Zum Artikel "Hoyerswerda: Nach(t)gedanken"

Leserbrief zu einem Artikel im schmuddelkind, Nov. '91.

Werte DLL-Mitglieder,

ihr stellt in eurem Artikel "Hoyerswerda: Nach(t)gedanken" in der letzten Ausgabe des Schmuddelkinds zum Schluß die (rhetorische?) Frage "Sind deswegen die Menschen in Hoyerswerda schon Faschisten oder eher Leute, die sich über die wirklichen Verhältnisse zu wenig Gedanken gemacht haben?".

Auch die DLL muß sich nach Durchsicht dieses Artikels die Frage gefallen lassen, ob man(n) sich hier zu wenig Gedanken gemacht hat. Die Überschrift zum Artikel ist ja nun auch schon fast eine Entschuldigung, obwohl `umnachtete Gedanken' wohl ehrlicher gewesen wäre. So sei hier eine kleine Replik auf den Artikel erlaubt.

Ihr schreibt "...Die PolitikerInnen entschlossen sich `schweren Herzens', die ausländischen MitbürgerInnen `umzusiedeln'. Hier wurden wieder mal Symptome bekämpft, anstatt die Ursachen des Rechtsextremismus anzugehen. Diese Symptombekämpfung wurde von der Bevölkerung begrüßt." Ein Symptom ist ein Krankheitszeichen. Ihr behauptet hier also allen ernstes, ausländische Arbeitnehmer, um solche handelte es sich in Hoyerswerda, seien ein Anzeichen für Rechtsextremismus. So etwas ist schon nicht mehr mit der allgemeinen Sprachverschluderung zu entschuldigen, das liegt inhaltlich schon auf SPD-CDU-REP-NPD-Konsenslinie. Wer so parteiübergreifend argumentiert, vertritt die Meinung, Rassismus habe mit der Zahl der Ausländer zu tun und nicht mit der Beschaffenheit der deutschen Gesellschaft. Aber es gibt keine `Ausländerfrage' die Frage so zu stellen, bedeutet sie schon beantwortet zu haben, wie einst die `Judenfrage'. Diese Frage bedeutet nichts anderes als die Antwort: Ohne Juden wären die Deutschen niemals zu Antisemiten geworden, ohne Ausländer niemals zu Rassisten und Rechtsextremisten.

Ihr verkennt vehement die Tatsache, daß es in Hoyerswerda nicht darum ging, durch die Beseitigung nichtdeutscher Menschen gegen den Rechtsextremismus vorzugehen. Rechtsextremismus in all seinen Erscheinungsformen hat das postfaschistische IV. Reich noch nie als Übel betrachtet. Was den Staat zum Handeln gezwungen hat, war die Tatsache, daß der deutsche Pöbel in Hoyerswerda, wie inzwischen in über 600 (sechshundert!) anderen Fällen auch, die Beseitigung in die eigene Hand nahm und dies nicht den staatlich besoldeten Schreibtischtätern überlassen hat.

Ihr versucht in eurem Artikel zu suggerieren, daß es sich bei den, an völkisch-rassistischen Ausschreitungen und Morden Beteiligten um Marginalisierte des kapitalistischen Systems handelt. Eine solche Argumentation versucht nicht einmal mehr der Verfassungsschutz aufrecht zu erhalten. Eure Argumentation bewegt sich auf dem Niveau von Heitmeier und Leggewie und ihren `Modernisierungsverlierern'. Aber dazu ist in dem vermutlich auch euch bekannten Papier "Gegen Leggewieismus und Heitmeierei" schon das meiste gesagt.

Der Versuch der Argumentation, daß es sich bei den Tätern um Marginalisierte handelt, läuft doch darauf hinaus, zu behaupten, es handele sich um bei den pogromartigen Ausschreitungen um eine konformistische Rebellion der scheinbar Zukurzgekommenen, um die Behauptung, ein Deutscher sei ein Mensch, der noch nie einen Ausländer, einen Schwarzen oder Juden massakrieren konnte, ohne dies in putativer Notwehr zu tun. Hier wäre zu fragen, ob das permanente Gefühl der Bedrohung, Verfolgung, das Gefühl zu kurz gekommen zu sein nicht zum deutschen Volkscharakter gehört.

Noch eine abschließende Bemerkung zu euerem Artikel sei erlaubt. Randgruppen stehen, wie der Name schon sagt am Rand, auch am Rand der Hierarchie, welche wiederum sich durch oben und unten auszeichnet. Das was ihr als Randgruppen bezeichnet, sind jedoch nicht alles Randgruppen, z.B. Ausländer und Arbeitslose. Diese stehen in der Hierarchie und zwar ganz unten. Ganz oben wird entschieden, wer totgeschlagen werden darf.

Ganz zum Schluß sei noch ein Gedanke von H. Gremliza aus `konkret 11/91' mit auf den Weg gegeben:

"Alle sind dagegen, daß man Ausländer anzündet, absticht oder zu Krüppeln schlägt und alle wissen, daß man Deutschen eine Begründung schuldet, wenn man sie dazu bewegen will, Leben und Gesundheit von Leuten zu respektieren, die der eine von den zwei typischen Lesern des `Spiegel' " Schmarotzer" nennt (Norbert Scheer heißt er diesmal, aus Braunschweig). Das Massakrieren von Menschen anderer Hautfarbe oder Sprache bleiben zu lassen, einfach so mir nichts, die nichts, ohne einen im wohlverstandenen Interesse der Totschläger liegenden Grund, hat noch keiner ihrer Staatsmänner von den Landsleuten zu verlangen gewagt. Was sie nach mehr als fünfhundert Überfällen deutscher Banditen auf Ausländer treiben, provoziert den Gedanken, es hätten Weizäcker, Kohl, Vogel oder der Multikulturdezernent am Tag nach dem Anschlag auf Herrhausen um Verständnis für den Beruf des Ermordeten und um Toleranz mit der Witwe gebeten."

Wolfgang