Stellungnahme beim Hochschuldialog "Wir im Gespräch", Bernd und Michael für den AStA der GH Siegen, 27. Mai 1994 an der GH Siegen
Liebe Studentinnen, liebe Studenten, sehr geehrte Damen und Herren,
Um eine gelungene Reform der Hochschulen durchzuführen ist es notwendig, sich mit den Zielen aus der Gründungsphase der Gesamthochschulen auseinanderzusetzen.
Gesamthochschulen wurden Anfang der 70er Jahre auf Initiative der SPD - vor allem in Nordrhein Westfalen - mit der Intention gegründet, zum einen einer breiteren Bevölkerungsschicht ein Studium zu ermöglichen, zum anderen durch Interdisziplinarität und Integration einen Austausch zwischen StudentInnen verschiedener Fachrichtungen zu ermöglichen. Neben dem Motiv der "Bildung für alle", das heißt konkret, einen erleichterten Zugang zur Hochschulausbildung auch für Menschen ohne gymnasiale Schulbildung aber mit Berufserfahrung, spielte auch die gestiegene Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften eine bedeutende Rolle, die durch die reine Elitehochschule nicht mehr zu decken war.
Um diese Ziele zu verwirklichen, wurden nicht nur neue Gesamthochschulen gebaut, es sollten auch alle Universitäten und Fachhochschulen in Gesamthochschulen umgewandelt werden. Diese strukturelle Reform stand jahrelang auf einer breiten politischen Basis, bedingt auch durch die ökonomischen Sachzwänge für die vierte industrielle Revolution genügend qualifiziertes Personal zur Verfügung zu haben. Heute sieht die Sache jedoch ganz anders aus: Gesamthochschulen werden abgelehnt, im besten Falle ignoriert, wie ein Blick in die vom Wissenschaftsministerium des Landes Nordrhein Westfalen herausgegebene Broschüre "Hochschulreform von A- Z" sehr deutlich macht. Vergeblich werden Sie dort nach dem Begriff, geschweige denn nach dem Konzept der Gesamthochschule suchen. Es scheint eben nicht mehr zeitgemäß zu sein, Vorstellungen wie Breitenbildung, wissenschaftlicher Austausch, sowie eine offene und nach außen transparente Hochschulkultur zu verwirklichen. Vielmehr soll wieder Ausbildung an die Stelle der Bildung treten, reine Berufsvorbereitung an Stelle von Wissenschaft. Dies ist jedoch angesichts der sich abzeichnenden ökonomischen und strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft äußerst fragwürdig, wenn nicht gar ganz unverantwortlich kurz gedacht. Gesellschaftliche und damit auch Hochschul- und Bildungspolitische Krisen lassen sich nicht in einer halben Legislaturperiode beheben. Uns hingegen, als StudentInnenschaft der Gesamthochschule Siegen, ist immer noch an den oben formulierten Zielen gelegen, obwohl uns klar ist, daß Anspruch und Wirklichkeit an der Gesamthochschule auseinanderklaffen und die dem kapitalistischen Produktionsprozeß gestellten Vorgaben an die Hochschulen nicht der beste Ratgeber sind.
Gestützt auf die Studie von Thomas Herz und Ursula Krüsemann aus dem Jahr 1991 stellt sich die Studiensituation in Siegen folgendermaßen dar:
In den naturwissenschaftlichen Studiengängen existieren faktisch keine unterschiedlichen Hauptstudienzweige, hier wurde nicht integriert, sondern assimiliert, während sich in den Ingenieurstudiengängen eine starke Polarisierung der beiden Studienzweige HS I und HS II ergeben hat.
Ein Grund für diese Polarisation ist die unterschiedliche Reputation der beiden Abschlüsse. Dieses beinhaltet sowohl das unterschiedliche Ansehen in der StudentInnenschaft, die Voraussetzung wissenschaftlicher Weiterqualifikation, als auch die unterschiedlichen Berufsaussichten. Der Wechsel von HS II zu HS I gilt als Abstieg in die zweite Liga, ein dem gegenüber stehender "Aufstieg " findet kaum statt. Zudem ist es bezeichnend, daß die HS I -AbsolventInnen zu einem signifikantem Teil aus ehemaligen FOS SchülerInnen bestehen, wo hingegen die HS II - AbsolventInnen überwiegend das "klassische" Abitur vorweisen können. Dieser Zustand kann nur durch die Benachteiligung von StudentInnen mit beruflicher Erfahrung- hauptsächlich also StudentInnen aus Arbeiterfamilien- also genau der Zielgruppe der Gesamthochschule, erklärt werden. Es stellt sich sogar heraus, daß Praxiserfahrung eher hinderlich ist. Die denkbaren Vorteile, wie Weitergabe des größeren Erfahrungsschatzes auf praktischen Gebieten werden in keiner Weise gefördert.
Ziel kann es nur sein, die Unterschiedlichkeit der beiden Studiengänge HS I und HS II zu erhalten, die jedoch bei vollkommener Gleichwertigkeit und nicht bestehende Verhältnisse mit vermeintlichen Reformen zu manifestieren. Es kann nicht darum gehen eine zwei-Klassen-Hochschule zu etablieren.
Im Gegensatz zum Ziel, gesellschaftlichen Status und Sicherheit zu erlangen, ist die Intention praxiserfahrener StudentInnen die Erweiterung ihres persönlichen Horizonts und das Verstehen komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge - also interdisziplinär zu studieren.
Durch übermäßige Reglementierung, bzw. Verschulung der Studiengänge und oft zwar durchschaubarer aber unkoordinierter Veranstaltungsplanung, ist dies nur auf Kosten der Studiendauer zu verwirklichen. Da eine Koordination von Veranstaltungen in diesen Größenordnungen unmöglich ist, läßt sich dieses Ziel nicht durch eine weitere Reglementierung und Beschneidung der Studiendauer, sondern nur durch eine freiere Fächerwahl erreichen.
Bezeichnend für das Prestige der Gesamthochschule sind auch die Gründe der StudentInnen für die Wahl ihres Studienortes. Der größte Teil studiert hier nur aufgrund der Nähe zum Heimatort. Die ZVS sorgt dann für eine genügend große Anzahl ortsfremder StudentInnen. Das Konzept der Gesamthochschulen an sich, stellt in diesem Zusammenhang keinen erkennbaren Grund dar.
Dennoch werden trotz des vermuteten geringeren Ansehens einer Gesamthochschule die Berufschancen von einem Großteil der StudentInnen als gut beurteilt.
Die eben angeführten Punkte machen deutlich, daß die ursprünglichen Ziele der Gesamthochschule nur teilweise verwirklicht worden sind. Klar ist aber auch, daß die Probleme mit der Umsetzung derselben nicht durch den Rückfall in die Strukturen Universität und Fachhochschule zu bewältigen sind. Es kann nicht heißen Strukturprobleme der 90er Jahre mit Bildungskonzepten der 60er Jahre lösen zu wollen. Deshalb ist es notwendig, weiterhin über Verbesserungen und Reformen nachzudenken, damit die Gesamthochschule zu dem wird, was wir alle wollen: ein Bildungsangebot für alle, wo in interdisziplinärem Austausch zwischen StudentInnen, MitarbeiterInnen und DozentInnen innovativ und fortschrittlich gearbeitet wird, um über die Hochschule hinaus wirksam zu werden. Dieser innovative und fortschrittliche Ansatz im Denken muß auch von der Ministerialbürokratie in Nordrhein Westfalen gefördert werden.