Senat und Konvent - das waren die Wahlen!

Uni-Bote, 12. Ausgabe (die 11. fiel aus), 7.7.94

So! Mit ein bißchen Glück haltet Ihr am letzten Tag des Sommersemesters noch einen Uni-Boten in Händen. In der vorlesungsfreien Zeit wird er zwar auch fast regelmäßig alle drei Wochen erscheinen, aber Ferien sind nunmal Ferien und in den Ferien geht man in die Fabrik. Allen Malochern, Paukern, Heimfahrern, Fernfahrern und Innen wünschen bei ihrer Beschäftigung viel Freude. In eigener Sache ist noch zu bemerken, daß es in der Redaktion einen Wechsel geben wird. Was Inhalt und Qualität des Uni-Boten angeht, wird sich das (hoffentlich) nicht so bemerkbar machen. Der redaktionelle Teil bleibt weiter in der Verantwortung der DLL.

Senat und Konvent - das waren die Wahlen!

Wie mindestens 5,2 % von euch wissen fanden am 14. und 15. 6. die Wahlen der studentischen Mitglieder von Senat und Konvent statt. Die StudentInnenschaft verfügt über vier von 23 Sitzen im Senat und über sieben von 43 Sitzen im Konvent. Das ist kein besonders hoher Anteil, aber wir sind ja bescheiden geworden und schon bei so mancher Abstimmung durften die studentischen Vertreter ganz demokratisch die FDP spielen. Hauptaufgaben des Konvents sind Änderungen der Grundordnung und die Wahl von RektorIn und ProrektorInnen. Der Senat ist für alle Angelegenheiten in Forschung, Lehre und Studium zuständig, die die gesamte Hochschule oder zentrale Einrichtungen betreffen oder von grundsätzlicher Bedeutung sind. Dazu gehören zum Beispiel die Besetzung von Professuren, Änderung von Prüfungs- und Studienordnungen und Um- und Auszüge von Fachbereichen.

Die Wahlbeteiligung war mit 5,2 % fast dreimal so hoch wie in den Jahren zuvor. Ob dies auf die vom AStA durchgeführte "neutrale Wahlwerbung im Auftrag des StudentInnenparlaments der GH Siegen" zurückzuführen ist oder darauf, daß die KandidatInnen erstmals verstärkt selbst Wahlwerbung für sich betrieben haben, oder darauf, daß die Urnenstandorte aus entlegenen Kellerräumen zum Beispiel ins Mensafoyer verlegt wurden, darüber beraten zur Zeit noch die Gremien. Die DLL, die mit eigenen Listen antrat, und ihre artverwandten Schwesterorganisationen, die sich für die Konventswahlen zu dem Wahlbündnis "Die Unabhängigen" zusammenschlossen, können mit dem Ausgang der Wahlen jedenfalls zufrieden sein. Bei den Konventswahlen konnten wir vier von sieben erringen. Für die DLL gehören diesem Gremium Sandra Hildebrandt und Alexandra Oerter an, für die Unabhängigen Bernd Hasenmaier und Judith Osterbrinck. Die weiteren studentischen VertreterInnen sind Beate Belhazy aus dem Fachbereich 5 sowie die von führenden Schuhverkäufern empfohlenen Vertreter des RCDS Peter "v." Nahmen und Michael Ruetting. Letzterer wohnt übrigens laut seinem Wahlvorschlagsformular in einem Olper Postfach. Bei den Senatswahlen setzten sich unsere KandidatInnen in den Wahlkreisen Geistes-, Natur- und Ingenieurwissenschaften durch. Die Geisteswissenschaften (FB 2-4) werden von Matthias Streif (UL-AES), die Naturwissenschaften (FB 6-8) von Ingo Schwarze (DLL) und die Ingeniuerwissenschaften (FB 9-12) von Bernd Hasenmaier (ULEI) vertreten. Für die Sozialwissenschaften (FB 1 und 5) sitzt ein RCDSler namens Torsten Köck im Senat. Im großen und ganzen sind die Arbeitsvoraussetzungen, besonders was die Anbindung der studentischen Selbstverwaltung an die Hochschulselbstverwaltung angeht, günstig.

"Mitten ins Ziel" und voll daneben

Aber wenden wir uns vom trockenen Geschäft ab und beschäftigen uns mit den heiteren Dingen des Lebens, nämlich mit dem RCDS und seinen schriftlichen Verlautbarungen. "Der Wert einer einheitlichen, im gesamten deutschen Sprachraum verbindlichen und anerkannten Regelung der Rechtschreibung wird heute kaum noch in Frage gestellt." So schreibt es die Dudenreaktion im Vorwort zur 19. Auflage. Und tatsächlich beugt sich der Großteil des deutschsprechenden Mitteleuropas dem Sprachdiktat des Bibliographischen Institutes. Nur im Siegerland leistet eine kleine hochschulpolitische Gruppe verzweifelten Widerstand gegen die oktroyierten Normen. Wir zitieren:

"Wie Ihr seht sind dies wichtige Aufgaben, die untere Vertreter dort wahrzunehmen haben. Deshalb ist es besonders wichtig und in Euerem Interesse das Ihr zur Wahl geht! Wo Ihr wählen könnt seht Ihr in den folgenden Zeilen."

In diesen drei Sätzen fehlen nicht nur drei Kommas. Der RCDS demonstriert auch, daß er für die Gleichheit (von "das" und "daß") genauso eintritt wie für einen volkstümlichen Sprachgebrauch ("Euerem"). Aber wie schreibt die Dudenredaktion weiter: "Nach wie vor sollte aber gelten, daß die Beherrschung der Rechtschreibung nicht als Gradmesser für Begabung und Intelligenz angesehen werden darf." Na, dann wollen wir mal nicht so sein und zittern stattdessen der Fortsetzung des Stupablitzkrieges im Herbst entgegen.

Volles Haus bei Gregor Gysi

Ob es nun 1000, 1200 oder 1400 Leute waren, die sich am Abend des 17. 6. im Audimax drängelten: Seit Menschengedenken brachte kein AStA soviel Volk auf die Beine wie zu der Diskussionsveranstaltung "Militarismus, Bundeswehr und Neue Weltordnung" mit dem redegewandten PDS-Politiker. Es hatten sich nicht nur, wie Gysi bemerkte, "mehr Menschen versammelt, als wir Stimmen in dieser Stadt hatten", sondern auch zweieinhalb mal so viele, als sich an den Wahlen der studentischen Vertreter in Senat und Konvent überhaupt beteiligt haben und das etwa dreissigfache der TeilnehmerInnen der letzten Gesamtvollversammlung (GVV). Wie ein einsamer Leuchtturm ragte die Kamera des DLL-Videoteams aus dem Meer des Publikums, mit der es trotz starken Seeganges gelang, einige Bilder einzufangen, die aneinandergereiht sogar einen Film ergeben (demnächst im AStA).

Wie nicht anders zu erwarten erwies sich Gysi als glänzender Redner, dem es in seinem etwa vierzigminütigem Vortrag gelang, das weitgefaßte Thema in einen perspektivischen Zusammenhang zu stellen. Im Mittelpunkt stand dabei für Gysi die weltweite Lösung der sozialen Frage. Den Ambitionen des vereinigten Deutschlands, nicht mehr nur die Waffen zu liefern, sondern auch wieder mitschießen zu dürfen, erteilte er eine klare Absage. Gysi hob die Rolle der PDS als linker Opposition hervor, die die politische Landschaft der Bundesrepublik auch ohne einer Regierung anzugehören verändern und beeinflussen könne . Wie es in einem Wahljahr zum guten Ton gehört, kam der ehemalige Vorsitzende immer wieder auf die Vorzüge seiner Partei zu sprechen. Angriffe gegen die Bonner Regierungskoalition und die SPD blieben dabei natürlich nicht aus. In der anschließenden Diskussion ließ sich Gysi auch von zwei offensichtlich der Jungen Union nahestehenden Trubelmacher in FDJ-Hemden nicht aus der Ruhe bringen und wußte gar an Helmut Kohl etwas zu bewundern: sein dickes Fell. Nach etwa zwei Stunden verließ Gysi unter anhaltendem Applaus das Rednerpult. Menschen mit fröhlichen, zufriedenen, aber auch mit ernsten und nachdenklichen Gesichtern strömten aus dem Saal in den warmen Frühsommerabend.

Auf diese Art hält man Wahlkampfversprechen am liebsten ein, denn vor den StuPa-Wahlen im Januar hatte die DLL versprochen: "Wenn Ihr uns wählt, holen wir im Sommer Gregor Gysi. Wenn Ihr uns nicht wählt, auch, und dann bringt er seinen großen Bruder mit." Der Erfolg dieser Veranstaltung als politischer Höhepunkt des Sommersemesters läßt für den Herbst an ähnliche Ereignisse denken. Unser Angebot, eine Veranstaltung mit Heiner Geißler zu machen, wenn es dem RCDS gelingt, ihn unter ähnlichen Konditionen zu holen wie wir Gregor Gysi, besteht jedenfalls.

Pressefrechheit

Noch leben wir in der Postmoderne und da läßt sich ja alles mögliche mit sonstwas vergleichen, zum Beispiel Bonn mit Weimar, Gorbatschow mit Goebbels und Pommes mit Mayo. Und wenn es dann verglichen ist kann je nach dem die Gleichsetzung erfolgen. Wie von Gregor Gysi und Franz Schönhuber. Die (inofizielle) Begründung der "Westfälischen Rundschau", warum es keinen Bericht über die Gysi-Veranstaltung geben durfte, war nämlich, daß man Gregor, den gemeingefährlichen, nicht durch Berichterstattung aufwerten wolle, und man ja auch nichts bringen würde, wenn Franz Schönhuber in Siegen wäre. Von der Unverschämtheit und der Absurdität dieser Parallelsetzung mal abgesehen, kann es nur verwundern, daß ausgerechnet die WR die PDS ausgrenzt. Schließlich sollte sie sich als Zeitung mit gewerkschaftsnaher Tradition freuen, daß es wieder eine sozialdemokratische Partei in Deutschland gibt.

Zu unserem großen Erstaunen brachte dafür die "Siegener Zeitung" einen längeren, sachlichen Bericht mit Bild. So mußten informationswillige Bürgerinnen und Bürger sich ausgerechnet dem reaktionärsten Blatt vor Ort bedienen, dem wir daher an dieser Stelle ausnahmsweise nicht die ewige Verdammnis wünschen. Aber nur das eine Mal!

SI-KARTUUN - Deutschlands bestes Fanzine!

Das Siegener Comic-Magazin SI-KARTUUN ist für seine eben erschienene neunte Ausgabe vom Interessenverband Comic (ICOM) als bestes deutschsprachiges Amateurcomicmagazin (Fanzine) ausgezeichnet worden. Der mit 2000 DM dotierte Preis wurde Anfang Juni auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen verliehen. Für SI-KARTUUN ist das ein schöner Abschluß, denn mit den gleichzeitig erschienenen Ausgaben 9 und 10 wird das Projekt eingestellt. Neben der unerfreulichen Tatsache, daß sich das Heft nicht mehr kostendeckend machen läßt (Von Gewinnen konnte leider nie die Rede sein.) sind die fünf Herausgeber auf Siegen, München, Köln und demnächst Houston verteilt, was die gemeinsame Arbeit natürlich nicht leichter macht.

Zum guten Schluß haben sich die Herausgeber, von denen zwei in Siegen studieren, aber noch einmal richtig ins Zeug gelegt und präsentieren auf insgesamt 140 Seiten die deutschsprachige Comic-Szene in einer seltenen Bandbreite. Unter den 60 Autoren (und zwei Autorinnen) sind sowohl viele, die das Heft in den letzten Jahren geprägt haben, als auch solche, die extra für die letzten Ausgaben noch um Beiträge gebeten wurden und nicht wenige, die auch bei großen Verlagen publizieren wie Hansi Kiefersauer, Nils Fliegner (MAD) und Anton Atzenhofer. Mit den Szenen Berlin (Georg Barber oder Esjottes) und Hamburg (Markus Huber oder Dice) sind die wohl innovativsten Comic-Küchen Deutschlands vertreten. Stark repräsentiert ist auch die bunte und vielschichtige Comic-Landschaft Münchens. Daneben ist "Siegens bestes Comic-Magazin" mit Beiträgen aus Österreich, der Schweiz, der Niederlande, Frankreich, England und Rußland international wie noch nie in seiner sechsjährigen Geschichte. In einem Lokalteil, der sich in der Nr. 9 befindet, wird nachgewiesen, daß sich Siegen auf dem Weg zur Weltstadt befindet (erstaunlich: es geht wirklich!) und darüber spekuliert, was wäre, wenn die olympischen Spiele nach Siegen kämen.

SI-KARTUUN hat sich mit seinen letzten Ausgaben noch einmal gesteigert und ist sicherlich nicht unverdient ausgezeichnet worden. Es bleibt zu hoffen, daß die Herausgeber, wie sie es angekündigt haben, dem Comic treu bleiben und irgendwann etwas neues versuchen. Die Hefte sind außer in einigen Buchhandlungen auch im AStA-Shop erhältlich. Einzeln kosten sie sechs, im Doppelpack zehn DM.

Ganz Volle Versammlung

Als Gregor Gysi unter dem donnernden Applaus seines Siegener Auditoriums bemerkte, daß die StudentInnenbewegung ja noch etwas zulegen könne, konnte er nicht ahnen, welche Folgen seine Aufforderung für die Gesamthochschule Siegen haben würde. Als der AStA am 22. 6. zur Gesamtvollversammlung (GVV) in das Audimax rief, legte die StudentInnenschaft an Bewegung zu und verteilte sich gemäß dem Gesetz der maximalen Entropie gleichmäßig in der gesamten Region - mit lokalen Verdichtungen in den Freibädern. Folgerichtig pendelte die Anzahl der zwischen 12 und 14 Uhr im Audimax Versammelten um den Erwartungswert (StudentInnenzahl durch Hochschulfläche mal Fläche des Audimax) von 40. Diese 40 lauschten hingerissen dem Arbeitsbericht ihres allgemeinen StudentInnenausschusses, erfuhren vom bahnbrechenden Konzept autonomer Referate und ließen sich von den anwesenden Experten die Details der neuen Semester-Ticket-Regelung erläutern.

Mit überwältigender Mehrheit wurde anschließend die DLL zur "AStA-tragenden Fraktion auf Lebenszeit" ernannt, der AStA wurde auf 20 Stellen vergrößert und die monatliche Aufwandsentschädigung für die ReferentInnen auf 2000,- DM erhöht. Durch ein konstruktives Mißtrauensvotum wurde K. Mertens (DLL) zum neuen Prorektor für Forschung, Lehre und Weiterbildung gewählt. (Herzlichen Glückwunsch!) Der RCDS wurde nach Bekanntwerden des letzten "Stupablitzes" als satzungswidrig und rechtschreibfeindlich verboten. Führende VertreterInnen der DLL erklärten ihre tiefe Verbundenheit mit allen StudentInnen und Werktätigen und drückten ihre Zuversicht aus, daß auf dem Weg des Sozialismus auch die Probleme der Fachbereiche 6 und 7 gelöst werden, die diesen durch den Umzug auf den Fischbacher Berg entstehen.

Kurz: Es war wiedermal so spannend wie die Jahreshauptversammlung der IHK Südwestfalen. Und als zum Abschluß der Marinechor der Hausmeisterbrigaden die "Internationale" sang, war des Beifalls kein Ende.

V.E.B. Sommerschule

Um der zerebralen Vertrocknung im bevorstehenden tropischen Sommer entgegenzuwirken, findet auch in diesem Jahr eine Sommerschule im VEB statt (siehe auch Termine). Das Thema heißt Antiimperialismus. Es sind acht Veranstaltungen, jeweils mit Vortrag und anschließender Diskussion vorgesehen. Hier die Beiträge im Einzelnen:

1. Antiimperialistische Theorien

2. Das neue Gesicht des Imperialismus I

3. Das neue Gesicht des Imperialismus II

4. Trikont und trikontinentale Befreiungsbewegungen

5. Imperialismus, Rassismus, Sexismus

6. Militarisierung der Politik - Rollen der UNO, NATO

7. Internationalismus, Antinationalismus, Befreiungsnationalismus

8. Hoch die internationale Solidarität

Die Themen der Einzelbeiträge können sich noch kurzfristig ändern. Termin ist jeweils Mittwoch abend um 20.30 Uhr.