[Sollte im schmuddelkind erscheinen.]
"Frauen haben als Nutzerinnen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) andere Bedürfnisse und Gewohnheiten als Männer. Sie besitzen seltener als Männer einen Führerschein und einen Pkw. Mit Zunahme der Erwerbstätigkeit von Frauen und dem wachsenden Bedürfnis, Beruf und Familie zu vereinbaren, wird deutlich, daß der ÖPNV den heutigen Anforderungen an räumliche und zeitliche Verfügbarkeit nicht in ausreichendem Masse entspricht. Frauen sind weitaus häufiger als Männer nicht nur für ihre eigenen Wege, sondern auch für den transport und die Begleitung von Kindern zuständig und sie erleben bei Dunkelheit in öffentliche Räumen mehr Unsicherheit und Angst als Männer." (Frauen und ÖPNV, ein frauenspezifisches Programm für den öffentlichen Personennahverkehr" , kostenlos zu beziehen über das Ministerium für die Gleichstellung von Mann und Frau NRW)
Dies war Anlaß für die Landesregierung NRW zusammen mit der Stadt Leverkusen ein Forschungsprojekt zu starten, um diese besonderen Bedingungen genauer zu untersuchen und Anregungen und Hilfestellungen bei der Planung eines frauenfreundliche ÖPNV zu entwickeln. Die im November letzten Jahres herausgegebene Broschüre "Frauen und ÖPNV" beschreibt nun die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung in einer gut lesbaren Form und ist nicht nur für Städte- und Verkehrsplaner interessant.
Die AutorInnen dieser Broschüre bemühen sich vor allem herauszuarbeiten, was denn nun die besonderen Bedingungen von Frauen als Verkehrsteilnehmerinnen sind. Nur ein Viertel der über 30 Millionen in der BRD zugelassenen Pkw sind im Besitz von Frauen, auch fahren Frauen mit ihrem Auto weniger häufig. Befragungen zeigen deutlich das unterschiedliche Verhältnis zum Auto: Fast ausschließlich Männer beschäftigen sich mit Autozeitschriften und haben einen regelrechten Freizeitkult um das Auto entwickelt. Außerdem sind Frauen auch heute noch weniger technikverliebt als Männer und interessieren sich eher für den Nutzen der Technik.
Frauen, noch immer überwiegend zuständig für Kinder und Haushalt, haben eine wesentlich stärkere Bindung an ihr Wohnquartier als täglicher Erfahrungswelt, als Männer. Grundsätzlich läßt sich sagen, daß Frauen heute den ÖPNV stärker nutzen als Männer und sie stellen durch ihr spezielles Nutzungsprofil hohe Ansprüche. Sie sind Expertinnen für den ÖPNV und für sinnvolle Verkehrsplanung, werden aber bei den Entscheidungen aber selten gefragt oder beteiligt!
Frauen beurteilen den ÖPNV vor allem unter dem Aspekt der Sicherheit, des nächtlichen Angebots, der Kinderfreundlichkeit, ganz allgemein nach dem Komfort und der Tarifgestaltung. Der ÖPNV konnte zum Garanten für Sicherheit werden, da er quasi per definitionem soziale Kontrolle bietet. Doch lange Warte- und Umsteigezeiten gerade in der Nacht und schlecht ausgeleuchtete und weit entfernte Haltestellen machen den Vorteil wieder zunichte. Vor allem die Gruppe der über 65jährigen Frauen läßt sich dadurch am ehesten von Mobilitätsabsichten abhalten und bleibt Zuhause. Unabhängig von der Altersschicht kommen Angstgefühle bei Frauen häufiger vor als bei Männern. Über die Angst der Mütter wird auch die Mobilität von Kindern beeinträchtigt und deren Radius und Sozialisationschancen eingeengt.
Kommunen und Verkehrsunternehmen versuchen mittlerweile das lückenhafte Angebot durch ergänzende Systeme wie Nachtbus, Anruf-Sammeltaxi, Frauen-Nachttaxi, Linientaxi und Taxi-Ruf-Service auszugleichen. So wichtig solche Spezialangebote in einer Übergangsphase als praktische Hilfe und Signal für die Öffentlichkeit sind, so notwendig ist es jedoch, sie langfristig in einen gut organisierten Linienbetrieb zu integrieren. Wie sich allabendlich auf den Straßen zeigt, ist der Bedarf auch in den sogenannten `Schwachverkehrszeiten' groß. Der ÖPNV sollte deshalb so weit wie möglich zeitdeckend sein und Haltestellen nicht mehr ausschließlich nach verkehrstechnischen Gesichtspunkten, ohne Rücksicht auf objektive und subjektive Sicherheit geplant und angelegt werden.
Lücken im Streckennetz machen sich besonders schmerzlich für Hausfrauen oder Mütter bemerkbar, denn sie erschweren die ohnehin schon schwierige Organisation des Alltags, die Koordination der tägliche Wege in unnötiger Weise. Die Beförderungswünsche von Kindern sind heute viel größer als früher. Sie müssen zum Kindergarten oder zur Grundschule gebracht werden. Ihre Freundinnen und Freunde wohnen bei allgemein sinkender Kinderzahl selten gleich nebenan, sie wollen zum Spiel- oder Sportplatz, möchten oder müssen hierhin und dorthin transportiert werden. Eine zunehmend aktivere und mobilere Bevölkerung legt mehr Wege zurück als je zuvor; nicht nur zu Verkehrsspitzenzeiten, sondern zu allen Tageszeiten, nicht nur zu den typischen Treffpunkten, sondern überallhin, nicht immer die üblichen geplanten und prognostizierbaren Wege, sondern spontan entschiedene, schwer oder nicht vorhersehbare. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, muß dringend eine allgemeine Verdichtung des Streckennetzes und der Taktfrequenz gefordert werden.
Aber auch der Weg zur Haltestelle muß in eine ÖPNV-Vorrang-Politik eingebunden werden, dazu reichen vereinzelte Fußgängerampeln an Unfallschwerpunkten nicht aus. Je sicherer der Weg zum Kindergarten oder zur Schule ist, um so leichteren Herzens können Mütter ihre Kinder allein auf den Weg schicken. So ergänzen sich verkehrsberuhigende Maßnahmen, wie die Einrichtung von Tempo-30-Zonen und Maßnahmen zu Verbesserung des ÖPNV-Angebots zu eine attraktiven Programm für des sicheren Stadtverkehr.
Ein Beispiel für eine verkehrssichere Haltestellenlösung sind sogenannte "Zeitinseln": Induktivschleifen stoppen den Verkehr im Haltestellenbereich bei der Einfahrt von Bus oder Bahn. Ein weiters Beispiel ist die "Kap-Lösung": Hier springt die Haltestellenfläche in den fließenden Verkehr hinein. Die durchgehende rechte Fahrspur wird im Haltestellenbereich unterbrochen; sobald Bahn oder Bus in die Haltestelle einfahren, ist die Fahrspur für den Individualverkehr gesperrt. In beiden Fällen wird verhindert, daß ungeduldige Autofahrer Fahrgäste des ÖPNV verunsichern oder Konfliktsituationen verursachen.
Zu einem kinderfreundlichen ÖPNV gehören darüber hinaus sichere und komfortable Wartezonen mit Sitzen, Ablagen und Witterungsschutz, Fahrradabstellanlagen, die auch mit Kindersitzen leicht zugänglich und diebstahlssicher sind und Wagen, die einen problemlosen Einstieg ohne Stufen und viel Platz für Fahrgäste mit Kinderwagen und sperrigem Gepäck bieten.
Auch des Komfort des ÖPNV läßt sich wesentlich verbessern. Dazu zählt z.B. die Information der KundInnen, Auskünfte über Linien, Abfahrtorte, Abfahrtzeiten, Zielorte, Anschlüsse, Umsteigemöglichkeiten und vor allem über die Tarifgestaltung. Viele Informationen erreichen die Adressaten erst gar nicht. Auch Komplikationen innerhalb des Angebots die zeitliche Befristung von Angeboten oder die Beschränkung auf eine bestimmten Nutzerkreis in Kombination mit zeitlichen Restriktionen können den Erfolg verhindern. Leicht lesbare Netzübersichten und Fahrpläne sollten im Haushalt, nicht erst an der Haltestelle verfügbar sein. Dabei sollten sich nicht die Fahrgäste um geeignetes Material kümmern müssen, die bestmögliche Information ist Bringschuld der Verkehrsbetriebe. Nicht unberücksichtigt bleiben, darf dabei: Je besser ein Nahverkehrssystem ist, um so weniger Information ist zu seiner Benutzung nötig. Je mehr es gelingt, die räumliche und zeitliche Verfügbarkeit des ÖPNV auszuweiten, desto leichter ist es, ohne aufwendigen Medieneinsatz über Angebote zu informieren.
Hilfsbereites und freundliches Personal stufen die in Leverkusen befragten Nutzerinnen des ÖPNV auf den fünften Platz in der Wichtigkeit von Veränderungen im Bereich des ÖPNV ein. Vor allem ältere Frauen, eine der stärksten Nutzergruppen des ÖPNV, äußern diesen Wunsch. Sie sind besonders auf Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme des Personals angewiesen und würden von einer Schulung des Personals hinsichtlich Fahrgastbetreuung am meisten profitieren. Wie sich auch in anderen gesellschaftliche Bereichen zeigt, ist der Grad der persönlichen Betreuung ein entscheidendes Kriterium für die Akzeptanz einer Dienstleistung. An einem freundlichen, persönlichen Service führt zukünftig kein Weg vorbei.
Frauen legen Wert auf niedrige Fahrtarife. Alleinstehende und ältere Frauen haben im Durchschnitt weniger Geld zur Verfügung als Männer in vergleichbarer Lage, so daß sie stärker rechnen müssen. Neben der Höhe der Tarife, sind es das komplizierte Angebot, das Preisvergleiche erschwert und die Kombination verschiedener Merkmale - zeitliche Gültigkeit, Gültigkeit für mehrere Personen, Übertragbarkeit etc. die Schwierigkeiten bereiten und eventuell von der Benutzung des ÖPNV abhalten. Die Erfahrungen verschiedener Verkehrsbetriebe mit den sogenannten `Umwelttickets' zeigen die Eckdaten für ein attraktiveres Tarifsystem:
Wenn Frauen die gleiche Mobilität wie Männern ermöglicht werden soll und wenn Frauen dem ÖPNV als Kundinnen erhalten bleiben sollen, dann muß sich der ÖPNV stärker auf ihre Bedürfnisse einstellen und für sie attraktiver werden. Voraussetzung für einen leistungsfähigen ÖPNV ist das Zusammenspiel aller wichtigen Komponenten.
Frauen sind bisher weitgehend von Planungsprozessen im Verkehrsbereich ausgeschlossen. Im Verständnis der Verkehrsbetriebe sind sie häufig nur eine "Pflichtgruppe", die dem öffentlichen Verkehr von allein zufällt. Der öffentliche Verkehr sollte Frauen als Zielgruppe ernstnehmen. Er muß sie in der Werbung direkt ansprechen, ihnen Gelegenheit geben, ihre Erfahrungen als Hauptnutzergruppe in die Planung einzubringen und was letztlich entscheidend ist sie an der Entscheidungsfindung zu beteiligen. Die weitergehende Forderung wäre die umfassende Anerkennung der Frauen als Trägerinnen öffentlicher Belange bei der Planung von Siedlungsstrukturen und Verkehrssystemen.
Die Akzeptanz des ÖPNV hat viel mit der Qualität des städtischen Umfelds zu tun. So hat z.B. die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Linienbusse in dicht bebauten Innenstädten nur dann eine Chance, wenn es gelingt, die knappen Straßenflächen zugunsten des ÖPNV umzuverteilen. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrssysteme muß deshalb von Maßnahmen zur flächenhaften Verkehrsberuhigung und Stadtgestaltung flankiert werden. Als wichtige Maßnahmen sind zu nennen:
Investitionen in den ÖPNV zeigen aller Erfahrung nach erst dann die gewünschten Erfolge, wenn sie Bestandteil eines planerischen Gesamtkonzepts der kommunalen Gebietskörperschaft und einer Marketingstrategie der Verkehrsunternehmen sind. Planung, Durchführung und Förderung von Infrastrukturmaßnahmen müssen koordiniert werden und einen Zusammenhang zwischen ÖPNV und motorisiertem Individualverkehr herstellen. Für die Gestaltung der Haltestellen und die Beschaffung moderner Fahrzeuge stehen Förderprogramme des Bundes und des Landes zur Verfügung.
Die Verkehrsunternehmen müssen sich von der reinen "Hardware-Orientierung" abwenden und sich über die technische Optimierung der Fahrzeuge hinaus auf "Public Awareness" und "Marketing" konzentrieren. Für die Leistungsfähigkeit des ÖPNV sollte ein Image aufgebaut werden, das den alltäglichen Nutzen für Kundinnen in den Mittelpunkt stellt: den Zeitgewinn auch bei komplizierten Wegeketten, die universelle Verfügbarkeit und das von häufig verkehrenden Fahrzeugen ausgehende Gefühl der Sicherheit. Der ÖPNV muß deutlicher als bisher auf seine weiblichen Fahrgäste ausgerichtet sein.