Semesterticket?!

Uni-Bote, 10.Ausgabe, 16.6.94

Wie ihr vermutlich inzwischen aus Presse, Funk und Fernsehen erfahren habt, wird das Semesterticket fortgesetzt. Das StudentInnenparlament muß dem Verhandlungsergebnis zwar noch mit Zweidrittelmehrheit zustimmen, aber die Verweigerung dieser Zustimmung darf als extrem unwahrscheinlich gelten.

Damit auch diejenigen, die nur den "Uniboten" lesen, wissen worum es geht: Das Semesterticket, im vorigen Jahr zum Preis von 80,- DM eingeführt, wird es auch im kommenden Jahr geben. Ab Wintersemester kostet es 84,- DM, von denen 60,- DM an die Verkehrsgemeinschaft Westfalen Süd (VGWS) und 24,- DM an die Bahn gehen. Dies sind genau die 5 Prozent Preissteigerung, die die Beitragsordnung ohne erneute Urabstimmung zuläßt.

Damit wäre der zweite Teil der Arbeit der Semesterticketskommission beendet. Der erste Teil der Kommissionsarbeit bestand darin, eigene Zahlen zum Semesterticket zu ermitteln. Zu diesem Zweck wurde eine 3-tägige Befragung an der Hochschule durchgeführt. Dabei wurden ca. 1000 StudentInnen zu ihrer Nutzung des Semestertickets befragt. Hierbei ergaben sich interessante Ergebnisse, die wir auszugsweise veröffentlichen. [...]

Die Ergebnisse zeigen den Erfolg des Semestertickets. Kamen 1991 noch 78% aller StudentInnen per motorisiertem Individualverkehr (MIV) an die Hochschule, sind heute es nur noch knapp 50%. Der Anteil derjenigen, die umweltfreundlich per ÖPNV kommen hat sich von 12 auf 39% mehr als verdreifacht. Nicht zuletzt wegen des Baus der neuen Wohnheime am Haardter Berg, hat sich auch der FußgängerInnenanteil fast verdoppelt.

Überraschend war die hohe Anteil der BahnbenutzerInnen: 31% der StudentInnen benutzen in den Tallagen die Bahn als Alternative zu den Buslinien.

Weniger erfreulich ist dagegen die Tatsache, daß fast 40% der Parkplätze an unserer Hochschule von StudentInnen aus dem Siegener Stadtgebiet (d.h. Siegen, Weidenau und Geisweid!) belegt sind. Liegt das daran, daß man bei kurzen Strecken nicht so aufs Spritgeld schaut? Jedenfalls führt diese Zahl eine weitere Förderung des Autoverkehrs am Haardter Berg, wie sie mit einem viele Millionen DM teuren Parkhaus in der Nähe des PB-Gebäudes vorgesehen ist, ad absurdum. Schließlich stellen die aus Siegens Kern kommenden StudentInnen genau das Potential der zukünftigen ÖPNV-NutzerInnen dar. Und eine HTS ist sogar für Siegen genug!

Soweit zur Umfrage. Wer genaueres wissen möchte: Im AStA-Büro sind die exakten Ergebnisse einsehbar.

Im weiteren müssen die genauen Vertragsbedingungen ausgehandelt werden. Angestrebt werden verschiedene Verbesserungen. Dazu gehört z.B. die Abstimmung des Viertelstunden-Takts zur Hochschule mit dem Stundentakt zum Siegener Bahnhof und nach Bürbach-Kaan-Marienborn. Auch eine bessere Abstimmung mit Anschlußzügen ist wünschenswert. Zu diesem Zweck werden mit den ST-Vertragspartnern VGWS und DB weitere Gespräche stattfinden. Bis Anfang Juni soll alles ausgehandelt sein. Dann entscheidet das StuPa, und dann muß der AStA die Verträge unterzeichnen.

Nachlese zum roten erste Mai

Der war bei herrlichem Wetter ein voller Erfolg. Da hatte Marx im Himmel wohl ein Einsehen, würden wir Dogmatiker sagen, wenn wir nicht der wissenschaftlichen Weltanschauung verpflichtet wären. Für das Unterhaltungsprogramm im Vorfeld sorgte einmal mehr der stellvertretende Bürgermeister Dr. Heinz Holzäpfel (CDU). Der war tatsächlich der irrwitzigen Idee verfallen, die Plakate mit dem roten Stern könnten vom DGB stammen und hatte einen wütenden offenen Brief an dessen Kreisvorstand geschrieben.

Darin stand unter anderem zu lesen, daß er gehofft habe, diese Art politischer "Unrechtssymbole" sei überholt bzw. ausgestorben. Schließlich könnten sie als kommunistische mißgedeutet werden.

Der DGB wies solcherlei Unterstellungen natürlich weit von sich, distanzierte sich von den Plakaten und erklärte, er führe aber auch eine Veranstaltung durch, beginnend mit einem Gottesdienst in der Nikolaikirche - wenn der erste Mai schon mal auf einen Sonntag fällt! Auf diese Weise lief die ganze schöne Empörung ins Leere und Dr. Holzäpfel muß sich fragen lassen, ob er seinen Blick für die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht schärfen sollte, wenn er im Herbst Bürgermeister werden will an Stelle der Bürgermeisterin.

Schade war nur, daß von dieser Blamage in der örtlichen Presse nur sehr verhalten und völlig ohne Häme berichtet wurde. Der Berichterstattung zu den Maiveranstaltungen war allgemein wenig zu entnehmen, außer, daß den Berichtenden das Geschehene ziemlich unangenehm war. Die "Siegener Zeitung" berichtete über ein Ereignis in der Siegener Innenstadt mit mindestens 600 TeilnehmerInnen in einem Format, in dem sonst Fahrraddiebstähle vermeldet werden. Zwei- bis dreimal soviele Leute beim roten 1. Mai wie bei der offiziellen Veranstaltung kann ja wohl nicht angehen, dachte man sich dort ,gab für die DGB-Veranstaltung an, es seien "hunderte" da gewesen, und schätzte die "Alternative Kundgebung" auf 200 bis 300 Beteiligte herunter. Die "Westfälische Rundschau" schätzte die TeilnehmerInnenzahl auf 600 plus "Laufkundschaft", strich dafür aber den politischen Aspekt und titelte: "Buntes Folklorefest unterm Krönchen". Aus dem "Heraus zum roten 1. Mai" wurde ein "Heraus zum 1. Mai" und "ein buntes Frühlingsfest". Na prost!

Die "Westfalenpost" erkannte für die Beteiligung an beiden Veranstaltungen ein zentrales Motiv: "Sonne lockt Siegener Marschierer auf die Straße". Je nun, wo die Freibäder doch noch nicht aufhatten, wat willste machen, gehste zur Demo. Immerhin wagte die WP den Vergleich und attestierte der Maidemonstration, "zu der eine Reihe von linken Gruppierungen aufgerufen hatte", sie sei "größer und lauter" gewesen als die andere. Von den Inhalten mag sie aber genauso wenig vermitteln, wie ihre Konkurrenz. Es wird wohl so gewesen sein, daß finstere Gestalten am 1. Mai unflätige Reden auf dem Kornmarkt geschwungen haben. Zur Schonung der Menschheit sah sich die bürgerliche Presse jedenfalls genötigt, nicht nur die Inhalte der Reden, sondern auch die Namen der RednerInnen zu veschweigen. Dabei war mit Jakob Moneta, dem langjährigen Chefredakteur von "metall" und jetzigem Mitglied des PDS-Bundesvorstandes durchaus Prominenz vor Ort, wenn auch unliebsame.

Wenigstens hat der RCDS (Rudel cerebral dysfunktionierender Studenten) mittels eines seiner berüchtigten "Stupablitze" für einen heiteren Epilog gesorgt. Auf dem Flugblatt zur angeblichen Finanzierung des roten 1. Mai durch das StuPa, hielten sich diesmal zwar Rechtschreibung und Zeichensetzung im Rahmen der deutschen Sprachnorm. Dafür war es inhaltlich derart problematisch, daß den Nachwuchskonservativen im StuPa empfohlen wurde, beim nächsten mal ein großzügigeres Layout zu benutzen, damit weniger Unsinn draufpaßt. Weder ist Jakob Moneta aktueller Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung "metall", noch wurde den Veranstaltern ein Etat bewilligt. Es wurde lediglich eine Ausfallbürgschaft übernommen, deren Höhe auch nicht DM 9.350,- wie für den "Etat" behauptet, sondern DM 8000,- betrug. Für Detailverliebte bietet sich demnächst das Protokoll der StuPa-Sitzung vom 21. 4. zum Vergleich an. Wir haben jedenfalls sehr gelacht.

Auch die erheiternden Geschehnisse im Umfeld ermuntern, motivieren und machen Mut für den roten 1. Mai 1995.

Gysi kommt!

Gregor Gysi, Mitglied des Bundestages, ehemaliger Vorsitzender und Medienzugpferd der PDS ist auf Einladung des AStAs am 17. 6. (Historiker werden sich erinnern) zu Gast an der Gesamthochschule Siegen. Um 18.30 Uhr findet im Audimax eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zu dem Thema "Die Bundeswehr, Militarismus und die neue Weltordnung" statt. Eintritt ist frei. Zu gegebener Zeit werden wir auf diese Veranstaltung nochmals hinweisen. Zur Erinnerung: Nach einer geplatzten Wahl-Veranstaltung der DLL im Dezember versprachen wir Herrn Gysi zum Sommersemester erneut einzuladen. Inzwischen haben wir Sommer und auch das StuPa befand die Idee so gut, daß es den AStA beauftragte die Einladung auszusprechen und die Veranstaltung zu organisieren.

Gegen Sozialabbau

und Bildungsklau soll am 11. 6. gemeinsam in Bonn demonstriert werden. Organisiert haben diese Aktion verschiedene ASten aus NRW (vor allem Köln, Dortmund und Duisburg), die IG Metall und die GEW. Der studentische Protest gegen Realkürzungen beim Bafög u. v. a. soll dadurch eine breitere gesellschaftliche Basis erhalten und sich aus dem inneruniversitären Getto befreien. Eine zentrale Forderung der Demonstration wird die lange überfällige Einführung der sozialen Grundsicherung sein. Treffpunkte für die Demonstrationszüge, die um 12 Uhr starten sollen, sind der Beuler Bahnhof, der Nordfriedhof und der Südfriedhof. Die Abschlußkundgebung findet - wo sonst? - im Hofgarten statt. Weitere Informationen gibt's im AStA.