen und Versicherungen; Thema: Finanzdienstleistungen im Umbruch

Fragen: Strukturwandel, Integration, Arbeitsorganisation, Beschäftigtenentwicklung, Karrierewege, Geschlechterverhältnis, betriebliche Sozialleistungen

Situation: Umstrukturierungskrise seit 1989, Deindustrialisierung, Produktionszusammenbruch 1990

nur Bau, Banken und Versicherungen stellen 1991-1993 mehr ein, als sie entlassen; trotz Übernahmen; Aufbauphase 1993 wesentlich abgeschlossen, heute Hinweise auf Sättigung; ab 1993 alle Bereiche für junge West-Männer geöffnet

Aufbauphase 1990-1993: gleichzeitig und bis heute Entlassungswellen, insbesondere unter älteren Personen in leitenden Positionen; Routinetätigkeiten abgebaut, besonders Frauen entlassen, Entlassung von Aufbauhelferinnen; bevorzugt befristete Beschäftigung; Qualifizierungsmaßnahmen: znächst Grundlegung per Gießkanne, aber gleichzeitig Auslese, die zu massiven Enttäuschungen führte

Konsolidierungsphase ab 1993: Karriere der West-Qualifizierten (Bank- oder Versicherungskaufmänner) steiler als die der Gießkannen-Qualifizierten; Personalsuche 'inten vor extern', außer bei Auszubildenden und Trainees; gefordert: Erfolgswille, Bereitschaft zur Anpassung des Lebensalltags; Rekrutierungspraxis besonders bei Lehrlingen und Trainees trotz geringeren Anteils an der BewerberInnen und schlechteren Noten zugunsten von Männern, besonders mit dem Argument der Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern

Nur ein Gegenbeispiel, im Außendienst einer Versicherung: sucht Leute (wegen schlechterer Beschäftigungsbedingungen), will sich für Frauen attraktiver machen; aber selbst da: Frauen sollen glaubhaft machen, wie sie die Kinderbetreuung sicherstellen können

7. Kapitel: "Sozialwissenschaftliche Antworten: Theoreme der feministischen Debatte"

nicht zu sehr Differenz diskutieren, keine zu traditionelle Definition von Weiblichkeit wählen!

konkrete Defizite angehen: Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Elternschaft etc.! Arbeitszeitmodelle diskutieren!

West: Männer {in Veränderungen} einbeziehen! Ost: eigenen Weg finden!

Frauen in Führungspositionen werden im gewissen Maß normal

Neue politische Konzepte gibt es weder von West-, noch von Ost-Frauen, sondern aus Amerika: Nancy Freser, Benna Webb [4]

Literaturverweise