Lebt die Linke in der Steinzeit?

von Klaus, ContraVinz, Nr.2, Juni '93

Stellen wir uns zunächst die Steinzeit als ein mehr oder minder idyllisches Fleckchen Erde vor, auf dem die Menschen unbefleckt von Wissenschaft und Rationalität naiv den Wundern der Natur gegenüber standen, mächtig stolz darauf waren zwischen gut und böse, schwarz und weiß und hell/dunkel unterscheiden zu können und ansonsten alles was sie sich nicht erklären konnten, unerklärt ließen. Sie lebten in kleinen Horden zusammen, entwickelten eigene Codes und betrachteten alle anderen kleinen Horden als prinzipiell feindlich. Sie waren geschichtslose Wesen, denen die Erfahrung von Geschichte mittels Mythen und Tabus vermittelt wurde. Das Leben war rauh und es ging permanent ums Überleben. Betrachten wir weiterhin den Lauf der Geschichte, den Zug der Zeit als einen Prozeß der Modernisierung, der ein immer mehr an Rationalität gebracht hat. Diese Rationalität war begleitet von Neugier, Wissensdurst und Entzauberung der Welt; ihrer Entmystifizierung. Schreiben wir also die Steinzeit auf der Zeitachse fort, leben wir in einer Welt, die toleranter und weltoffener ist, die ihre Feindbilder rationalisiert, und damit entkräftet, hat, die also nicht mehr in kleinen Horden, aber alle für sich und das zusammen, lebt und die sich von Neugier und Wissensdurst geprägt weiterentwickelt. In welche Richtung diese Entwicklung / Rationalisierung gelaufen ist, erfahren wir jeden Tag am eigenen Leib. Irgendein Schwachkopf hat irgendwann als Maß für die Rationalität eines bestimmten Handelns das Geld erfunden und seitdem leben wir im Kapitalismus bzw. seinen Vorformen. Daß diese Entwicklung auch in andere Richtungen hätte gehen können, ist unbestritten, weil es mehrere Logiken und Wertigkeiten gibt, die durchaus alle als rational zu bezeichnen sind, soweit Werte überhaupt begründet werden können. Womit wir denn nun, nach umfangreich einleitenden Worten, zum Kern des Artikels vorstoßen. Da sich der Kapitalismus durchgesetzt hat und damit Macht entwickelt, unterdrückt er andere Formen der Rationalität. Das ist im Laufe der Zeit, dem schon angesprochenen Prozeß der Modernisierung immer vorgekommen, weil immer um Wertigkeiten und Logikern gestritten und entschieden wird. Gegen alle Formen der Unterdrückung gibt es Protest und Widerstand, allerdings hat dieser unterschiedliche Gestalt. Auf der einen Seite gibt es den Protest, der sich als Vertreter einer anderen Logik empfindet und versucht dafür Mehrheiten zu finden, was bedeutet, daß er bzw. die Menschen, die diesen Protest tragen, in den offenen Streit/Diskurs mit anderen Menschen tritt und versucht zu erklären. Es würde zu weit führen zu untersuchen inwieweit der Inhalt des Protests sich im Diskurs allein dadurch verändert, daß er mit anderen Inhalten zusammenstößt.

Auf der anderen Seite gibt es ein, im eigentlichen Sinne, konservatives Modell von Protest, das darin besteht, den gesellschaftlichen Diskurs zu verweigern, sich abzuschotten und so das "Richtige", das "Wahre" zu erhalten. Das führt häufig dazu, daß die Rationalität transzendiert wird in einen quasi religiösen Zusammenhang von Mythen und Tabus, denn zu wissen gibts Nichts, nur zu glauben. Und die Wissenden werden zu Hohepriestern der Gemeinde, werden verehrt und sprechen Recht. Diese Formen des Protests verschwinden mit der Zeit, da sie vergessen werden, weil sie sich schmollend aus der Welt zurückziehen, wie die Insel Avalon im Nebel. Es gibt aber Zwischenzeiten in der diese Protestbewegungen vom Ruhm vergangener Zeiten zehren und hier und da Anschluß an aktuelle Auseinandersetzung finden können. Manchmal wandeln sie sich dadurch und modernisieren sich. Die meisten jedoch massakrieren sich selbst, weil sie immer fanatischer auf den rechten Pfad schielen und Abweichungen wie Verrat bestrafen.

In manchen Bergregionen gibt es eine dritte Variante des Protests. Sie ist primär konservativ und erinnert in ihren kulturellen Äußerungen an das einleitend vorgestellte Bild der Steinzeitexistenzen. Jedoch ist sie nicht so isoliert wie die KollegInnen aus der Steinzeit, sondern über moderne Massenmedien und persönliche Kontakte an aktuelle Auseinandersetzungen in den Metropolen angebunden.

Die Pfiffigen werden es jetzt geblickt haben. Ja es geht um Siegens Linke. Vielleicht habens einige schon bei der Einleitung geahnt, aber hier kann Entwarnung gegeben werden. Es könnte sowohl auch um die SiegerländerInnen im Allgemeinen als auch um die Linke in der BRD gehen, soll es aber nicht, sondern darum, die als Eckpunkte einer Steinzeitexistenz vorab bestimmten Phänomene anhand der Siegener Linken durchzuspielen.

Steinzeitfaktor 1: Geringes Maß an Wissenschaftlichkeit und Rationalität

Nun, die Erkenntnis, daß es dieses Defizit gibt, hat im letzten Jahr zur Gründung einer Reihe von Lesezirkeln und ganz zeitgemäß zu einigen Video-guck-gemeinschaften geführt. Horst seine Bücherkiste gewinnt ihren Stellenwert als "die linke" Buchhandlung in Siegen langsam zurück. Die Bibliothek der Gesamthochschule scheint im Gegensatz dazu sogar für die studentische Linke ein verbotenes Terrain zu sein, da die politische Korrektheit der dortigen Bücher nicht garantiert ist. Sie wird nicht oder wenig genutzt. Dieser traurige Fakt ist Ausdruck dafür, daß sich weitgehend darauf beschränkt wird, die Argumente der eigenen scene zu durchdringen, was die geringe Anzahl gelesener AutorInnen und Verlage erklärt. Ein weiter Ausdruck mangelnder Rationalität ist die Verknüpfung von Argument und Person, die hier leider ausgeprägt ist. Gemeint ist die Unfähigkeit sich zu streiten ohne dies zu einer Frage von Sympathie und Antipathie zu machen. Das könnte mit der Annahme zusammenhängen in einer prinzipiell feindlichen Umwelt zu leben. Dazu weiter unten.

Steinzeitfaktor 2: geringer Differenzierungsgrad

Gerade der 1. Mai hat gezeigt, daß wir weitgehend nur in der Lage sind zwischen denen und uns zu unterscheiden. Differenzierungen bei denen fallen unter den Tisch. Das macht unfähig einzelne Menschen und Gruppen bei denen `rauszubrechen und zum mitmachen bei uns zu bewegen. Es macht darüber hinaus unfähig zur Toleranz, zum Verstehen des Anderen bzw. Verständnis für den Anderen. Exemplarisch sei hier nur die überhebliche Verachtung angeführt mit der einige Linksradikale die BesucherInnen der "rassismus besiegen"- Veranstaltung betrachteten. Die Erkenntnis, daß diese Leute gar nicht anders können, weil ihnen bestimmte Erfahrungen fehlen, weil ihnen bestimmte Einsichten abgehen oder sie mit anderen Wertigkeiten leben, hätte bei einem selbstkritischen Umgang mit uns selber dazu führen müssen, daß wir unsere eigenen Positionen als Ergebnis unserer eigenen Erfahrungen sehen. Wer sich selber aber als Zwischensumme eines Prozeß von Entwicklung sieht, kann nicht weiter in gut-böse- Schemata denken. Keine von uns ist als Linksradikale auf die Welt gekommen! Und das sollten wir nie vergessen, daß es Freundinnen, Erfahrungen, Wohnorte, Kinofilme oder das Elternhaus und selten das Studium der blauen Bände waren, die uns auf den Weg gebracht haben.

Steinzeitfaktor 3: "... das Unergründliche laßt unergründet..."(Goethe, Faust oder sowas)

Jaja, die heißen Eisen lassen wir doch wahrlich brav außen vor. Jugoslawien, Trikont oder Umweltschutzpolitik sind sogar soweit Tabuthemen, daß sie nicht einmal im betrunkenen Hirn an Theken und Küchentischen spekulativ verhandelt werden. Das Gespräch, der Diskurs wird nur auf sicherem Terrain geführt.

Steinzeitfaktor 4: Kleine Horden mit eigenen Sprachcodes und alle anderen kleinen Horden sind prinzipiell feindlich.

Das andere Leute den Eindruck haben, daß wir nicht den größten Wert darauf legen mehr zu werden, sollte uns zu denken geben. Wir machen es anderen Leuten nämlich auch nicht leicht. Es gibt genaue Regeln im Haus, die ganz Alten können sich sogar manchmal an die Plenen erinnern auf denen das und das beschlossen wurde, wer was sucht wird angepatzt, Einige Thekendienste scheinen es wirklich als Belastung zu empfinden und die Stimmung ist vielleicht was für Leute, die den charmanten Ton von DDR-Kellnerinnen vermissen, aber nichts für Leute, die sich den Laden mal angucken wollen. Insgesamt erscheint das VEB manchmal wie ein exklusiver Club, in dem sich einige Leute auf ein Älterwerden ohne schlechtes Gewissen einrichten, indem sie mit immer gleichen Leute einen Lebenszusammenhang inszenieren, der als Links etikettiert wird, ohne dies in Frage zu stellen. Eintrittskarte und Aufnahmeprüfung ist die bedingungslose Akzeptanz des Etiketts als Realität. Diese Akzeptanz ist auch die Scheidegrenze zu anderen Horden, die bei nicht oder nicht mehr Akzeptanz die Bösen werden. Daß wir die Guten sind (siehe erster Mai) ist nicht nur Ausdruck eines bedauerlichen Mangels an Positionen, sondern auch maßlose Ignoranz.; selbst wenn die Idee zum Spruch von den libertären Tagen kommt. Das zeigt nur das es bundesweit nicht besser aussieht.

Steinzeitfaktor 5: Mythos und Tabu statt Geschichte

Betrachten wir die Geschichte und ihre Auswertung als einen rationalen Akt, der sich immer wiederholen läßt, d.h. die Argumente und Begründungszusammenhänge sind klar und vermittelbar und weiterhin den Versuch diese Kausalketten weiterzuführen als einen wichtigen Bestandteil der politischen Strategieentwicklung. Sehen wir dagegen die geronnene Geschichte in Mythen und Tabus stehen wir vor Sozialzusammenhängen, die sich nicht weiterentwickeln, weil Mythen und Tabus unveränderbar sind und es keine nachvollziehbaren Begründungsketten gibt, die fortgeschrieben werden könnten. Es handelt sich um Glaubensdinge, um Regeln gegen die zu verstoßen kein Fehler, sondern Sünde ist. Fehler werden erklärt, Sünde wird gebüßt; manchmal mit Verstoß aus der Horde. Mythen und Tabus entheben aber darüber hinaus der Verantwortung selber zu denken, sie sind Regelwerke denen es sich anzupassen gilt. Empirisches Beispiel ist hier der Umgang mit der Sexismus-Patriarchatsdiskussion.

Steinzeitfaktor 6: Überleben!

Tonfall und Pathos einiger Flugblätter, Auftreten einiger streetfighter, der Bierernst, die häufige Abwesenheit von Humor und die Wucht unserer Analysen lassen gar keinen anderen Schluß zu: Es herrscht Kriegszustand, oder? Vielleicht haben einige in langen Jahren den Blick fürs Ganze verloren, erstens im internationalen Maßstab zweitens im Nationalen. Hier ist weder Berlin noch Belfast. Uns gehts hier noch Gold, was wir an Revolte inszenieren, wird doch geduldet. Repressive Toleranz. Wer dann allerdings das nicht teilt und hier den Kriegszustand sieht, sich dann aber über massives Polizeiaufgebot bei Demos aufregt ist schlicht naiv und inkonsequent. Metropolenkinder, die sauer sind, daß sie nicht in Ruhe spielen dürfen, obwohl die Glasversicherung von Papa doch bisher auch alles geregelt hat.

Diese sicherlich skizzenhafte Darstellung der kulturellen Verfaßtheit der Siegener Linken läßt kaum einen anderen Schluß zu: Trotz der Tatsache, daß wir nicht mehr permanent ums Überleben kämpfen müssen, Verhaltens wir uns so. Das ist pathologisch. Wir sollten begreifen, daß wir nicht der Nabel der Welt sind und uns in einer quasi- kopernikanischen Wende darauf einlassen, unsere Aktivitäten offensiv als ein Projekt der Moderne zu begreifen und zu entwickeln und nicht wie die Höhlenmenschen unser Feuer zu hüten. Denn im Zentrum unserer Aktionen soll die radikale und öffentlichkeitswirksame Infragestellung der herrschenden Zustände stehen. Und dazu gehört auch die Erkenntnis das wir nur Spiegelbild dieser Gesellschaft sind und deshalb auch immer nur so radikal sein können, wie wir diese Gesellschaft radikalisieren.

Raus aus der Nische - Hinein ins Vergnügen!