Hoyerswerda: Nach(t)gedanken

schmuddelkind, November '91

[Der Text wurde im Nachhinein als extrem unglücklich eingeschätzt. Auch der DLL unterlaufen Fehler; diesmal waren sie inhaltlicher Natur. Siehe dazu auch den späteren Leserbrief.]

"Klatschende Hände und freudige Gesichter, fast schon Volksfeststimmung." Hoyerswerda feiert den Abzug. Was ist der Grund dieser ausschweifenden Begeisterung?

Rechtsradikale Skins übten mehrfach Anschläge auf das AsylantInnenwohnheim aus. Steine flogen, Scheiben wurden zerstört und Menschen verletzt. Die PolitikerInnen entschlossen sich "schweren Herzens", die ausländischen MitbürgerInnen ümzusiedeln". Hier wurden wieder mal Symptome bekämpft, anstatt die Ursachen des Rechtsextremismus anzugehen. Diese Symptombekämpfung wurde von der Bevölkerung begrüßt. Brutalität und Gewalt, die sich gegen eine wehrlose Minderheit richtet, werden hierbei von der Bevölkerung akzeptiert. Dieselbe Bevölkerung verurteilt aber entschieden den gleichsam gewalttätigen Widerstand gegen diesen Staat (siehe Startbahn West, Hausbesetzung, Wackersdorf,...). Von den RechtsextremistInnen werden die Grundpfeiler des Systems (Kapitalismus, hierarchische Strukturen, Nationalbewußtsein, Sauberkeit und Ordnung) nicht in Frage gestellt. Deswegen ist auch eine Solidarisierung mit diesen Gruppen leichter möglich.

Eine der anderen Gründe für die Sympathien zu den Rechtsradikalen ist das Denken der Leute, daß die AusländerInnen privilegiert behandelt werden. Die Notlage der "eigenen" Bevölkerung wird nach Ansicht dieser Menschen nicht gebührend wahrgenommen. Es entsteht ein sozialer Neid und die Ahnung, selbst unterdrückt zu werden. Mit anderen Worten: Es entstehen zusätzliche MitbewerberInnen im Konkurrenzkampf. Das System besteht aus Konkurrenzkampf und bedarf um zu überleben eines ständigen schürens des Konkurenzgedankens er treibt die Marktwirtschaft an, schafft Privilegierte und weniger Privilegierte, Wohlhabende und Arme, Leute mit Wohnungen und Leute ohne,... . Deswegen braucht dieser Staat Hierarchien. Durch diese Hierarchien entstehen Randgruppen, die sich dann eher gegenseitig bekämpfen als an den eigentlichen Machtstrukuren etwas zu ändern. Randgruppen dieser Gesellschaft sind u.a. Arbeitslose, AusländerInnen, Behinderte, Obdachlose, politisch Andersdenkende, Schwule, Lesben. Diese Randgruppen werden auch deshalb gebraucht um die eigene Hierarchieposition zu relativieren, so schlecht es einem innerhalb des System auch gehen mag, es existieren immer noch Gruppen die außerhalb und damit auch noch unter einem stehen.

Im faschistischen System wird dieses angewandt um die Herrschaftsstrukturen zu manifestieren und das Befehl- und Gehorsam-Prinzip aufrecht zu erhalten. Sind deswegen die Menschen in Hoyerswerda schon Faschisten oder eher Leute die sich über die wirklichen Verhältnisse zuwenig Gedanken gemacht haben?