[Sollte im schmuddelkind erscheinen.]
Gedanken zur Krise des Bildungssystems oder Versuche mit der Kapitaltheorie Pierre Bourdieus
Wer kennt sie nicht? Die unheimliche, schleichende Beklemmung unbedingt noch was kopieren zu müssen. Diese Hektik, die Einen an den Kopierer treibt, das zufriedene Gefühl hinterher und die Unzahl niemals gelesener Kopien die sich auf den Schreibtischen stapeln. Es scheint so zu sein, daß viel und immer mehr kopiert wird. Und daß viel von dem, das kopiert wird, nicht gelesen wird, ist eine Alltagserfahrung, die wohl von allen Seiten bestätigt werden kann. Aber was steckt dahinter? Wo liegen die Ursachen für diese Copymania? Diese Fragen sollen im Artikel geklärt werden, wobei das Phänomen mit Hilfe bourdieuscher Kapitaltheorie als Ausdruck einer tiefgreifenden Krise des Bildungssystems interpretiert werden soll.
"Bourdieusche Kapitaltheorie" hört sich ja toll an, aber was ist das? Nun Pierre Bourdieu ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Soziologen und hat in Anlehnung an Marx eine weitaus differenziertere Kapitaltheorie entwickelt. Er unterscheidet zunächst einmal drei Kapitalsorten. Da ist zuvorderst das ökonomische Kapital, das die zentrale Kapitalsorte ist. Als zweite Sorte führt er das soziale Kapital ein, das die Summe der sozialen Kontakte, den Status etc. bezeichnet. Die dritte, in diesem Zusammenhang relevante Kapitalsorte ist das kulturelle Kapital, auf das weiter unten noch ausführlicher eingegangen werden soll.
Bourdieu differenziert die drei Kapitalsorten weiter aus, indem er drei mögliche Erscheinungsformen des Kapitals ausmacht. Als objektiviert bezeichnet er die Erscheinungsform einer Kapitalsorte, in der der Inhalt einer Kapitalsorte in einem Objekt Eingang gefunden hat (z.B. kulturelles Kapital in einem Gemälde). Institutionalisiert ist die Erscheinungsform des Kapitals, in der gesellschaftliche Vereinbarungen des Kapitalerwerbs bzw. -besitzes gefaßt werden (z.B. ökonomisches Kapital in den juristischen Eigentumsrechten). Das kulturelle Kapital kann in inkorporierter Form auftreten. Diese Form bezeichnet die aus Erziehung/Sozialisation resultierenden individuellen Erscheinungsbilder der verschiedenen Kapitalsorten (z.B. Geschmack im ästhetischen oder Kompetenz im kognitiven Bereich).
Nachdem nun zugegebenermaßen etwas knapp, die bourdieusche Kapitaltypologie vorgestellt wurde, soll nun das Bild mit einigen Bemerkungen zur Kapitaldynamik vervollständigt werden. Zunächst einmal ist mit dem Besitz von Kapital ein gewisser Status verbunden und zwar in der Logik von je mehr Kapital, desto mehr Status. Die verschiedenen Kapitalsorten haben in unterschiedlichen sozialen Bereichen verschieden hohe Bedeutung, jedoch ist der Status durchaus von einem sozialen Bereich auf den anderen übertragbar. Kapital ist immer von einem gewissen Schwundrisiko begleitet, etwa durch Veralten des erworbenen Kapitals oder durch Inflation. Um sich dem Thema weiter anzunähern, soll nach dieser allgemeinen Darstellung der Kapitaltheorie Bourdieus das kulturelle Kapital genauer betrachtet werden.
(...und das war Siegerländer Haubergsfranzösisch) Es ergibt sich das Bedürfnis, an dieser Stelle den Begriff der Kultur zu klären. Für den Zweck des Artikels ist es hinreichend, wenn Kultur als Summe von Kulturgütern, worunter auch der "gute Geschmack" und der "Benimm" gefaßt werden, und das Wissen begriffen wird. Auch das kulturelle Kapital hat drei Erscheinungsformen, die hier vorgestellt werden sollen. Zunächst das inkorporierte, das verinnerlichte Kapital, also Kompetenz oder Geschmack. Dieses Kapital wird bereits früh erworben und wird zumindest im ästhetischen Bereich entscheidend durch das Elternhaus geprägt, so daß sich bestimmte Geschmackskulturen reproduzieren, mit denen sich unterschiedlicher Status verbindet. Im Bereich von Kompetenz ist der Einfluß des Elternhauses nicht in dem Masse prägend, weil über Bildunginstitutionen solche Sozialisationsdefizite, die sich auf das Wissen beziehen, ausgeglichen werden können. Aber da Bildungsinstitutionen auf bestimmte Formen des Wissens spezialisiert sind, kann nicht das gesamte Defizit kompensiert werden.
Institutionalisiert ist kulturelles Kapital in den, in Bildungsinstitutionen erworbenen Titeln, etwa das Abitur oder dem Diplom. Die Titel werden in Bildungsinstitutionen erworben, die als soziale Institutionen die Funktion der Reproduktion des Systems habe, von daher nicht am Einzelnen interessiert sind. Aus dieser Logik ist ein Teil der Krise des Bildungssystems zu erklären, nämlich die Titelinflation.
Da im Zuge der wissenschaftlich-technischen Entwicklung ein immer größerer Bedarf an höherqualifizierten Arbeitnehmern entstand, öffnete sich das Bildungssystem und die Zahl derjenigen mit höheren Bildungstiteln stieg. Da sich aber der Bedarf nicht adäquat zu den vergebenen Titeln entwickelte, entkoppelten sich der erworbene Titel und die Stelle, auf die augenscheinlich qua Titel Anspruch zu erheben gewesen wäre. Hiermit kann zu Recht von Titelinflation geredet werden, da den vergebenen Titeln zuwenig Stellen gegenüberstanden bzw. stehen.
Damit haben die Titel aber auch ihre spezielle Reproduktionsfunktion verloren, die darin bestand, über die Vergabe von Titeln die Besetzung von Stellen zu steuern und damit die Sozialstruktur zu reproduzieren. Dieser Mechanismus ist außer Kraft. Da institutionalisiertes Kulturkapital zumindest in Bezug auf Statuserwerb wertlos geworden ist, treten nun an seine Stelle andere Mechanismen um soziale Reproduktionsfunktion zu erfüllen und Stellen zu besetzen. Insgesamt kann dieser andere Mechanismus als "Bündelung anderer Kapitalien" bezeichnet werden. Dieser Mechanismus wird weiter unten noch einmal aufgegriffen. Zuvor soll jedoch die objektivierte Form des Kapitals vorgestellt werden. Hierunter sind die Kulturgüter gefaßt, etwa Bilder, Bücher etc. Für den Bereich der Bildung kann auch die Kopie als eine objekthafte Aneignung von Bildung interpretiert werden. Falls diese Interpretation zulässig ist, wird an dieser objekthaften Aneignung die Krise des Bildungssystems deutlich, da ja nur das Objekt, nicht aber seine Inhalte angeeignet werden. (Natürlich wird das ein oder andere auch gelesen) Gerade aber um diese Inhalte geht es im Bildungssystem doch.
Folglich scheint das Bildungssystem in zweierlei Hinsicht zu versagen. Es erfüllt weder seine soziale Reproduktionsfunktion (Stichwort: Titelinflation) in dem Sinne, daß für eine bestimmte Qualifikation auch eine entsprechende Stelle zur Verfügung steht, sondern die Stellen werden über die Bündelung anderer Kapitalien, d.h. soziale Kontakte oder Kapital oder über steigende Bedeutung von inkorporiertem kulturellem Kapital verteilt; noch erfüllt es seine technische Reproduktionsfunktion, die Wissensvermittlung. Denn wie läßt sich die non-sense-Kopiererei anders interpretieren, als der hilflose Versuch der Wissensaneignung und zwar ebenjener Art von Wissen, die dieses System implizit fordert: Prüfbares Wissen wegen Titelvergabe, die weder Kompetenz noch Stelle zuweist. Aber dieses prüfbare Wissen; Fakten, Theorien, kurz die Summe wissenschaftlicher Produktion wird immer mehr, immer unüberschaubarer. Folglich kann ein System, das auf der Idee von abfragbarem Wissen aufgebaut ist, im Zuge wissenschaftlich-technischer Entwicklung nur kollabieren.
Aber soweit ist es ja noch nicht. Ein paar Kopierer mehr und die Illusion des Wissens wird in immer höher spezialisierten Studiengängen häppchenweise gestückelt und keiner merkt was. Oder?
Am Ende bleibt ein Fragezeichen und eine Idee: Hört auf zu kopieren und lernt, lest und denkt. Alle sind eingeladen, darüber zu reden, wie wir lernen können was wir wissen müssen, um zu (über-) leben, nicht um ein Diplom zu haben, also in den Diskurs um strategisches Wissen einzusteigen.