Uni-Bote, 7.Ausgabe, 17.3.94
Bundesweiter Streikkongreß über Ostern in Köln, bundesweiter Perspektivenkongreß über Fronleichnam in München und eine bundesweite Demo am 11. Juni in Bonn: Es gärt unter den StudentInnen, wenigstens ein bißchen und unter einigen, die Arbeitskreise bilden, Kongresse planen, Resolutionen verabschieden und sich zur Bewegung erklären. Die Erfahrungen mit den "Bewegungen" der letzten Jahre machen, was Erfolg und Fortbestand des Protestes angeht, nicht gerade optimistisch. Die einzigen dauerhaften studentischen Bewegungen finden heute im Hochschulsport statt. Da insbesondere die StudentInnenschaft der GH Siegen sich bisher aus den Niederungen der politischen Auseinandersetzung weitgehend heraushält, können wir in Ruhe und Gelassenheit beobachten, was anderswo passiert: das dezentrale Bemühen um eine zentrale Organisation, Koordinationsprobleme mit zu vielen Postverteilern, Gründung verschiedener zentraler Dachverbände. Am Ende der Aktivitäten steht meist die frustrierte Frage, warum wir das Jahr 1994 schreiben und nicht das Jahr 1968. Das ist eben eine Frage der Zeit, lautet die verblüffend einfache Antwort. Aber auf die erweiterte Frage, warum im Jahr 1994 nicht das passieren kann, was im Jahr 1968 oder so passiert oder angeblich passiert ist, läßt sich die Antwort nicht mehr in einem Satz geben. Auf solche Fragen gibt es überhaupt keine definitiven Antworten. Aber ein Blick in die Geschichte des StudentInnenwesens in der BRD ist für eine Einschätzung der momentanen Situation sicherlich hilfreich. Wir wollen daher mit einigen historischen Schlaglichtern unsere kleine Reihe zur Geschichte, Struktur, Gegenwart und Perspektiven der Verfaßten StudentInnenschaft (siehe UNI-BOTEN 3+4 und DLL-Weihnachtsflugblatt) fortsetzen. Es folgen also vorläufige Anmerkungen zur
Die ersten schweren Auseinandersetzungen an den Hochschulen wurden durch die Wiederkehr vom Nationalsozialismus belasteter Personen ins politische und kulturelle Leben der BRD provoziert. Die von der Diskussion um die Entnazifizierung der Professorenschaft ausgelösten Protestaktionen ergriffen fast alle Universitäten der BRD. Zentral Die in der Adenauer-Ära verdrängte, unbewältigte nationalsozialistische Vergangenheit wurde dabei von den `Nachgeborenen' als verdecktes Charakteristikum der autoritär transformierten bundesdeutschen Demokratie analysiert. Wichtigen theoretischen Hintergrund dieser Diskussion lieferten die aus der Emigration zurückgekehrten Mitglieder des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, vor allem Horkheimer und Adorno.
In der BRD muffelt es in den 50ern (unter den Talaren ganz besonders) nach Adenauer, Antikommunismus und Autoritätsgläubigkeit. In der ganzen BRD... nein! Unter der Jugend gärt es. Während sich die proletarische Jugend als `Halbstarke' austobt und mit Blue Jeans und Rock'n'Roll die Langeweile der 50ies wegfegt, versucht sich ein Teil der bürgerlichen Jugend als Existentialisten. Politischer Protest wird über die `Kampf dem Atomtod'-Bewegung angemeldet, die sich in der Ostermarschbewegung bis 1967 fortsetzt. Nach dem Verbot der KPD im Zusammenhang mit den Aktionen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik setzen sich Gewerkschaften an die Spitze der Bewegungen, kneifen jedoch in dem Augenblick, wo es ernst wird (Vorhaut der Arbeiterklasse) und tragen dadurch immer wieder dazu bei, solche Bewegungen zu schwächen. Die SPD ist bemüht, sich in die vorhandenen Machtstrukturen zu integrieren und verliert immer mehr von ihrer Oppositionsrolle, was zunächst das Bild eines einheitlichen, politischen Machtblocks entstehen läßt und dann mit der `Großen Koalition' die Konkretisierung des Bildes. Der Parlamentarismus wird zur Farce.
Der Unmut darüber zieht auch in die Hochschulen ein. Eine Generation, die von der riesigen Verdrängungsmechanik ihrer Eltern angeekelt ist, nimmt den Begriff der Demokratisierung aller Lebensbereiche ernst und fordert `Demokratie in der Hochschule" (SDS-Druckschrift 1961). Anderer Zugang zum Protest an den Hochschulen ist die durch Auschwitz, Hiroshima, Vietnam und Springer aufgeworfene Frage nach einer inhaltlichen Neuorientierung der Hochschule im Sinne einer eingreifenden, kritischen Wissenschaft. An diesen Fragen entzündet sich das, was wir die StudentInnenrevolte nennen. Aus dieser Selbstwahrnehmung als gesellschaftlich verantwortliche Gruppe und einer tiefen moralischen Entrüstung entstehen die Anti-Vietnam-Kampagne, der Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen den Springer-Konzern.
Mit dem Regierungswechsel im Herbst 1969 schöpften linke StudentInnen neue Hoffnung auf eine Demokratisierung der Gesellschaft. Besonders der Hochschulbereich wurde durch den Kampf fortschrittlicher StudentInnen, DozentInnen und Gewerkschaftsangehöriger um die Demokratisierung der Hochschulen geprägt. Jedoch war schon Ende 1969 von der drittelparitätischen Besetzung aller Gremien, eine Hauptforderung der StudentInnenbewegung, keine Rede mehr. Auch andere Zusagen im Hochschulbereich wurden von der sozialliberalen Koalition als `Reformeuphorie' zurückgezogen und so kam es am Ende statt zu einer demokratischen zu einer technokratischen Hochschulreform. Die StudentInnenbewegung hatte damit ihre gesellschaftliche Aufgabe, den Druck für eine Öffnung der Hochschulen zu produzieren, erfüllt. Die Wirtschaft konnte ihren Bedarf an wissenschaftlich qualifizierten Arbeitskräften wieder decken.
In der Folge zerfiel die StudentInnenbewegung in viele Gruppierungen mit unterschiedlichsten Vorstellungen über den richtigen Weg. An die Stelle der Auseinandersetzung um politische Aktionen trat bis in die Mitte der 70er Jahre der Streit um die `richtige Theorie'. Die Bewegung zerfiel in viele Gruppen und Grüppchen. Der Grund für die Zersplitterung lag in den unterschiedlichen politischen Vorstellungen darüber, wie mensch zu einer tiefgreifenden Veränderung der Machtverhältnisse in der BRD kommen könne. Ein Teil meinte, die könne nur durch ein Bündnis mit der ArbeiterInnenklasse erreicht werden. Da die ArbeiterInnenklasse alles andere als revolutionär war, gingen einige StudentInnengruppen in die Betriebe, um das Proletariat zu revolutionieren ("APO zu Opel"). Andere wiederum traten den `langen Marsch durch die Institutionen' an, um so eine Umwälzung der Gesellschaft Schritt für Schritt zu realisieren; an eine Revolution glaubten sie nicht mehr. Bis in die späten 70er ist die VS von kommunistischen oder sozialistischen Organisationen beherrscht, von Kommunistischem Studentenverband (KSV), der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG), dem Marxistischen Studentenbund (MSB), den Jungsozialisten-Hochschulgruppen (JUSO-HSG) und dem Sozialistischen Hochschulbund (SHB). Diese standen für eine fortschrittliche und sozial orientierte Politik, die oft in Konflikt mit den herrschenden konservativen Kräften geriet.
Anfang 1974 geriet die BRD in die Wirtschaftskrise. Das Hochschulrahmengesetz war Ausdruck dieser veränderten ökonomischen Verhältnisse. Vorrangiges Staatsziel wurde es nun, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen zu erhöhen. Die Investitionen im Hochschul- und im gesamten Bildungsbereich wurden niedriger. Unter diesen Bedingungen konnten die Kapitalvertreter ihre Vorstellungen und Forderungen zur Hochschulpolitik durchsetzen: Mit der Einführung von Regelstudienzeiten und einer verstärkten Praxisorientierung sollten die Produktivität von Forschung, Lehre und Studium erhöht und Einsparungen erzielt werden. Da trotz massiver Proteste von seiten der StudentInnen nichts erreicht werden konnte, gingen viele vom Hochschulbereich in die `sozialen Bewegungen' (Frauen-, Friedens-, Anti-Atomkraft-Bewegung).
Die Negativ-Entwicklung an den Hochschulen ist weitergegangen. 1982 wurde das BAFÖG trotz massiver Proteste auf Volldarlehen umgestellt. Prüfungs- und Studienordnungen sind beständig verschärft worden. 1985 wurde das HRG novelliert. Zentrale Änderungen waren die Einführung von Steilkursen, eine stromlinienförmige Anpassung der Hochschulen an Kapitalinteressen in Form einer unkontrollierten Drittmittelforschung und eine Stärkung der Position der Profs.
Mit deren Bedeutungsverlust in der Gesellschaft kommt auch der Machtwechsel zu Basisgruppen an den Hochschulen. Diese sind undogmatisch, antiautoritär und eher organisationsfeindlich eingestellt. Nicht zuletzt deswegen sind die 80er geprägt von Rückzugsgefechten gegen den Umbau des Bildungssystems und der Gesellschaft. Seit der bürgerlich- konservativen `Wende' haben sich diese Rückzugsgefechte zur scheinbar ausschließlichen Aufgabe der VS entwickelt, Inovationen gehen von ihr nicht mehr aus. Wem der Elfenbeinturm zu eng wird, der geht in die sozialen Bewegungen außerhalb der Hochschulen. (..)
Festzuhalten ist, daß diese Bewegungen weitgehend an den Organen der verfaßten StudentInnenschaft spurlos vorübergehen, es aber im Gefolge der StudentInnenrevolte durch eine allgemeine Linkswende der StudentInnen auch zu Verschiebungen in den Interessensvertretungen kommt. Diese Linkswende ist vorrangig ein Phänomen der Metropolen Berlin und Frankfurt, die bis heute die Zentren linker Politik sind."
"Einer der Gründe dafür [die Linkswende] war das Ansteigen (Bildung für alle!) der StudentInnenzahl, da gesellschaftliche und ökonomische Fortschritte einen zunehmenden AkademikerInnenbedarf erforderten; damit verbunden war die Öffnung der Hochschulen für breitere Bevölkerungsschichten und eine Verschlechterung der Studienbedingungen durch die große StudentInnenzahl (..)
Mit der StudentInnenbewegung und im Zuge der neuen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen am Ende der 60er Jahre entwickelte die VS Grundsätze, wie sie optimal den Interessen der StudentInnen gerecht werden sollte."
Ebenso ist das Konzept Gesamtschule / Gesamthochschule rein politisch gescheitert: bis zur HRG-`Novelle' mußten neue Hochschulen Gesamthochschulen sein, nun dürfen sie keine sein.
"Ab 1985 gab es an den Hochschulen so gut wie keine `Bewegung' mehr. Niemand schien sich mehr für seinen Lebensbereich Uni zu interessieren oder bei vorhandenem Interesse für diesen auch einzusetzen. Die Mobilisierungsfähigkeit war annähernd Null." [4]
Ende der 80er überschritten dann die Zustände an den Hochschulen die Erträglichkeitsschwelle. Wie aus dem Nichts entstanden Protestbewegungen an einzelnen Hochschulen (Berlin, Frankfurt) die sich rasch auf die BRD ausdehnten. Nach Teilerfüllung der meist materiellen Forderungen und bevor eine stabile bundesweite Koordination stattfinden konnte zerfielen die Protestbewegungen fast ebenso rasch wieder.
Über Ostern findet in Köln der zweite bundesweite Streikkongreß + AK Bildungsgipfel statt. Der Ablauf sieht eine verbindliche Anreise am Mittwoch vor, da die Arbeitsgruppen bereits am Donnerstag Morgen nach einem kurzen Auftaktplenum ans Werk gehen sollen. Geplant sind bisher die Arbeitsgruppen Sozialabbau/ gesamtgesellschaftlicher Protest (Bündniskampagne), Analyse der Bildungspolitik, Standort Deutschland/ Forschungspolitik, Widerstandskonzepte/ Forderungen, Hochschulrahmengesetz, Gegenunis, Widersprüche innerhalb der Bewegung (?) und Uniutopie. Abschlußplenum ist am Ostersonntag. Ursprünglich sollte der Kongreß bereits vom 17. bis 19. 3. stattfinden. Wegen der zu knapp bemessenen Zeit für die inhaltliche Vorbereitung wurde der Termin um eine Woche nach hinten verschoben.
Während das Rektorat bestrebt ist, unseren Campus durch das Ansiedeln von Buchläden und Geldautomaten zu beleben, bemüht man sich andernorts um eine weitere Auslagerung studentischer Aktivitäten vom Hochschulgelände.
Es ist lange, lange her, da gab es an der Gesamthochschule Siegen die größten Partys weit und breit. In Mensafoyer, Cafeteria und Mensa (!) drängelten sich Menschenmassen und ließen sich von zwei bis drei Bühnen mit Live-Musik beschallen. Aufgrund des immensen organisatorischen Aufwands war damit vor etwa sechs Jahren Schluß. Es blieben die Veranstaltungen im Mensa-Foyer, bei denen gelegentlich die Cafeteria miteinbezogen wurde. Und die waren zahlreich, bis es durch Einlaßbeschränkungen, Erhöhung der Nutzungskosten und Personalknappheit seitens des Studentenwerks kaum noch möglich war, eine Veranstaltung ohne größeren Verlust zu kalkulieren. Konzerte waren gar nicht mehr möglich. Trotzdem konnte das ein oder andere Fest noch in den geliebten Räumlichkeiten stattfinden. Aber auch damit ist wohl demnächst Schluß.
In einem Schreiben an den neuen AStA teilt der Geschäftsführer des Siegener Studentenwerkes, Detlef Rujanski, mit, daß es aufgrund des sehr knappen Personalbestandes nicht mehr möglich sei, Aufsichtspersonal zur Verfügung zu stellen. Damit fiele die Cafeteria als Veranstaltungsort aus. Außerdem, so ist dem Schreiben zu entnehmen, soll das Bistro zu Lasten des Mensa-Foyers vergrößert werden. Ferner wird nach dem Willen des Studentenwerks im Bereich der Holzarena (unter der Treppe) ein Stehcafé eingerichtet. Inwieweit der verbleibende Raum für kleinere Veranstaltungen (Skatrunden, Murmelspiele und Häkelabende) noch genutzt werden könne, müsse, so Rujanski, aus "sicherheitstechnischer Sicht zu gegebener Zeit erneut festgestellt werden."
Wie wäre es, sich diese Mühe zu sparen und stattdessen das Rest-Foyer konsequent zu beleben: durch das Aufstellen krachschlagender Spielautomaten und eines blubbernden Aquariums - für die endgültige Integration von Leben und Lernen?
Und übrigens, Studentenwerk: Wir hoffen sehr, daß die Aufnahme eines rassistischen Wohnungsangebotes "ab sofort an deutschen StudentIn" (im Original fettgedruckt) in die aktuelle Wohnungsliste vom 14. 3. ein peinliches Versehen war. Oder war´s nur peinlich? Die 580DM plus Strom, die diese 25 reichseigenen Quadratmeter kosten sollen, sind´s jedenfalls.