Geschichte politischer Aktivitäten der Studierenden
Teil der Materialsammlung "Verfaßte StudentInnenschaft" zum
FSK-Wochenende 26.4 - 28.4.91
[FSK = Fachschaftenkonferenz, Vorläuferin der heutigen Autonomen
Fachschaftenkoordination (AFSK).]
- Beginn im 18. Jahrhundert mit größer werdendem Anteil bürgerlicher
StudentInnen gegenüber adeligen StudentInnen
- Auflehnung gegenüber feudalen Strukturen- Ansatz: Idee von Humanismus,
Völkerverständigung, Gleichheit und Freiheit der Menschen
- 1780 Höhepunkt der "Studentenorden"-Rückdrängung im Zusammenhang mit der
französischen Revolution
- 1810 Erarbeitung von F.L. Jahn ein Konzept für eine Burschenschaft. Ziel:
Aktivierung der Studenten für die Einigung und Befreiung des deutschen Volkes
- Durch Einfluß der Juli-Revolution in Frankreich Umschwung von
Nationalismus in Internationalismus-Hambacher Fest 1832 zur Verbrüderung
aller Völker gegen "heilige Allianz" der Fürsten- 1833-1839 brutale
Verfolgung der Bewegung. Verdrängung der Burschenschaft, jedoch Ideen bleiben
bei Mehrheit der StudentInnen erhalten- 1848 Vorreiterrolle bei Durchsetzung
bürgerlicher Freiheiten
- nach Zusammenbruch Aufspaltung der Burschenschaftsbewegung in drei Teile:
- radikaldemokratisch (nur wenige Jahre existent)
- monarchistisch, national-liberal
- konservativ (vom heutigen Corps wenig unterscheidbar), sind reaktionär,
demokratischen Bewegungen feindlich gegenüberstehend; Degeneration durch
"Alte Herren"; Festigung des Bürgertums; Breite Unterstützung des Krieges von
1914
- Während der Weimarer Republik reaktionäre Tendenzen, bei Krisen auch
verstärkt faschistische und antisemitische Strömungen erkennbar
- schwache linke Gruppierung hauptsächlich in Berlin und Frankfurt (an
beiden Hochschulen auch viele jüdische StudentInnen und ProfessorInnen)
- Anfang der 20er Jahre Gründung des Instituts für Sozialforschung in
Frankfurt. Grundlage für "Frankfurter Schule" oder auch "kritische Theorie"
genannt (bekannte TheoretikerInnen: Horkheimer, Pollock, Weiss, Adorno,
Korsch, Fromm, Grossmann, Marcuse, Abendroth)
- An Universitäten in den 20ern hauptsächlich obrigkeitsstaatlich
- monarchistische, faschistoide bis faschistische Position vorhanden
- Bei Wirtschaftskrise 1929/30 Radikalisierung der StudentInnenschaft,
Mehrheit extrem rechte Position, Minderheit (gegenüber früherer Zeit starke
Gruppe) vertritt sozialistische Position (Sozialistischer Deutscher
Studentenbund, Freie Vereinigung Sozialistischer Studenten)
- weil Studierendenschaft überwiegend systemkonform, politisches Mandat
nicht relevant
- Während drittem Reich Universitäten gleichgeschaltet und unterstützend,
nur wenig Widerstand (Geschwister Scholl)
- Nach dem dritten Reich erste politische Bewegungen, z.Zt. der
Währungsreform wegen der wirtschaftlichen Situation, 1949 Gründung des VDS
- erste schwere Auseinandersetzungen 1952 im Zusammenhang mit Rückkehr von
vom Nationalsozialismus behafteter Personen ins politische und kulturelle
Leben.
- weitere Themen der 50er Jahre: Remilitarisierung und Atombewaffnung
- erste Auseinandersetzung um ein "allgemeinpolitisches" Mandat. RCDS
möchte durch Einschränkung der Meinungsfreiheit linke Gruppierungen
zurückdrängen
- Notstandsgesetzgebung, Reform der Ordinarienuniversität und unbewältigte
nationalsozialistische Vergangenheit führen zur Kritik am bundesdeutschen
Demokratiesystem - Eingriffe in die Pressefreiheit (Spiegelaffäre)
- breite Massenbewegungen, auch außerhalb der Hochschulen, in Verbindung
mit autoritären Familienstrukturen, repressiven Sexualnormen, Vietnamkrieg
und Notstandsgesetzen
- 1966 Bildung der APO als neue Möglichkeit, eine Opposition im Staat zu
bekommen (große Koalition)
- Rebellion der StudentInnen nach Schah-Demonstration an 2. Juni 1967, bei
der Benno Ohnesorg ermordet wird; Springerkonzern wird wegen Hetzkampagne
mitverantwortlich gemacht- 1968 Massendemonstrationen gegen Springerkonzern,
Vietnamkrieg und Notstandsgesetze; Attentat auf Rudi Dutschke; heftige
Straßenschlachten; SDS wird von Innenminister Benda als verfassungsfeindlich
bezeichnet
- Ende der Bewegung, da trotz massiven Auftretens keine Erfolge aufkam
(politische Ohnmacht)
- Aufspaltung der StudentInnenbewegung in viele kleine Gruppen Anfang der
70er, da Vorstellung, wie Machtverhältnisse geändert werden, unterschiedlich
war (KSV, KHG, MSB, Juso-HSG, SHB schon 1964, auch RAF) - Themen waren
Berufsverbote und HRG, Fernhalten von Extremisten aus dem öffentlichen Dienst
(Radikalenerlass)
- 1974 Wirtschaftskrise in der BRD, Investitionen im Bildungsbereich
niedriger bei gleichzeitiger Verschärfung der Studienbedingungen (Einführung
der Regelstudienzeit, mehr Studierende, ...), trotz massiver Proteste keine
Erfolge. Abwanderung in soziale Bewegungen außerhalb der Hochschule (Frauen,
Friedens-, Anti-AKW-Bewegung)
- Verbot der verfaßten Studierendenschaft in Bayern (1974) und
Baden-Württemberg (1977)
- Basisgruppenbewegung ab etwa 1977 (antiautoritär, undogmatisch, gegen
Organisationsstrukturen)
- 1982 starke Proteste wegen Umstellung des Bafög auf Volldarlehen
- 1987 Proteste in Niedersachsen wegen Studiengebühren
- WS 1988/89 bundesweite Proteste, Auslöser waren Studienbedingungen,
später auch mehr Mitbestimmung und Demokratisierung der Hochschule
- SS 1990 Zusammenbruch der VDS (durch Machtinterressen der Jusos
gefördert)