Bemerkungen zu einem Papier und zu "psychischen Defekten bei Teilen der Linken"

[Replik auf das Kulturreferat-Papier ]

"Fluch all denen, die soviel Öde und Langeweile ins Leben bringen" (Leo Trotzki)

Vor einigen Tagen ist im Umfeld des Kulturcafes ein Papier aufgetaucht, in dem sich mit der Selbstdarstellung des Kulturreferats "auseinandergesetzt" wird. Inwieweit dieses Papier der politisch verklausulierte Versuch ist, persönliche Differenzen mit dem Kulturreferat zu verdrängen, bleibt den Psychotherapeuten der 2(4) Autoren überlassen.

Trotzdem sei den Autoren gedankt. Ihr Papier ist nämlich ein guter Anlaß einiges klarzustellen.

Ihr redet im ersten Satz von "Politikverständnis". Was ich kritisiere ist eher eure "Politikfähigkeit". Am Montag abend ein paar total fertige Kultureferatsleute zu erleben, zeigt als allererstes, daß ihr Scheisse gebaut habt.

So geht man nicht mit Menschen um!!! (Oh Gott, Oh Gott ich hab vergessen man/frau zu schreiben. Ich hoffe ihr lest weiter!)

"Uns Kommunisten ist nichts Menschliches fern." (Stalin) Geschissen aber auch. Eure ganze Kritik, euer ach so wichtiges Selbstverständnis ist nicht angekommen. Ihr habt auch augenscheinlich nicht begriffen, was dieses Kulturreferat bedeutet. Und damit ihrs diesmal rafft, fangen wir am Besten ganz von Vorne an.

Es gibt an dieser Uni Leute, die sich an Ihr nicht wohlfühlen, für die Uni etwas Fremdes ist, das sie sich jeden Tag neu erkämpfen müssen. Die Leute kommen nämlich von der Straße, von Unten, von Außen; sind Arbeitersöhne und Bauernstöchter, sind Punx, Skins, am Saufen oder Sonstwas. Sie haben mal ein anderes Leben geführt. Dieses Andere Leben war die Straße, der Spaß, seinen Körper zu spüren. Aber: Dieses Leben ist ein Leben ohne Perspektive. Es macht keinen Spaß sein Leben lang für 2500 Netto jeden Tag hart zu arbeiten. Es macht keinen Spaß sich totzusaufen oder sonstwie zu töten. Es macht keinen Spaß, versteht ihr das??

Für uns ist die Uni eine Perspektive, weil sie u.a. den "Ernst des Lebens" und "Erwachsenwerden" um ein paar Jahre hinauszögert. Aber es ist eine harte Perspektive, eine ewige Zerrissenheit zwischen Früher und Jetzt, ein ewiges sich-Fremd-fühlen.

Von diesen Überlegungen und Gefühlen ausgehend gibt es seit zwei Jahren einen Kampf ums Kulturreferat. Dieses Kulturcafe soll "die Straße" in der Uni sein, ein Ort in dem sich Früher und Jetzt in der Räumlichkeit des Cafes zumindest vereinbaren lassen. Ein Ort an dem man morgens um 10.oo Uhr sein Bier trinken kann, ohne schief angesehen zu werden und trotzdem ins Seminar geht. Das hat mit Politik, Scheisse nochmal, wenig zu tun! Das ist Leben, seinen Spaß haben und schön.

"Der Rock'n'Roll hat die Welt mehr verändert, als Karl Marx und sein Kapital" (J.Daub) Aber das Unglück nimmt gerade deshalb seinen Lauf.

Selbstverständnisdiskussionen können eine politische Waffe sein, wenn es gilt Mehrheiten zu verändern, Strategisch umzuorientieren. Sie neigen leider dazu sich zu verselbstständigen.(Wahrscheinlich haben sie ihren Namen daher.) Gott sei Dank, sind es Worthülsen, meistens ohne Konsequenzen. Ging es also in der ersten Selbstverständnisdiskussionsrunde noch darum, dem vorhin dargestellten Spektrum "Schmuddels" (Randbemerkung: Diese Selbstbezeichnung stammt übrigens aus der Diskussion um eine Arbeitsniederlegung des Gustke-Schwieger-Referats und ist sich erst später vom DLL-Spektrum zu eigen gemacht worden.) mehr Gewicht im Referat zu verschaffen, erscheint mir diese, zweite Diskussion völlig Banane.

Was war denn, bitte schön, so revolutionär am letzten Kulturreferat. Eure Papiere und Diskussionen oder das Ensslin-Theater. Nur interessiert das keinen Arsch!!! Und revolutionäre Politik sucht doch, wenn sie nicht sektiererisch sein will, die Massen zu erreichen, woll? Aber das was die Massen mitkriegen, sind die Veranstaltungen. Und die werden im letzten und in diesem Semester von den gleichen Leuten gemacht. (Dank an Jörg-Henning, Brigitte und Crio) Und diese Praxis hat neue Leute angesprochen, mitzumachen; ist auch das was letztlich Veränderung bewirkt, denn nur über Praxis gewinnt man Ausstrahlung. Das ist revolutionär, wenn ihr so wollt. Mit einer Praxis Menschen zu überzeugen, daß wir auf dem richtigen Weg sind.

"Wir sind so viele, wir haben Macht..." (Daily Terror)

Die Richtung von Veränderung, kann nicht in Diskussionen festgelegt werden, sondern entwickelt sich im Spannungsfeld von subkultureller Praxis und Gesellschaft, in der Aktion.

"Eßt wenig, schlaft wenig, bewegt Euch" (Fidel Castro), das wäre revolutionär, Aktion zu machen, auf der Straße präsent zu sein, woll?

Aber das ist ja das Leben, etwas Spontanes, Plötzliches und hat doch mit eurem engen Politikverständnis nichts zu tun. Soll es ja auch gar nicht. Das Kulturreferat ist ein Ort, wo Kultur, unsere Subkultur unser Punk gelebt werden kann, was nicht heißt, das wir unpolitisch wären, wir sind nur nicht ausschließlich politisch. Deshalb können Leute meinetwegen auch 20 Grundsatzerklärungen unterschreiben, weil die einfach nicht wichtig sind. (Oh welch Frevel)

Aber Ihr gebt euch ausschließlich politisch.

Für euch ist es ein Akt revolutionärer Selbstorganisation, wenn nicht aufgeräumt wird. Wenn trotzdem immer dieselben Leute aufgeräumt haben, blendet ihr das Aus. Paßt ja auch nicht. Das ihr die Leute nicht gleich Nazi nennt, weil sie wollen, daß die Kasse stimmt, ist unheimlich nett. Aber das im Gegensatz zur Grundsatzerklärung, die Praxis des Cafebetriebs genauso ist, wie zu Zeiten revolutionärer Selbstorganisation, entgeht euch. Schade.

Und dann: Eure Anmerkungen zur RAF. Es scheint ja in letzter Zeit doch auch in Siegen ein paar Leute mehr zu geben, die den Widerstand unterstützen. Zwar ein bißchen spät, wo der doch gerade die Flinte ins Korn schmeißt, aber es ist ja so sauwichtig. Toll. (Anmerkung: Im Folgenden wird nicht die Gesamtheit derer kritisiert, die sich mit RAF/Hungerstreik auseinandersetzen, sondern um einige sich-unheimlichwichtig-nehmende Newcomer). Ich finde diese RAF-Formulierung im Programm eher unglücklich, als politisch so gewollt. BASTA! Aber ihr hackt mit einem Pathos darauf rum, das einem das Wasser im Auge steht.

Vielleicht solltet ihr euch mal fragen was das soll!

Ist für euch die Auseinandersetzung mit der RAF wirklich mehr als die inszenierte Aneignung der Straße, von Leben und Körperlichkeit? Ist das Handeln der RAF nicht auch der Ersatz für eure stinklangweiligen Sitzungen? Macht es nicht einfach nur Spaß den Bürgerschreck zu spielen, gerade jetzt wo alles nicht mehr ganz so heikel ist? Sind eure Vorbereitungstreffen wirklich so wichtig, oder sind sie nicht auch das erotische Vorspiel zu einem leider selten stattfindenden Orgasmus, weil es ja nicht so oft knallt?

Vielleicht solltet ihr auch solche subjektiven Reflexionen für euch zulassen, anstatt sich hinter Objekivitäten zu verschanzen.

Ich selber finde, bei aller Solidarität, die Politik der RAF über weite Strecken Scheisse, weil "sie der Reaktion die Munition im Kampf gegen die Arbeiterklasse liefert" (F.J. Degenhardt). Man sollte jedem solche Positionen zugestehen, und nicht erst jetzt, wo die RAF selbstkritischer wird und mans dann auch sein darf.

Ich schlage euch vor, sich erstmal mit euch selber auseinanderzusetzen, als weiterhin zu versuchen die Randgruppe "Schmuddels" für irgendeine Politik zu instrumentalisieren und eure Frustrationen an Ihnen auszulassen.

Für den Aufbau einer lebenden, lustigen Front in Westeuropa und Anderswo!

[...] (einer der im letzten Jahr viel lernen mußte/konnte. Dank an die Autoren!)