schmuddelkind, Dezember '90
Unter dieser Parole betrieb die "Gemeinsamkeit der Demokraten" von Juso-Hochschulgruppe bis zum RCDS den Sturz des DLL/ULE/ULP-AStA.
Nähere Erläuterungen zum Begriff des Sumpfes wollen wir uns an dieser Stelle sparen, unser Sympathisantensumpf wird sich seinen Teil schon denken können.
Mit was es jedoch eine Auseinandersetzung lohnt, ist der Begriff des Stalinismus wird dieser doch in der letzten Zeit geradezu inflationär gebraucht, das obige Beispiel ist ja nur eines von vielen.
Schon Werner Hofmann schreibt in seiner 1965 erstmals erschienen (und heute noch immer aktuellen) Arbeit `Was ist Stalinismus': "Mit der Auffassung von 'Stalinismus' verhält es sich heute wie mit der von vielen anderen gesellschaftlichen Erscheinungen unserer Epoche: Während die Vokabel in aller Munde ist und sich - in unserem Falle - mit vagen Vorstellungen von Willkür, Gewalt, 'Dogmatismus', Reglementierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und anderen Unerfreulichkeiten in der Ordnung kommunistisch regierter Länder verbindet, ist eine wissenschaftliche Erforschung des Sachverhaltes über dürftige Ansätze nicht hinausgelangt. So bleiben die Vorstellungen vom 'Stalinismus' rein assoziativ, Sache des Gemüts, der Emotion oder mit Hegel zu sprechen ein 'gestaltloses Sausen des Glockengeläutes oder eine warme Nebelerfüllung, ein musikalisches Denken, das nicht zum Begriff, der die einzige immanente gegenständliche Weis wäre, kommt." - Zitatende.
Wenn in Stalinismus, und die nur arg verkürzt, als bürokratische, terroristische und totalitäre Diktatur verstanden werden kann, welche auf eine macht- und gewaltorientierte Innen- und Außenpolitik zielte, wenn nun Stalinismus als Regierungsform verstanden werden kann, welche durch Säuberungen und Terror alle Bereiche der Gesellschaft reglementieren und auf das Schärfste kontrollieren wollte, muß an dieser Stelle die Frage an Jusos und RCDS erlaubt sein, was die Politik des alten AStA der GH Siegen mit dem soeben beschrieben gemein hat?
Oder sollte etwa Hermann L. Gremliza, Herausgeber der Zeitschrift 'konkret', Recht haben, der in einer Kolumne in der Ausgabe Mai 1990 schrieb: "Stalinismus ist nicht der blutige Terror, der unter Stalin in der Sowjetunion geherrscht hat, Stalinismus beginnt, wie der Loftphilosoph Glucksmann sagt, bei Karl Marx und endet, wenn ich Udo Knapp, den Glucksmann der grünen Partei, richtig verstanden habe, bei der Gesamtschule noch lange nicht. Stalinismus ist, was den konsumfreudigen Citoyen den Einkaufsbummel vermiest: Lenin und Castro und das Ladenschlußgesetz. (...) Solange jedoch Stalinismus bloß ein Etikett ist, das deutsche Bürgerkinder jedem aufpappen, der ihrem Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, zur Exportabhängigkeit und zur ökologischen Ausgestaltung des Vierten Reichs nicht beipflichtet; solange deutsche Söhne auf Podiumsdiskussionen jeden Kritiker ihrer Vaterlandsliebe mit einem Stakkato von Stalin/Stalinismus/stalinistisch eindecken, bis ihre Züge zu jenem Ausdruck entgleisen, den das Wort Stalingrad auf den Gesichtern der Herren Eltern hervorzurufen pflegt; solange als Stalinismus gilt, was die Welt von einer Zülchs Schätzung hinzuaddiert doch überraschend großen Menge Nazis befreit hat, will ich die Auszeichnung in Ehren halten."
Vielleicht sollten sich zumindest die Jusos in Zukunft etwas genauer überlegen, welche Begrifflichkeiten sie denn so verwenden.