Wahlplattform 1991

BASTA, 2.Ausgabe Winter-Semester 1991/92, Dezember '91

DLL - Deine Lieblings-Liste. Wer wir sind warum wir sind

Die DLL hat ihre Wurzeln im Streiksemester 88/89, in dem eine breite Basisbewegung gegen die Mißstände an den Hochschulen aufgestanden ist. Im Spätsommer 1989 gegründet, stellte sie dann mit der ULE Unabhängige Liste Elektrotechnik und einem klaren politischen Konzept den AStA, der im Oktober 1990 von einer großen Koalition aus Juso-Hochschulgruppe, LHG, RCDS und sogenannten Unabhängigen gestürzt wurde. Anschließend begründeten diese Kräfte eine homogene Tradition von heterogenen "Interims"-ASten, die sich lediglich auf die Aufrechterhaltung von Service-Angeboten reduzierten. Das längste "Interim" dauert nun schon fast ein Jahr.

Wahlplattform '91

Bemüht, das Schlimmste zu verhindern und politische Auseinandersetzungen einzufordern, beteiligte sich die DLL auch in der letzten Wahlperiode am StudentInnenparlament. Teilweise war diese Arbeit sehr erfolgreich, aber das reichte uns nicht. So konzentrierten wir uns auf die Mitarbeit in Fachschaftsräten, in der Autonomen Fachschaftenkoordination und in Autonomen Referaten. Aber: Das reicht immer noch nicht.

Denn indessen anderswo... Der Kapitalismus hält fröhliche Urständ' und sich für unangreifbar, besonders nach dem wirtschaftlichen Sieg über den Sozialismus. Durch den Sieg über die sozialistischen Staaten wurde die Restauration Deutschlands auch als politische Großmacht möglich.

Der Ausbeutung der sogenannten "Dritten Welt" wird fortgesetzt und forciert. Gleichzeitig wird durch den EG-Binnenmarkt die westeuropäische Metropolengesellschaft abgeschottet. Unser Reichtum gründet sich nach wie vor auf der Armut Afrikas, Asiens und Südamerikas; zukünftig wahrscheinlich auch auf die Osteuropas. Wenn Menschen aus diesen Ländern zu uns kommen, werden sie erst als Wirtschaftsflüchtlinge diffamiert (denn Wirtschaft hat ja nichts mit Politik zu tun) und dann mit Brandsätzen beworfen. Die Gesellschaft, von der unsere Hochschule einen Teilbereich bildet, ist nach wie vor kapitalistisch, sexistisch und tendenziell rassistisch organisiert. Weil sich diese Zustände nicht zum Besseren verändert haben, verändert sich auch an unseren Hochschulen nichts zum Besseren, und deswegen gibt es uns.

Weil sich Hochschule nicht aus der Gesellschaft lösen läßt, sehen wir auch keine Trennung von Hochschul- und "Allgemein"-Politik. Daher vertreten wir das politische Mandat und wenden uns gegen eine ständische Politik, die soziale Absicherung, billigen Wohnraum und freien öffentlichen Nahverkehr nur für Studierende fordert. Wir machen Politik an der Hochschule, weil wir Hochschule als Lebensraum begreifen, den wir aktiv gestalten wollen. Studieren bedeutet für uns nicht lediglich, die nächste Sprosse auf der Karriereleiter zu erklimmen, sondern hauptsächlich, den Ausfluß der in den Metropolen herrschenden Bedingungen auch an der Hochschule zu erkennen und zu einer kritischen Reflexion der herrschenden Unterdrückungsmechanismen zu gelangen. Nur wenn wir die Probleme der nicht akademischen Bevölkerung auch als unsere Probleme kennenlernen, haben wir die Chance, uns gegen aufgezwungene Lebensformen zu wehren und dabei nicht den Blick für die wesentlichen Schwierigkeiten, die das Leben den Menschen in der BRD entgegenstellt, zu verbauen.

Das heißt: Freiräume schaffen und verteidigen für Politik, Kultur, selbstbestimmtes Leben; an der Hochschule sind das zum Beispiel die Autonomen Referate und das Kulturcafe.

Das heißt weiter:

Wir wollen Hörsäle statt Parkplätze, billigen innerstädtischen Wohnraum statt stundenlanges Fahren, soziale Mindestsicherung für alle Menschen und das alles nicht auf Kosten sozial Schwächerer. Wir wollen die Hochschule als kostenfreies Angebot für alle keine verdeckten Studiengebühren, zum Beispiel keine Parkplatzbewirtschaftung.

Wir wollen eine Welt, in der es sich lohnt, abends nüchtern ins Bett zu gehen.