schmuddelkind, November '91
Logbuch-Nr. 19/84; wir schreiben das Jahr 1991. Es ist Herbst und das Raumschiff Erde zieht seine Kreise. Die Stimmung an Bord ist schlecht; die Nahrungsmittelversorgung ist auf den unteren Decks quasi zusammengebrochen. Die Hoffnungen, die sich daran knüpften, das Raumschiff unter eine einheitliche Leitung zu stellen, haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: es ist schlimmer geworden...
(Ja, das war eine Einleitung, die sich gewaschen hat, was? Schöne Einleitung, echt! Aber: was will uns der Autor damit sagen?) Tatsächlich haben sich nach dem Zusammenbruch der real existierenden "sozialistischen" Systeme zunächst eine ganze Menge Hoffnungen daran geknüpft, das in der Zeit nach dem kalten Krieg Alles besser wird. Die Einen haben sich gedacht, daß nachdem der Feind besiegt ist, endlich genug Geld für die Entwicklungshilfe, die Arbeitslosen oder den Umweltschutz da ist. Die anderen haben gedacht, das mit der Niederlage des "bösen" Kommunismus das goldene Zeitalter anbricht und endlich bewiesen ist, das der Kapitalismus überhaupt das Beste ist und die einzige Form, wie Menschen ihr Zusammenleben organisieren können.(Ja, ja, das denken und die Pferde...) Sowohl die Einen, als auch die Anderen haben sich getäuscht. Denn es ist ein Trugschluß zu glauben, daß der Kapitalismus in irgendeiner Weise nur dadurch seine Fehler verloren hätte, daß er sich durchgesetzt hat, warum auch? Tja, warum sollte sich dieses System überhaupt verändern? Gerade jetzt wo es keine Alternativen, keine Konkurrenz mehr gibt? (Das sind ja zwei Fragen! 1. Warum soll es sich ändern? 2. Welche Alternativen gibt es?) Vielleicht sollte sich hier einfach nur deshalb etwas ändern, weil es eine Menge Leute gibt, die dieses System ziemlich ungerecht finden, und darüber hinaus eine Menge Leute gibt, die die Ungerechtigkeit dieses Systems jeden Tag am eigenen Leib erfahren. (Vielleicht, vielleicht..., natürlich muß sich hier was ändern!) Die Ungerechtigkeiten dieses Systems heißen Hunger, Tod, Wohnungsnot, Krieg, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Krankheit oder Sinnlosigkeit. Das sind aber sehr konkrete Dinge, und keineswegs irgendwelche moralischen Abstraktheiten, wie sie in dem Begriff der Ungerechtigkeit leicht anklingen. Woher kommen diese Ungerechtigkeiten?
Moderne politische Systeme orientieren sich an zwei Prinzipien, zwischen denen sie zu vermitteln versuchen. der Freiheit und die Gleichheit. Freiheit heißt hier die Freiheit des Einzelnen zu tun oder zu lassen was er will. Gleichheit heißt hier der Gedanke gesellschaftlichen Reichtum möglichst gerecht zu verteilen. Sowohl der Eine, wie auch der andere Gedanke hat etwas Verlockendes. Die Freiheit des Einzelnen aber geht immer auf Kosten der Schwächeren, auf Kosten derjenigen, die sich nicht durchsetzen können. Die Dynamik des Systems besteht darin, daß sich die Starken auf Kosten der Schwachen immer weiter entfalten können. Ein gutes Beispiel sind die multinationalen Konzerne, die entgegen jedem Postulat der freien Marktwirtschaft, zu den erfolgreichsten und mittlerweile wichtigsten Kräften, in der internationalen kapitalistisch-freiheitlichen Ökonomie gehören. Das Prinzip der Gleichheit birgt die Gefahr, das der Einzelne in seinen Möglichkeiten gehemmt wird. Die Möglichkeit, daß jemand unterdrückt wird, ist also bei beiden Prinzipien gegeben; bei dem einen die Starken, bei dem anderen die Schwachen. (Tja und zur Zeit... Ja, guter Anfang) Zur Zeit hat sich also das System durchgesetzt, daß die Freiheit des Einzelnen/Stärkeren vorzieht. Das ist sehr deutlich zu merken, es merken nämlich alle, die nicht auf dem oberen Deck Platz haben. Oder Hat sich das Leben hier in der BRD oder überhaupt auf der Welt seit zwei Jahren nicht verändert? Bürgerkrieg mitten in Europa, Asylantenhaß, EG-Binnenmarkt (die Durchsetzung des von der deutschen Wirtschaft schon in den 30ger Jahren geforderten großen Wirtschaftsraums), weiterhin Hunger, Unterdrückung und Tod in der 3. Welt, politische Gefangene und psychisch Kranke hier. Das Alles ist genug, um aufzustehen, um zu sagen, daß sich dieses System ändern, bzw. abgeschafft werden muß. Aber wo sind die Alternativen? Wieder den Weg in die totale Gleichheit gehen? Nein, das kann es nicht sein.
Dieses System hat sich seit mehr als 100 Jahren entwickelt, ausgetobt, und ist jetzt nach seiner Spitze, bzw. seiner Farce, dem Faschismus zu einem neuen Höhepunkt gelangt. Und seit mehr als 100 Jahren kämpfen Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten gegen die Herrschaft der absoluten Freiheit. Warum sollte 1991 dieser Kampf zu Ende sein? Nur weil der schwere Versuch, eine andere Gesellschaft zu leben, zu erziehen gescheitert ist? Er ist gegen eine Welt gescheitert, die die Freiheit des Stärkeren höher schätzt, wie die Gerechtigkeit. Er hat genau deshalb mit soviel Brimborium verloren, weil er sich auf die Hinterfüße gestellt hat. Er hat anders, als die Länder Afrikas, Asiens und Südamerikas, die durch Druck gezwungen worden sind stillzuhalten, laut und deutlich gegen den Kapitalismus, die totale Freiheit, das 1984 gestanden. Oder sollte deshalb alles zu Ende sein, weil wir unser Herz an diese Versuche gehangen haben. Ganz gewiß nicht! Trotz aller Solidarität mit den Staaten, die versucht haben nicht-kapitalistisch zu sein, haben wir immer eine ganze Menge zu kritisieren gehabt. Wir wollen eine Gesellschaft, die wirklich vermittelt zwischen der Entfaltung des/der Einzelnen und der Gerechtigkeit für alle. Und zur Zeit steht die Gerechtigkeit auf der Tagesordnung, weil der ganze Streß hier auf dem Oberdeck (Eine Anspielung auf die Einleitung, toll.) sich auf Kosten des Unterdecks zuträgt. Natürlich ist die Freiheit eine prima Sache, aber willst du deine Uniroyal-Winterreifen nicht nur mit dem Gummi aus Südamerika, sondern auch mit dem Leben des Südamerikaners bezahlen?
Wir können hier nur so leben, weil wir die 3. Welt verrecken lassen. Die können hier nur so leben, weil Sie uns arbeitslos, wohnungslos machen oder in Knast, Klinik oder Psychiatrie stecken. Das ist ja nichts Neues... (Ja, Ja seit mehr als 100 Jahren....) natürlich, seit mehr als 100 Jahren..., aber wenn der Kapitalismus nicht besser geworden ist, sind unsere Ideen ja nicht schlechter geworden. Und wenn der Kapitalismus nicht besser, nur stärker und wir nicht schlechter, nur schwächer, geworden sind, dann muß es doch gerade so sein, daß wir weiterkämpfen, nicht resignieren!!!