Bildungspolitik jenseits der Arbeitsgesellschaft

Stellungnahme beim Hochschuldialog "Wir im Gespräch", Klaus für den AStA der GH Siegen, 27. Mai 1994 an der GH Siegen

Vor 25 Jahren wurde eine bildungspolitische Grundsatzdebatte geführt, als deren Ergebnis das Modell der Gesamthochschule entwickelt wurde. Auch wenn das Modell niemals konsequent Wirklichkeit geworden ist, erscheint es sinnvoll die gesellschaftspolitischen Anforderungen, die ihm zu Grunde liegen, noch einmal vor Augen zu führen, um dann zu prüfen, wie sie sich weiterentwickelt bzw. verändert haben.

Die Diskussion hat ihre Ansätze sowohl in Anforderungen des ökonomischen Systems, als auch in geänderten Ansprüchen bzgl. der eigenen Biographie, oder besser der eigenen Emanzipation.

Das ökonomische System der ausgehenden 50ger / beginnenden 60ger Jahre war durch einen wissenschaftlich-technischen Fortschritt geprägt, der nach zunehmend höher qualifizierten Arbeitskräfte verlangte. Der Ruf nach höherqualifizierten Arbeitskräften hatte zwei Ebenen. Zum einen wurden mehr qualifizierte Kräfte auf allen Ebenen des Ausbildungssystem verlangt, zum anderen mußte sich das Qualifikationsniveau der einzelnen Ebenen insgesamt erhöhen.

Zeitgleich stand die Republik, genau wie die übrige westliche Welt, unter dem "Sputnikschock", der einen Systemrückstand symbolisierte, welcher wiederum einen ungeheuren Bildungsbedarf produzierte. Es gab auch aus diesem Grund im politischen Raum genügend Anlaß Anstrengungen in Richtung Öffnung und Reform des Bildungssystems zu unternehmen. Daneben spielten für das politische System die oben bereits dargestellten ökonomischen Bedingungen eine gewichtige Rolle.

Es waren darüber hinaus Prozesse entscheidend, die einen größeren Emanzipationswillen der Bevölkerung ausdrückten. Hingewiesen sei hier beginnend mit der Freß- und Reisewelle, über die Ostermärsche, bis hin zu Schwabinger Krawallen und Subversiver Aktion auf die Phänomene, die auf zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft hinweisen; und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen werden Konsumschranken eingerissen, beruflicher Aufstieg ist möglich und gewünscht. Zum anderen geht es um eine kulturell-politische Kritik von Staatlichkeit und anderen Herrschaftsstrukturen, die oftmals intellektuell-akademisch geführt wurde.

Auf dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Konstellation entsteht eine bildungspolitische Auseinandersetzung, deren Ergebnisse in weiten Zügen bekannt ist.

  1. Öffnung des Bildungssystem für weithin bildungsferne Schichten; es sei an dieses unbekannte, aber immer wieder strapazierte katholische Arbeitermädchen vom Lande erinnert.
  2. Integration von Wissenschaftlichkeit und qualifiziertem Berufswissen; an dieser Stelle sollen die irreführenden Begriffe Theorie und Praxis vermieden werden.
  3. insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften werden mit Inhalten versehen, die sie durchaus auch zu Kritik- und Reflexionswissenschaften machen; wobei ihre Rolle als Legitimationsinstrumente nicht verschwiegen werden soll.

Auf dieser Grundlage entstand als eine Art gesellschaftlicher Kompromiß das Modell der Gesamthochschule, mit dessen Umsetzung, Modifizierung und Kritik sich die Diskussion um "Reform der Hochschule" sich seit nunmehr 20 Jahren beschäftigt.

Am Ende des 20. Jahrhunderts scheint es jedoch beim Einstieg in eine Auseinandersetzung um die "Hochschule 2010" angebracht, die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse daraufhin zu prüfen, welche bildungspolitische Konsequenzen sie haben.

Das ökonomische System wird durch einen weitgehenden Trend zum Dienstleistungsbereich gekennzeichnet.

Die Betriebe setzen quer durch alle Sektoren in zunehmendem Maße auf "lean production", einem Organisationssystem, das auf

setzt.

"Lean Production" heißt auch Gruppenarbeit, d.h. in Teams zu arbeiten, die mit hoher Eigenkompetenz ausgestattet sind. Dadurch werden Hierarchien flacher, weil Entscheidungsbefugnis breiter gestreut wird und projektorientierter gearbeitet wird.

Qualifikationsanforderungen bestehen in vier Bereichen. Zum Einen geht es um hohe sprachliche Qualifikation, die den Kommunikationsanforderungen des Produktionssystem entspricht. Zum Anderen geht es um Autonomie, d.h. in die Lage versetzt zu sein, selbständig zu entscheiden, zu begründen und durchzusetzen. Des weiteren wird eine Kombination aus hochspezialisiertem (Expertensysteme) und einem breiten methodischen Wissen, das für sich wandelnde Anforderungen im Team genutzt werden kann, gefordert.

Letztendlich geht es um die Bereitschaft zu Lernen und zwar ein Leben lang.

Auf einer Makroebene entwickelt sich das ökonomische System durch einen sich überschlagenden wissenschaftlich-technischen Fortschritt in Richtung auf das Ende der Arbeitsgesellschaft. Nicht umsonst wird von der dritten industriellen Revolution gesprochen. Das bedeutet auf der einen Seite den Abschied von der Vollbeschäftigung als erreichbarem wirtschaftspolitischen Ziel und die endgültige Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Massenwohlstand. Auf der Anderen werden auch die individuellen Arbeitszeiten (Woche/Quartal/Jahresarbeitszeit) immer flexibler und verteilen sich teilweise auf mehrere Arbeitsplätze oder auf Phasen mit geballter und solcher ohne Beschäftigung. Dadurch entstehen neue Anforderungen an eine Gesellschaft insbesondere im Bereich der Sozialpolitik.

Diese aufgezeigten gesellschaftlichen Entwicklungslinien müssen auch im Rahmen der Bildungspolitik ihre Konsequenzen haben.

Es geht zuvorderst um einen Ausbau des Bildungssystem, der neben fachlichen Aspekten auch hohe soziale und sprachliche Kompetenz (Konfliktbewältigung / Problemlösung / Toleranz etc.) berücksichtigt

Daneben muß eine Öffnung des Bildungssystem in Richtung Weiterbildung stattfinden.

Diese Anforderungen könnten nun in ihrer konkreten Ausgestaltung als ein Kompromiß zwischen den ökonomischen Effektivitätsanforderungen und dem Demokratiepotential des Trends gesellschaftlicher Entwicklung ausgehandelt werden. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß die Chance durch Anpassung an einen ökonomischen Effektivitätsdruck eine gesicherte Existenz incl. Aufstiegschancen zu erhalten zunehmend geringer werden, vielmehr die Notwendigkeit steigt, die Menschen auf die Unsicherheiten bruchhafter Biographien vorzubereiten und jenseits überkommener Zufriedenheiten dauerhaft zu stabilisieren.

Wenn eine bildungspolitische Diskussion es schafft, dazu beizutragen,

einen Arbeitsbegriff zu etablieren, der sich nicht vorrangig am Aspekt der Lohnarbeit orientiert;

es schafft die emanzipatorischen Elemente von Bildung zu betonen

und

die Entkoppelung von Titel und Stelle nicht länger als Manko empfunden wird, sondern als Chance, Bildung, dieses alte Ideal der Aufklärung, als Wert an sich zu definieren

gibt es durchaus Möglichkeiten für ein Reformprojekt, das Ausstrahlung auf die Gesellschaft des 21. Jahrhundert hat.