Wer hat den Finger am Abzug?

schmuddelkind, November '91

Vor einigen Tagen, kurz nach Hoyerswerda war in der Siegener Zeitung (SZ) ein Artikel mit der Überschrift "Bei zwei Wohncontainern Probleme vorprogrammiert" zu lesen. In diesem Artikel wird über den Versuch einer Bürgerinitiative berichtet, die Aufstellung von zwei Wohncontainern für Immigranten zu verhindern. Begründung war, daß die "Massierung von Aussiedlern in einem begrenzten Wohngebiet Gefahren mit sich bringen könne." Die Bürgerinitiative hat in bester deutsch-akademischer Manier die kritische Masse für Menschen entdeckt. Sie liegt bei 76. Denn in einen Wohncontainer sollen 76 Menschen leben. Bis zu dieser Anzahl wollen die Anwohner "solche Kontakte aufnehmen und pflegen, die eine Integration der Neubürger in jeder Weise erleichtern helfen."

Auffallend ist neben der Verwendung eines doch mehr im militärischen Sprachgebrauch üblichen Ausdrucks wie "Massierung", die Festlegung der BI auf die kritische Masse, ab der Menschen eine Gefahr darstellen. Abgesehen von der im SZ-Artikel geäußerten Vermutung, daß durch die Aufstellung von zwei Wohncontainern sich ein Verein von Kleinpferdefreunden in Wohlgefallen auflösen könnte (Oh Gott, oh Gott), wird in dem Artikel nicht näher erläutert, worin denn nun die Gefahren bestehen sollen.

Oder sollte die heraufbeschworene Gefahr nach Hoyerswerda nur eine leise Drohung sein?

Es wäre in diesem Zusammenhang sicherlich interessant zu erfahren, wie sich die BI denn die Realisierung ihres Angebots, die Neubürger zu integrieren, vorstellt.

Soll es so sein, daß alle AnwohnerInnen der Dreisbach (da sollen die Container übrigens hin) einen Sprachkurs besuchen, damit sie die Neubürger besser verstehen oder freiwillig ein Programm "Deutsch für Neubürger" organisieren? Soll das Heim der Kleinpferdefreunde in ein Kultur- und Kommunikationszentrum umgewandelt werden? Das erscheint doch sehr unglaubhaft.

Die BI hätte wohl am liebsten keinen Container in ihrem Wohngebiet, hält aber eine solche Forderung für nicht durchsetzbar und zieht sich auf den erwähnten Standpunkt zurück und das nicht ohne Geschick. Die BI liegt damit voll auf Linie, und zwar auf der Linie herrschender Asylpolitik. Diese Politik betreibt bewußt mit dem Wissen um die Probleme die massive Konzentration der AsylbewerberInnen. Der neueste Vorschlag, die Errichtung zentraler Sammellager, riecht nur nach weiterer Konzentration...

Die Forderung kann aber nur sein, für eine dezentrale Unterbringung dieser Menschen zu sorgen. Dies ist aber unter den gegebenen politischen Umständen nicht angesagt. Aber warum sollte das größte soziale Projekt der BRD, die Integration von Millionen vertriebener Ost- und Mitteldeutscher (CDU-Jargon), nach dem zweiten Weltkrieg nicht wiederholbar sein, gerade zu einer Zeit, wo doch dieselbe Partei am Ruder ist? Der Stil der Auseinandersetzung um die Asylproblematik erinnert jedoch in fataler Art und Weise an das sogenannte Heidelberger Manifest, in dem 15 Hochschullehrer Anfang 1982 ihre "Sorgen" artikulierten: "Mit großer Sorge beobachten wir die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums... Bereits jetzt sind viele Deutsche in ihren Wohnbezirken und an ihren Arbeitsplätzen Fremdlinge in ihrer eigenen Heimat." Solche Zeilen, noch dazu verfaßt von Akademikern, wirken gnadenlos ernüchternd, denn trotz dem Gerede über Völkerverständigung scheint es den Konservativen eher darum zu gehen, die Nation sauber zu halten.

Sprich: mit der Konzentration von Ausländern für die Randale zu sorgen, die als Begründung dient, die Einwanderungspolitik weiter zu verschärfen. Weiterhin kann der Rechtsextremistische Mob dazu dienen, die Politik der Konservativen als Politik der Mitte zu verkaufen, obwohl sie ultrarechte Züge trägt. Offensichtlich scheint es immer noch viele Menschen im ausgehenden 20. Jahrhundert zu geben, die unter jener archaischen Phobie leiden, eine angebliche Überfremdung bedrohe ihre ach so wichtige Kultur, die doch augenscheinlich zu einer Fernseh"kultur" zu degenerieren alle Anstrengungen unternimmt (In diesem Zusammenhang empfiehlt der Schreiberling die Lektüre von: "Wir amüsieren uns zu Tode" von Neil Postman). Das unselige Zusammenspiel von nicht rational erklärbarer Angst vor den "Anderen" und die dem Fernsehzeitalter eigenen Form der Übermittlung von Informationen (Informationsschwemme), bedingt nicht eben eine humane Behandlung von Problemen, zu deren Lösung die Spezies homo sapiens gezwungen ist, will sie die nächsten zwei Generationen überstehen.