schmuddelkind, November '91
"Daß ein Volk, dessen Blitzkrieg unübersetzt in die Wörterbücher der Nachbarn eingegangen ist wie the kindergarten und le berufsverbot, sich das nicht zweimal sagen lassen würde, war vorauszusehen. Und doch hat wohl keiner seiner näheren und ferneren Nachbarn für möglich gehalten, daß die Deutschen ab sofort Politik als Fortführung ihrer unübersetzbaren Autobahn mit anderen Mitteln betreiben würden: ohne jedes Tempolimit, nichts achtend als das eigene Vorankommen, ohne Rückblick in die Spiegel, und der übrigen Welt, so sie dem Hupen und Auffahren nicht weicht, mit der Faust drohend oder den Vogel zeigend. Das Vierte Reich gibt Vollgas." (Hermann L. Gremliza, Viertes Reich, fünfter Gang, in: Konkret 10/91)
Deutschland ist wieder wer. Nach dem Anschluß der DDR an die BRD am 3. Oktober 1990 präsentiert sich das "neue" Deutschland stärker und aggressiver. Gedanken, die vor zwei Jahren nur aus der Ecke der Vertriebenenverbände und anderen Volksgenossen zu hören waren, machen die offizielle Staatspolitik der heutigen BRD aus.
46 Jahre nach der Entmilitarisierung Deutschlands werden regierungsoffiziell Pläne geschmiedet, in Europa eine deutsch-französische Schnelle Eingreiftruppe zu installieren. Endlich soll es wieder eine eigenkontrollierte Armee geben, die alles darf. Vor allem überall mitmischen. Dann kann die BRD auch in Jugoslawien und anderen ehedem sozialistischen Staaten wieder mal klar Schiff machen.
Die BRD hat am 3. Oktober 1990, jenem Anschlußtermin-Feiertag, die volle Souveränität über "ihr" Territorium zurückerhalten. Ein Staat, der sich als Rechtsnachfolger des "Dritten Reichs" nicht nur verstand, sondern auch profilierte und würdig erwies, erhielt die volle Kontrolle über ein Territorium, von dem aus zwei Weltkriege geführt und Millionen Menschen ermordet wurden.
Deutschland erwacht. Nachdem die DDR einverleibt wurde und man sich durch den EG-Binnenmarkt mit genug nichtdeutschem Gesindel herumschlagen muß, werden die Grenzen dicht gemacht. Über eine synthetische Asyl-Diskussion und durch die Verschärfung des AusländerInnenrechts wurde eine Stimmung geschaffen, in der dem versammelte Volkszorn zwar Wohncontainer mit AsylantInnen ins Auge stechen, nicht aber brennende Wohncontainer und ermordete AsylantInnen.
Vor 50 Jahren belagerten deutsche Truppen Leningrad und hungerten die Leningrader Bevölkerung aus. Heute heißt Leningrad wieder St. Petersburg, wenn es nach dem Willen des Mobs geht, und die heutige BRD beratschlagt mit ihren westlichen Verbündeten, "wie es in der Sowjetunion weitergehen könnte". Der Sieg des Kapitalismus ist nicht zuletzt ein Obsiegen Deutschlands über die Sowjetunion. Die grausame Vergangenheit des 4. Reichs ist nicht länger der Faschismus. Denn der ist "bewältigt". Heute interessiert nicht mehr, daß 20 Millionen Sowjetbürger im Zweiten Weltkrieg und eine (von doitschen Historikern) beliebig diskutierbare Zahl von JüdInnen, Nicht-"Ariern", KommunistInnen und anderen unbequemen Menschen von Deutschen getötet wurden. Heute darf man darüber diskutieren, wer am Zweiten Weltkrieg die Schuld hatte. Dafür interessieren jedoch die Grausamkeiten des Staates DDR, der knapp 200 "Republikflüchtige" hat niederstrecken lassen und der es immerhin 40 Jahre lang geschafft hat, dafür zu sorgen, daß Deutsche keine AusländerInnen erschlagen oder ihre Behausungen abfackeln. Die Erinnerung dieses Staates gilt nicht den Opfern des nationalsozialistischen Terrors, sondern den Kapitalisten, deren Besitztümer aus faschistischer Tradition und deren Produktionsmittel enteignet wurden. "Die Mauer wird als eines der unmenschlichsten Bauwerke in die Geschichte eingehen. Sie nahm den Menschen das natürliche Recht auf Freizügigkeit (...) 192 Menschen haben auf ihrem Weg in die Freiheit ihr Leben lassen müssen. Wir werden sie nie vergessen." (Lothar de Maiziere am 2. Oktober 1990) Die Mauer geht in die Geschichte ein, aus den Gedenkstätten der Konzentrationslager werden "Kaiser's"-Supermärkte. Diejenigen, die nicht Supermärkte werden, bekommen dem Gedenken an die Opfer des Faschismus gleichberechtigt Erinnerungsstücke an das "sozialistische Terror-Regime" beigestellt.
Die BRD heißt auch im Sprachgebrauch vieler Linker nicht mehr BRD. Sie heißt heute Deutschland. Zwangsarbeiter heißen heute sogenannte Zwangsarbeiter: "(...) Aber die Firmen, die nach dem Krieg Rückerstattungspflichten und Entgelte für die Unterbezahlung sogenannter Zwangsarbeiter leisten mußten, können ein Lied [von der Notwendigkeit vorsorglicher Rückstellungen] singen." (Prof. Dr. Carl Zimmerer, Vorsorgliche Rückstellungen sollen vor Überraschungen der Politiker schützen (sic!), "Das Wertpapier", Ausgabe 19/91)
An der Börse erhält die IG Farbenindustrie, die eigentlich nur noch aus den Abwicklern besteht, neue Kursphantasien. Durch die jetzt beginnende Restitution in der Ex-DDR und anderen Staaten wird der einstige Zyklon-B-Hersteller Millionenwerte in Immobilien, Produktionsanlagen und wertlos geglaubten Aktien "zurückerhalten".
Fortsetzung im nächsten schmuddelkind... [Das leider nicht mehr erschienen ist.]