Stellungnahme beim Hochschuldialog "Wir im Gespräch", Matthias und Ingo für den AStA der GH Siegen, 27. Mai 1994 an der GH Siegen
Liebe StudentInnen und Studenten, sehr geehrte Damen und Herren,
in der letzten Zeit hörte man häufig folgende Argumentation:
"Die Hochschule ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor der Region. Nicht zuletzt der Einzelhandel profitiert ungeheuer von den vielen StudentInnen. Deshalb muß die Hochschule viel stärker gefördert werden."
Das klingt auf den ersten Blick gut, ist aber grundfalsch. Wenn dieses Argument zuträfe, könnte man genauso gut einen neuen Bundeswehr-Standort aufmachen.
Die Hochschule gibt es, um den Menschen Zugang zur Bildung auf einem hohen Niveau zu ermöglichen. Dafür sind übrigens Gesamthochschulen ganz besonders geeignet, da sie zwei wesentliche Aspekte der Vermittlung und Weiterentwicklung von Bildung natürlicher als andere Hochschultypen verwirklichen können: Erstens die Verbindung von Betrachtungsweisen auf verschiedenen Ebenen - forschungsbezogen, praxisbezogen, didaktisch -, zweitens das Zusammenwirken verschiedener Fächergruppen. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen die Hochschulen Förderung.
Ein wichtiger Aspekt von Bildung ist die aktive Teilnahme am kulturellen und politischen Lebens in der Region. Natürlich dürfen Kultur und Politik nicht ausschließlich an der Hochschule stattfinden und so zu reiner Hochschulkultur und Hochschulpolitik verkommen.
Lassen Sie mich einige Beispiele nennen, wie dieser Anspruch in Siegen von StudentInnen verwirklicht wird. Im Kulturreferat der StudentInnenschaft wird von und für - aber nicht nur von und nur für - StudentInnen ein vielseitiges Programm aus Konzerten, Theater- und Kabarett-Aufführungen, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen, Feten und sportlichen Wettbewerben gestaltet. Dabei wird bewußt auf die Zusammenarbeit mit dem VEB, dem Verein für Politik, Kunst und Unterhaltung, in dem sowohl StudentInnen als auch kulturell engagierte Personen, Gruppen und Initiativen aus der Stadt aktiv sind, Wert gelegt. Die Veranstaltungen finden gleichgewichtig in der Stadt und an der Hochschule statt, das Publikum ist stets bunt gemischt. Zahlreiche weitere Beispiele fallen mir zusätzlich zum Kulturreferat in diesem Zusammenhang ein: etwa
Es ist schade, daß hier die Zeit fehlt, näher auf diese wichtigen Beiträge von StudentInnen zum Leben in der Region einzugehen. Wir sollten im Auge behalten, daß dies aus der Sicht der StudentInnen der entscheidende Gesichtspunkt zum Thema "Hochschule in der Region" ist, und daß gerade eine Region wie das Siegerland solcher Anstöße bedarf.
Dennoch möchte ich an dieser Stelle auf den Ausgangspunkt zurückkommen: "Die Hochschule ist der bedeutendste Wirtschaftsfaktor in der Region." Ist das also ohne Bedeutung? Unsere Antwort darauf lautet ganz klar nein. Vielmehr ergeben sich daraus sowohl Chancen als auch Verpflichtungen.
Ein offensichtlicher Punkt als Beispiel: die Anwesenheit der StudentInnen in Siegen hat - auch durch die Einführung des Semestertickets - zu einer deutlichen Ausweitung des Angebotes im öffentlichen Personen-Nahverkehr geführt. Das ist sicher eine Chance für die Region. Trotzdem bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Wir sehen hier eine Verantwortung der Stadt und des Kreises, für bezahlbare öffentliche Verkehrsverbindungen zu sorgen. Diese besteht beileibe nicht nur gegenüber den StudentInnen, wird allerdings durch ihre Anwesenheit besonders deutlich und drängend. Das soll heißen: ein Semesterticket ist nur ein erster Ansatz, der in mehrerer Hinsicht ungerecht ist: Er schließt alle anderen gesellschaftlichen Gruppen aus, und er bürdet die Kosten den wirtschaftlich Schwachen auf.
Wie dagegen Chancen vertan und selbst an einer Hochschule der Anschluß an neue Entwicklungen verpaßt werden kann, zeigt das geplante Parkhaus am Eichenhang. Hier wird trotz immenser Kosten und gegen den erklärten Willen der StudentInnenschaft ein nicht mehr benötigtes und nicht mehr zeitgemäßes Struktur-Förderprojekt durchgezogen, wobei die Hochschule nicht den Mut aufbringt, dies zuzugeben.
Auch im Hinblick auf die Wohnsituation bedeutet eine Hochschule eine Verpflichtung für die betreffende Stadt: Eine Ghettoisierung der StudentInnen in Wohnheimen - am Ende noch auf dem Hochschulgelände - ist nur auf den ersten Blick die Patentlösung. Vielmehr muß dafür gesorgt werden, daß große Flächen billigen innerstädtischen Wohnraumes auf Dauer erhalten werden. In Siegen gehen hier bedeutende Impulse von StudentInnen selbst aus, man denke nur an das StudentInnenhaus der Architekten in der Feldstraße oder die verschiedenen Wohnprojekte am Unteren Wellersberg. Schade, daß letztere zur Zeit einer völlig überholten Verkehrspolitik zum Fraß vorgeworfen werden, nämlich dem Bau der Innenstadt-Zubringerautobahn HTS.
Die Hochschule ist größter Arbeitgeber der Region. Hier gäbe es zahllose Möglichkeiten auch im Bereich der betrieblichen Ausbildung, die nur ungenügend angeboten werden: insgesamt 1100 Beschäftigten im handwerklichen, technischen und wissenschaftlichen Bereich stehen nur 30-40 Auszubildende gegenüber. Wie in jedem anderen Betrieb sollten auch an der Hochschule - gerade an einer Gesamthochschule - im Umfang von mindestens 10% der Arbeitsplätze Ausbildungsplätze vorhanden sein.
Ihre große wirtschaftliche Bedeutung in der Region hat die Hochschule durch den Strukturwandel erhalten: Einerseits gewinnt ein hoher Bildungsstand immer mehr an Bedeutung, andererseits brechen zunehmend Arbeitsplätze im traditionellen Siegerländer Industriezweig der Stahlerzeugung und -verarbeitung weg. Das verleiht der Notwendigkeit, auch Menschen, die bereits über eine berufliche Qualifikation verfügen, Zugang zur Hochschule zu schaffen, eine besondere Dringlichkeit. Diese spezielle Ausprägung des Rechts auf Bildung und Entfaltung der Persönlichkeit wird nur durch das Zusammenspiel von Fachoberschule, Abendschule und Siegerlandkolleg einerseits und Gesamthochschule andererseits voll verwirklicht.
Auch der umgekehrte Zusammenhang ist wichtig: StudentInnen müssen in Zukunft mehr und natürlichere Chancen finden können, eine lebensweltliche Eingebundenheit zu erfahren. Punktuell - das heißt an einzelnen Stellen in manchen Studiengängen - gibt es Ansätze, die man unter diesen Begriff fassen könnte. Offensichtlich muß aber eine allgemeingültige inhaltliche Füllung dieses hohen Ziels erst noch geleistet werden, von der Entwicklung von Konzepten zu seiner Realisierung ganz zu schweigen. Das wird in Zukunft auch neue Herausforderungen an die Region, in der eine Hochschule lebt, bedeuten.
Eines können viele von uns jedoch aus eigener Erfahrung sagen, wie eine solche Eingebundenheit nicht aussehen darf: Daß, wie es zur Zeit geschieht, in einem Klima des allgemeinen Sozialabbaus bei stagnierenden BAFöG-Bedarfssätzen und munter blühenden Mietpreisen StudentInnen einfach gezwungen werden, sich durch den nächstbesten Gelegenheitsjob ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf diese Weise entsteht in der Regel eine körperliche und psychische Belastung, die die persönlichen Möglichkeiten verbaut, ohne Perspektiven zu öffnen. Der Region stehen die StudentInnen dann lediglich als bequem ausbeutbarer und beliebig verplanbarer Produktionsfaktor ohne Lohnnebenkosten zur Verfügung.