Ein Schritt vor, drei Schritte zurück

Zur Kritik der "Selbstdarstellung" des Kulturreferats im Programmheft Sommersemester 1992

Wertes Kulturreferat, Euer Papier zeugt von Eurem Politikverständnis. Der "Kampf um mehr Kultur an der GH" ist keiner, sondern ein liebevolles Streicheln des politischen Gegners. Das ist unangebracht, wie wir im folgenden beleuchten wollen.

Irritiert waren wir schon. Da schreibt das Referat ein Papier, in dem es mit dem "alten" Politikverständnis gebrochen zu haben dokumentiert. Und niemand stellt das explizit dem Text voran. Das Schwieger/Gustke-/Mix-Referat machte reformerische Politik, das darauffolgende hatte eine revolutionäre Ausrichtung. Ihr wollt "multikulturell" im Sinne des Frankfurter Kulturpapstes Cohn-Bendit sein, und in der Konsequenz dieses Verständnis Euch den europäischen Neger (Türken) gerne halten, wenn er Euch nur als Hofnarr die Zeit vertreibt. Das "bereichert" (dieses Verb habt ihr gut gelernt) dann Eure Kultur.

Nochmal deutlich: Das alte Referat wollte genau das nicht. Es wußte, daß es abzulehnende und zu unterstützende Kultur gibt. Aber es muß wohl mehr damit zusammenhängen, nicht zugeben zu wollen, daß Euch ein paar politische Scharlatane übers Ohr gehauen haben und Ihr jetzt nicht als Deppen dastehen wollt. Was meint Ihr, warum die geistig Begünstigteren rausgegangen sind, nachdem sie gemerkt hatten, was sie da unterstützten sollten. Sie wollten nicht das, was man in deutsch-nationalem Slang "Wendehälse" nennt, geschimpft werden. Uns ist zumindest eine Person bekannt, die in diesem Programmheft schon ihre dritte politische Selbstverständniserklärung abgibt. Dabei ist zu bemerken, daß alle drei diametral entgegengesetzt zueinander stehen. Aber zumindest steht ja diesmal nicht so viel drin, was Aussagekraft besitzen könnte.

(Das Cafe wird weiterhin) Zentrum kulturpolitischer Arbeit und Auseinandersetzung (sein).

Das Kulturcafe hat diesen Anspruch nie erfüllt und wird ihn nie erfüllen. Es kann nur den Raum für Vollversammlungen und Referatssitzungen bieten und die Möglichkeit zum Leute-Kennenlernen bieten. Aber über den Standardbetrieb mit Kaffeekränzchen und Absaufen wird es nicht hinauskommen. Das ist auch gut so - schließlich ist es Unsinn, jedem kaffeetrinkenden Menschen eine kulturpolitische Auseinandersetzung ans Bein zu binden. Den Sinn des Cafes als Euer Standbein an der Hochschule schlechthin scheint Ihr nicht erkannt zu haben:

(...) die Sachen aus dem Cafebetrieb zu streichen (...) Die Kasse muß einfach stimmen! (...) Cafe dreckigster Raum an der GH (...) Nase packen (...) Ordnung achten und erhalten!

Law and Order als Domäne des Kulturreferats? Erstens stimmt die Kasse nach den Erfahrungen des letzten Semesters immer dann, wenn Preisschilder aushängen. Zweitens kennen wir bisher erst einen Fall, wo jemand (erfolglos) in die Kasse greifen wollte - wenn er's nötig hat, bitte. Verhungert wenigstens jemand weniger. Drittens darf das Cafe ruhig ein Zuschußbetrieb sein, wenn denn erstens und zweitens so völlig daneben liegen. Wenn Leute in größerer Anzahl des Kulturreferats-Angebot wahrnehmen, dann die CafebesucherInnen. Viertens ist das Cafe selbst nach Euren bedeutungsschwangeren Worthülsen von der kulturpolitischen Auseinandersetzung kein betriebswirtschaftlich zu führender Laden, wo die Kasse stimmen muß und wenn das nicht geht, eben gestrichen wird. Fünftens verzichten wir gerne auf die Leute, denen's zu dreckig ist und die dann nicht selber spülen und entmüllen. Den Vogel schießt Ihr ab, wenn ihr meint, den Kinners nicht den Dreck hinterhertragen zu wollen, aber einmal wöchentlich eine Putzkolonne initiiert. Sechstens wollen wir keine Ordnung, Ruhe, Sauberkeit im Cafe. Dafür gibt's das Gartenhaus oder den Eulenspiegel.

(...) denn wir wiederholen auch kein schlecht gelaufenen Konzerte.

Soso, die Qualität und Bedeutung Eurer Veranstaltungen macht sich also primär an der Kasse, die stimmen muß, Bescheid. Jetzt wissen wir Bescheid. Denn merke:

Unsere Kultur endet nämlich nicht im Cafe, sondern hat hier ihren Ursprung.

Amen!

(Es wird) immer schwieriger, an der GH Veranstaltungen abzuhalten. (bla bla) in die Tiefe gehen und mehrere Aktionen in der Stadt veranstalten.

Statt darum zu kämpfen (das ist kein Gewäsch, sondern Euer erster Absatz) - mit vernünftigen Bandagen und etwas mehr Einsicht in ein paar technische Probleme -, die Hochschule auch weiter als Lebensraum zu benutzen und Freiräume einzufordern, verpißt Ihr Euch in die Stadt. In die Weißtalhalle z. B., um einem durchgeknallten Pächter von Euren Gästen Unsummen Kohle für das ekelhafteste Bier, das Siegen so hergibt, in den Rachen schmeißen zu lassen.

(...) und Euch kann mensch hier nur fragen, wo ihr auf den Sitzungen in der vorlesungsfreien Zeit wart.

Und Euch nur, wo und wann die denn so bekanntgemacht wurden.

Denn wir sind keine terroristische Vereinigung und unterstützen ebenfalls nicht die RAF.

Wenn der RCDS-Mann dreimal klingelt.. ..hüpft das Kulturreferat. Niemand hatte das verlangt. Daß ihr nicht RAF o.ä. seid, glaubt Euch selbst der Gauweiler. Eure "mea maxima culpa" ist nur zu verstehen als Akt vorauseilenden Gehorsams, den Ihr im Bewußtsein dessen leistet, was der RCDS in Zukunft von Euch verlangen und bekommen wird. Daß Ihr Euch damit asozial gegenüber den zu unrecht kriminalisierten verhaltet, verdient nach den beleuchteten Gruppenritualen kaum noch Empörung. Denn wer, frei nach dem Grünen-Motto, "weder links noch rechts, sondern vorn" steht, verwechselt schon mal rinks und lechts.

Wer in diesem Staat als terroristische Vereinigung gilt, dürfte in vielen Fällen unsere Solidarität genießen. Wir erinnern da an die zahlreichen Kriminalisierungsversuche gegen Menschen, die Veranstaltungen zum sie inkriminierenden Paragraphen 129 a gemacht haben. Die zufällig eine bestimmte Weckersorte zum Aufsteh-Instrument auserkoren hatten. Die zur falschen Zeit im falschen Waldstück spazierengingen. Und diese Kriminalisierung hätte dem Kulturreferat selbst blühen können im Zuge der Veranstaltung "Theater Ensslin". Ihr entzieht Euch selbst die Solidarität, indem Ihr den Phrasendreschern hinterherlauft und glaubt, öffentlich abschwören zu müssen. Den RCDS befriedet Ihr damit eh nicht, uns verschreckt Ihr damit.

Wer Lust hat mitzumachen, sollte uns einfach ansprechen!

Was hiermit getan sei. Wobei wir gegenwärtig weniger Wert aufs Mitmachen als vielmehr aufs Einmischen legen.

Siegen, frühe Morgenstunden des 11. Mai 1992 (4 Leute aus dem Umfeld)