Uni-Bote, 6.Ausgabe, 24.2.94
Wir freuen uns. Wir freuen uns ganz außerordentlich, denn seit den frühen Morgenstunden des 12. Februars gibt es an der Gesamthochschule Siegen wieder einen regulär gewählten AStA. Es ging nicht mehr anders, denn die verbliebenen kommissarischen Referenten hatten zu Beginn der zweiten Sitzung des neuen StuPas angekündigt, zum 14. Ferbruar endgültig jegliche Tätigkeit, einschließlich der Verwaltung der Finanzen, einzustellen. Damit hätte uns ein Staatskomissar ins Haus gestanden, was vermutlich das vorläufige Ende der studentischen Selbstverwaltung in Siegen bedeutet hätte. Das konnte niemand wollen, und deshalb hielt der letzte kommissarische AStA-Vorsitzende Uwe Denkert eine längere resümierende Ansprache, an deren Ende alle applaudierten, obwohl alle ihr Fett weggekriegt hatten. Danach war das StuPa aufgerufen, sich auf einen Haushalt, auf ein AStA-Konzept und auf Personen für einen AStA zu einigen. Die Sitzung, auf der unser Parlament sich zu diesem Akt durchrang, dauerte knapp 12 Stunden. Soweit sich Beteiligte zurückerinnern können, ist das ein Rekord.
In diesen 12 Stunden wurden nach der Verabschiedung des Haushalts und der Besprechung von allerlei Kleinkram zwei Konzepte diskutiert, eines davon verworfen (mit 17 zu 18 Stimmen) und das andere angenommen (mit 18 zu 17 Stimmen). Dann stellte sich heraus, daß das angenommene Konzept doch nicht tragfähig war, weil die Personaldecke, mit der es umgesetzt werden sollte zu dünn bis nicht vorhanden war. Die große Koalition, die es durchgestimmt hatte, zerfiel genauso schnell, wie sie zusammengezimmert worden war. Es wurde also erneut diskutiert, und erneut wurde abgestimmt, wobei man diesmal das angenommene Konzept verwarf und das verworfene Konzept annahm (mit 20 zu 4 Stimmen bei einer Enthaltung), so daß schließlich ein AStA gewählt werden konnte. Nach ein paar abschließenden Worten war es 4h36 und alle gingen müde, die meisten zufrieden nach Hause. Wenn sich das kompliziert und verwirrend anhört: Es war noch viel komplizierter und verwirrender, und jede weitere Erläuterung der Vorgänge würde zu größerer Konfusion führen. Wir warten daher gespannt auf das sicherlich umfangreiche Protokoll.
Das Entscheidende ist, daß es einen AStA gibt mit einem Konzept, das vom StuPa getragen wird. Aber was ist das für ein Konzept und was für ein AStA? Das schließlich verabschiedete Konzept war von den Listen DLL, LUMA; ULEI und UL-AES vorgelegt worden. Aus diesem Listenzusammenhang heraus wurde mit Unterstützung der Frauenliste "Freche Lippe" und der BauIng.-Liste auch der AStA gebildet. Das Konzept gründet darauf, daß der AStA im StuPa nicht von einer stabilen Mehrheit ausgehen sollte. Er ist zwar gewählt und hat durch die Listen DLL, LUMA, ULEI und UL-AES, eventuell auch durch weitere Mitglieder des StuPa, parlamentarische Rückendeckung. Diese reicht jedoch nicht dafür aus, daß er machen könnte was er will oder was diese Listen wollen. Es gibt zunächst nur zwei feste Vorgaben für diesen AStA: Er hat für den Service zu sorgen und sich ansonsten der StudentInnenschaft als ausführendes Organ zur Verfügung zu halten.
Der AStA ist also zunächst für das Funktionieren der Dienstleistungen zuständig und verantwortlich: für wohlgefüllten Shop, laufende Kopierer und freundliche Sozialberatung. Seine politische Arbeit hängt davon ab, ob und was im StuPa beschlossen wird und welche Initiativen an den AStA herangetragen werden. Das StuPa erhält damit eine große Verantwortung, der sich natürlich auch die Listen, die den AStA gebildet haben, nicht entziehen können. Das StuPa muß die inhaltlichen Entscheidungen und Vorgaben liefern. Auf diese Weise soll der AStA kontrollierbar bleiben und zu dem werden, was die Satzung für ihn vorsieht: zu einem ausführenden Organ eben. Und wegen der Abhängigkeit vom StuPa sollte er darauf bedacht sein, dessen Beschlüsse und Arbeitsaufträge schnell, effizient und vollständig auszuführen.
Die Verantwortung des AStAs gegenüber der StudentInnenschaft beschränkt sich aber nicht auf das StuPa.. Ein zentrales Anliegen des beschlossenen Konzeptes ist die Öffnung des AStAs für die StudentInnenschaft. Die Organisationsstruktur des AStAs soll allgemein nutzbar gemacht werden. Darunter fällt technische Unterstützung wie Hilfe beim Kopieren, die Vermittlung von Kontakten zu den richtigen Leuten an der Hochschule, in den Medien und in der Politik, die Koordinierung der zahlreichen Gremien. Dazu gehört auch eine Ausweitung des in der letzten Zeit doch etwas reduzierten Services. So soll der Shop künftig täglich von Montag bis Freitag von 9h bis 14h30 geöffnet sein. Das gilt auch für die vorlesungsfreie Zeit. Selbstverständlich soll das Shop-Personal den StudentInnen auch bei der Benutzung des Shop-Kopierers behilflich sein und nicht nur Hinweise auf ausverkaufte Artikel, sondern auch Anregungen der KundInnen zum Angebot des Shops sammeln. Das Vertrauen in den Kopierservice soll wieder hergestellt werden, indem für eine ausreichende Versorgung der Geräte mit Papier gesorgt wird und Schäden möglichst umgehend behoben werden. "Defekt"-Schilder mit Staubschicht sollten der Vergangenheit angehören. Damit sich niemand mehr mit täglich wechselnden Bürozeiten herumschlagen muß und es auch nachmittags noch wichtige Anliegen geben darf, ist das AStA-Büro jetzt von Montag bis Freitag mindestens zwischen 9h und 16h30 besetzt. Die Kernzeiten der Sozialberatung sind von Montag bis Mittwoch von 9h bis 12h. Zur Zeit kümmern sich drei Leute verstärkt um diesen Punkt, eine erfahrene Sozialreferentin, die schon 1990 im letzten DLL-AStA und im letzten AStA kommissarisch tätig war, und zwei Novizen. Wenn die "Neuen" eingearbeitet sind, können die Zeiten natürlich ausgedehnt werden. [...]
Der oder die ebenfalls gesetzlich vorgeschriebene Vorsitzende soll im monatlichen Turnus wechseln. Zu besichtigen sind die ReferentInnen zu den oben angegebenen Öffnungszeiten in Büro und Shop, mittags gegen halb eins in der Mensa und auf allen Fluren im Dienste des Kopierbetriebs.
Mit dem Konzept eines "AStAs der offenen Tür" haben sich einige Leute auf jeden Fall eine Menge vorgenommen. Mal sehen, ob das klappt. Wir sind natürlich optimistisch. Schließlich kann es nur besser werden.
mußte sich natürlich noch mit anderen Dingen beschäftigen als mit der Bildung eines AStAs, zunächst mal mit seiner eigenen Konstituierung. Die konstituierende Sitzung des 22. StudentInnenparlaments fand am Dienstag, dem 8. 2. statt und wurde vom Vorsitzenden des Wahlausschusses Klaus Hoffmann eröffnet. Weil nicht das ganze Programm an einem Abend abgearbeitet werden konnte, legte das StuPa für die Tagesordnungspunkte Haushaltsplan, AStA-Konzept und AStA-Wahlen gleich zu Beginn einen neuen Sitzungstermin für Freitag, den 12. 2. fest. Zum Sprecher des StuPas wurde mit überwältigender Mehrheit Klaus Bachhausen von der "Studentischen Liste" gewählt, der diesen Posten schon einmal 1990 innehatte. Möge seine Erfahrung ihm dabei helfen, diese Mischung aus Flohzirkus und Rasselbande, die sich unser Parlament nennt, zu bändigen. Zuzutrauen ist es ihm. Zu seinem Stellvertreter bestimmte das StuPa mit weniger überwältigender Mehrheit (16 Ja, 16 Enthaltungen) Hagen Tschoeltsch von der LHG.
Als nächstes wurde der siebenköpfige Haushaltsausschuß besetzt, der bis zum Freitag einen Entwurf des Haushaltsplanes ausarbeiten mußte. Die sieben stärksten Listen im StuPa, also RCDS, DLL, SL, ULEI, LUMA, LHG und FL halten jeweils einen Sitz in diesem Gremium. Den größten Raum nahm im weiteren Verlauf der Sitzung die Klärung von Vorgängen um die geplante Ansiedlung eines kommerziellen Buchladens mit Kopierbetrieb auf dem AR-Gelände ein. Darüber wird noch ausführlicher zu berichten sein. Bei einem Referent und einer Aushilfe des alten AStA, die wohl in diese Sache verwickelt sind, wurden offensichtliche Konflikte zwischen privaten Interessen und denen der Verfaßten StudentInnenschaft festgestellt. Sie wurden daher entlassen, was kurz vor den Neuwahlen allerdings als eher symbolischer Akt zu verstehen ist.
Die Arbeit des Haushaltsausschusses verlief glatt wie selten. Mit höchstens zwei Gegenstimmen wurden die einzelnen Konten festgesetzt, was natürlich nicht verhindern konnte, daß im StuPa trotzdem stundenlang über den Entwurf gefeilscht wurde. Um das zu umgehen, gibt es eigentlich den Haushaltsausschuß, aber es wurde auch über einstimmig vorgelegte Entwürfe ausgiebig debattiert. Der dann verabschiedete Haushaltsplan kann im AStA oder den FSR-Büros eingesehen werden. Wichtigste Neuerung ist die Einrichtung eines Kontos "Sozialer Ausgleich §218", das in der Verwaltung des Autonomen Frauen- und Lesbenreferates und des Arbeitskreises Feministische Politik steht.
Nach dem Kraftakt der AStA-Bildung war das StuPa natürlich nicht mehr in der Lage, den neuen AStA gleich mit inhaltlichen Arbeitsaufträgen zu versorgen. Ein dringend anstehendes Problem sind die Verhandlungen über das Semesterticket mit VWS und DB, damit es auch über das Sommersemester hinaus ein Ticket zu annehmbaren Bedingungen gibt. Hier wird der AStA mit dem AK Verkehr zusammenarbeiten. Weitere Arbeitsschwerpunkte, die als Anhang dem AStA-Konzept von DLL&Co. beigeben waren und zusammen mit diesem beschlossen wurden, sind die Studienreform, der Sozialabbau und die Dachverbandsdiskussion. Zu diesen Themen wollen wir auch in den nächsten UNI-BOTEN berichten.
Übrigens, "Rhein-Zeitung": Schön, daß die AStA-Wahl in einer kleinen Notiz Erwähnung fand. Anderen war die Pressemitteilung des AStAs ja nicht einmal ein Arschrunzeln wert. Es sollte dennoch richtig gestellt werden, daß nicht das StuPa, sondern der AStA 12 Mitglieder hat. Und daß diese 12 Personen einen "rotierenden Vorsitz" haben, ist eine leicht mißverständliche Formulierung.
Eine lobende Erwähnung für Axel [...], den einsamen Recken von der Bauingenieursliste. Der war nämlich das arme Schwein, daß bei der AStA-bildenden StuPa-Sitzung elf Stunden lang das Protokoll führen durfte. Wir hoffen, daß er seine Aufzeichnungen inzwischen sortiert hat. Angeblich soll er nämlich vergessen haben, seine Zettel zu numerieren. Tja!
Eine private Anmerkung: Leute, hört Billy Bragg! Kauft seine CDs, die es zur Zeit billig gibt, lernt seine Texte, singt mit und spendet ihm Geld. Danke!
In den letzten Ausgaben der "trivial", der Fachschaftszeitung der Mathematiker, wurden originelle Lösungen zu dem alten Problem "Wie fängt man einen Löwen in der Wüste?" veröffentlicht. Um zu zeigen, wie Wissenschaft einer praktischen Anwendung zugeführt werden kann, werden wir in loser Folge die bisher vorgeschlagenen mathematischen, physikalischen und sonstigen Methoden veröffentlichen. Vielleicht gibt es ja noch mehr Vorschläge aus anderen Disziplinen. Wir bitten also um Zuschriften. Über Honorare wird noch verhandelt.
Man schenke bei genügend "Kleingeld" jedem Erdbewohner eine Reise in eine beliebige, aber feste Wüste (z. B. Sahara). Annahme: Nur 30% aller Menschen nehmen die Reise an und erreichen auch gleichzeitig ihr Reiseziel. Schon ist der Löwe in der Mneschenmenge gefangen. Beweis: Über die Induktion des Ausstellungsdatums des Reisetickets.
Wir definieren eine Gitterstruktur in der Wüste, z. B. die Menge O der Oasen. (O als diskrete Untergruppe der Wüste aufzufassen, bereitet m. E. keine Probleme; reist z. B. jemand von Oase a nach Oase b und von Oase b nach Oase c, so ist er damit auch von Oase a nach Oase c gezogen. Außerdem rastet man nicht beliebig außerhalb von Oasen, weil man dort verdursten würde. ) In den Oasen sind nun (beliebig dehnbare) identische konvexe, zentral-symmetrische Ballons Bi zu hinterlegen. Das inhomogene Minimum der Ballons betrage m bzgl. 0. Nun werden alle Bi auf das (m-e)-fache aufgeblasen (was das "-e" angeht, vgl. Aufgabenstellung: Der Löwe soll gefangen und nicht zerquetscht werden!). Für geeignetes e ist der Löwe nun gefangen. Wer jetzt noch wissen will wo, sei beruhigt: Die Anzahl der Möglichkeiten ist geringer als die Anzahl der Oasen (leichte Übungsaufgabe). Es genügt also, vermöge eine surjektiven Abbildungjeden Ballonaufbläser auf eine Stelle anzusetzen, um die genauen Koordinaten des gefangenen Löwen zu erfahren.
Der Löwe soll erst einmal beweisen, daß es ihn gibt. Jeder Affe kann rumlaufen und sich als Löwe ausgeben!) Gelingt ihm dies nicht hinreichend streng (Cauchy-Kriterium?), so gibt es auch nichts zu fangen, und wir sind fein raus.
In Jesaja 11, Vers 7, finden sich die Worte: "Und die Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder."
i) Wozu soll man drart friedliche Löwen noch fangen?
ii) In der Wüste gibt es eh kaum Stroh, d. h. das Problem löst sich irgendwann von selbst.
Die Ausgangsproblemstellung stammt übrigens aus dem Buch "Humor in der Mathematik" von Friedrich Wille. Fortsetzung folgt.
In eigener Sache: Der UNI-BOTE erscheint auch in der vorlesungsfreien Zeit regelmäßig alle drei Wochen. Die nächste Ausgabe gibt es ab dem 17. 3.