Studentische Korporationen - nostalgische Saufkameraden

schmuddelkind, November '91

Gerade jetzt zu Semesterbeginn sieht mensch sie wieder auftauchen. Jene anachronistischen Studis in vollem Wichs, die eher ins letzte Jahrhundert passen, versuchen, neue Mitglieder zu keilen, wie das Fachwort für ihre Werbungspraktiken lautet. Daß es sich bei diesen Typen nicht um verschrobene konservative Säufer handelt, die es männlich finden, sich ihre Gesichter mit Säbelhieben zu verunstalten, sondern um erzreaktionäre Elitemenschen, die an heutigen Hochschulen eigentlich nichts verloren haben, soll dieser Artikel versuchen zu erläutern.

Wir wollen dabei nicht alle Korporationen (Verbindungen) wie Burschenschaften, Convente, christliche Korporationen etc. über einen Kamm scheren, sicher sind die Burschenschaften am rechtesten sowie politisch die aktivsten, jedoch haben auch alle Korporationsverbände im sog. Bonner-Papier vom März 1988 beschlossen, "... die Beziehungen zueinander im Interesse einer überparteilichen Zusammenarbeit abzustimmen und zu verstärken". Weiterhin wollen sie sich verstärkt an Hochschulpolitik beteiligen, Kandidaten für StudentInnenparlamente aufstellen und mit anderen nicht korporierten Hochschulgruppen zusammenarbeiten. Ein Projekt letzterer Art war in Hamburg die rechts-radikale Gruppe 146.

In eine Korporation einzutreten heißt in der Regel Mitgliedschaft auf Lebenszeit. Wer später die Hochschule verläßt arbeitet als älter Herr" weiter. Die innere Struktur der Korporationen ist streng hierarchisch, d.h. eine bedingungslose Anpassung und Unterordnung der Füchse (neue Mitglieder) an die jeweiligen Traditionen und politischen Grundeinstellungen ist Voraussetzung für die Aufnahme. Zitat Deutsche Corpszeitung: "... wir überlassen es nicht der von der Schule kommenden, teilweise von einem sehr schlechten Zeitgeist beeinflußten Jugend, zu bestimmen, welches das für sie geeignete Erziehungsmittel sei." In dieser undemokratischen Struktur, mit an militärische Muster gemahnende Vorgesetzten- und Untergebenenverhältnissen, werden durch die alten Herren, die die Verbindungen finanziell tragen, politische Meinungen diktiert.

Hierarchie und Elitedünkel

Die straffe Hierarchie nach innen ist gepaart mit einem Elitedünkel, welcher die Korporierten von ihren KommilitonInnen nach außen hin abgrenzen soll. Der biologistisch abgeleitete Eliteanspruch, der gerade bei den unterdrückten Füchsen das Gefühl erzeugen soll, sie seien irgendwie aus der Masse auserwählt, ist gleichzeitig die Rechtfertigung überhaupt, die Korporierte zu ihrer Rechtfertigung brauchen. "Dieser Masse gegenüber steht jene 'Elite', die - ich wiederhole es - in jeder Gesellschaft vorhanden sein muß, um eine Ordnung in Freiheit und Recht zu gewährleisten ... Es gibt eine nobilitas naturalis, eine natürliche Nobelheit, eine Berufung und Eignung zur Führung ..." Dies ist kein Zitat eines faschistischen Sozialdarwinisten, sondern stammt aus dem Munde von Prof. Hettmann, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und im Cartell Verband Katholischer Studentenverbindungen als alter Herr tätig.

Daß Frauen sowieso nicht zur auserwählten nobilitas naturalis gehört, weil angeblich für Heim und Herd geschaffen, steht für viele Korporierte außer Frage. Nur als Anstands- und Couleurdamen (ihr Name für schmückendes Beiwerk) möchten sie Frauen an den Hochschulen haben, denn "... unser Burschenbrauchtum ist immer auf eine männliche Gruppe abgestimmt. Die menschliche Weltordnung ist auf das Männliche ausgerichtet1." (Burschenschaftliche Blätter, 5/1980)

Die Vorreiter

Angesichts dieser elitären, sexistischen und reaktionären Ideologie der Korporationen fällt es schwer, sie eindeutig von faschistischen Gruppierungen abzugrenzen, zumal Korporationen in dieser Hinsicht geschichtlich vorbelastet sind. Schon 1892 wird die Judenfrage in den Burschenschaftlichen Blättern diskutiert: "Wir wollen hier nur die nackte Tatsache feststellen, daß gegenwärtig die deutsche aktive Burschenschaft (...) den Kampf gegen das Judentum als eine nationale Aufgabe ansehen, an deren Lösung sich die Burschenschaft beteiligen soll". 1896 entscheidet der Burschentag den vollständigen Ausschluß von Juden und geht somit vom religiösen und kulturellen zum rassischen Antisemitismus über: "Der ADC (Allgemeiner Delegierten Convent, 1902 in Deutsche Burschenschaft umbenannt) stellt fest, daß aktiven Burschenschaften zur Zeit, ebenso wie in den letzten Semestern, keine jüdischen Mitglieder haben ... daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammenstehen werden." 1897 tritt der ADC dem Alldeutschen Verband sowie Ostmarkverein, Kolonialverein und Flottenverein bei und unterstützt somit nationalistische Expansionspolitik gen Osten und globale Imperialistische Ziele. Schon vor der Jahrhundertwende also waren rassischer Antisemitismus, massive Aufrüstung, ein nationalistisches Grossdeutschland sowie weltweiter deutscher Imperialismus Schwerpunkte burschenschaftlicher Politik.

Die "deutsche Frage"

In Hamburg waren die örtlichen Deutschen Burschenschaften beteiligt an der Gründung der "Gruppe 146", welche nach Senatseinschätzung von 1990 rechtsextrem ist. Außerdem stellten sie auch schon mal ihr Korporationshaus der militantfaschistischen Nationalen Liste als Kontaktadresse zur Verfügung. Oder luden im Mai 1985 zu einer Veranstaltung ein mit dem Motto: "Die deutsche Frage", abgebildet war auf dem Flugblatt dazu ein Deutschland in den Grenzen von 1937, also mit Gebieten die heute zur UdSSR und Polen gehören. Bei einem Fackelzug auf der Wartburg am 31.3.1990 forderten Burschenschaftler gar ein Deutschland in den Grenzen vom 1.9.1939 (also inklusive eines Teils der CFSR und Österreichs).

Traditionspflege

Auch heute noch arbeiten einzelne Korporierte oder auch ganze Korporationen mit faschistischen Gruppen zusammen, und das natürlich vor allem an Hochschulen. Besonders eifrig sind hier die Burschenschaften, welche aus diesem Grund auch ausdrücklich keinen Unvereinbarkeitsbeschluß mit der NPD haben, laut Begründung "hätte die Verabschiedung eine ganze Reihe von Bünden in grundsätzliche Schwierigkeiten gebracht, sei es wegen ihrer aktiven Mitgliedschaft, sei es wegen ihrer Altherrenschaft". Der Hochschulpolitische Ausschuß der Deutschen Burschenschaft war maßgeblich an der Gründung des Rings freiheitlicher Studenten in Köln beteiligt, welcher laut Gerichtsbeschluß als faschistisch bezeichnet werden darf. Der RfS wiederum war die Keimzelle des Kölner Ortsverbandes der Republikaner. Ein Bursche aus besagtem Ausschuß war darüber hinaus in der Wehrsportgruppe Hoffmann und wurde wegen Mordes an einem jüdischen Verlegen und dessen Frau verurteilt.

Fazit: Korporationen sind frauenfeindlich, revanchistisch und reaktionär. Der Vorwurf des Elitedünkels und eines antidemokratischen Verhaltens trifft sicher auch auf die Gesamtheit der Korporationen zu.

Kein Fussbreit dem Faschismus und seinen Wegbereitern!