BASTA, 1. Ausgabe Winter-Semester 1990/91, Oktober '90
Montag morgen. Du liegst in deinem Bett und denkst daran, daß du gleich wieder zur Uni mußt und all diesen Arschlöchern begegnest, die eigentlich gar nichts gerafft haben, ihr Leben lang arbeiten werden und dann sterben ohne je gelebt zu haben; die einfach nur normale kleine Spießer sind. Du liegst dann da, fühlst dich zwar irgendwie einsam, aber gleichzeitig bist du sehr stolz drauf, anders zu sein und du zeigst es auch. Du trägst andere Klamotten, hörst andere Musik, tanzt anders, deine Wohnung ist anders eingerichtet, kurz du bist ein New Wave, ein Punk, ein Rasta, ein Skinhead oder Gott weiß was.
Du hast es mittlerweile geschafft und bist aufgestanden. Nach der ersten Auseinandersetzung dieses Tages; irgendein Depp mußte unbedingt ein "Wie sieht der denn aus!" loswerden, stehst du an der Bushaltestelle und wartest auf den Bus. Da ist auch die Rentner-Gang, die jedesmal, wenn sie dich sieht erzählt, daß es sowas wie dich früher nicht gegeben hat und der Arbeitsdienst für die Erziehung der Jugend ja durchaus nützlich Ware und die Autobahnen... ja und eigentlich war's so schlecht damals nicht. Da platzt dir dann zum tausendsten Mal der Kragen und du schreist, daß diese Nazischweine endlich ihr Maul halten sollen, das ihnen mit Stalingrad für immer gestopft sein sollte. Aber irgendwie sind die Alten ja nicht die Schlimmsten, die sind im Prinzip das traurige Ergebnis von dem Leben, das du nicht willst. Geburt-Arbeit-Heiraten-zwei Kinder-Urlaub-auf-Mallorca-Rente-Sterben. Die können nichts mehr verändern, die sind drin in ihren Denkbahnen und dienen eigentlich nur noch als abschreckendes Beispiel nie so enden! Ätzend sind die Gleichaltrigen, die mit dir an die Uni gehen, die in die selbe Disco gehen, die den gleichen Schiß um ihren Arbeitsplatz haben müssen, aber im Prinzip auch die gleichen Wünsche haben wie du, nur werden die nie den Kick kriegen und irgendeine Konsequenz ziehen.
Sie sehen sich selber (als wäre das zwangsläufig) abgleiten in ein Leben, in dessen Mittelpunkt die Maloche steht und ein bißchen Ersatzbefriedigung durch Konsum. Damit sie diesen Mist nicht in Frage stellen müssen, identifizieren sie sich voll mit diesem "way of life". Weil dieser ganze Mist aber so billig ist und so leicht zu zerstören, bist du ihr Feind. Sie hassen dich, denn du lebst dein Leben, du bist anders, läßt dich nicht hauptsächlich auf diesen Leistungsscheiß ein, sondern versuchst erstmal mit dir klarzukommen; nimmst einigen Streß auf dich, um das durchzuziehen.
Nachdem du diesen Gedanken die ganze Busfahrt über nachgehangen hast, bist du jetzt plötzlich da: die Uni... Hier geht der Tanz dann von Vorne los. Von wegen Akademiker. Du wirst genauso blöde angemacht wie in der Stadt. Massenweise Lackaffen, denen du eben noch fast Verständnis entgegengebracht hast, werden jetzt konkret. Dumme Sprüche, jeden Tag dieselben, angetatscht werden und immer Bedrohung, ein falscher, arrogant wirkender Spruch und schon geht's ab.
Wenn alles schläft und einer spricht... Vorlesung. Du hast jetzt wieder Zeit nachzudenken. Macht das alles Sinn? Der ganze Streß nur weil man unbedingt anders sein will. Was will man überhaupt. Im Prinzip ist da erst mal das Gefühl ziemlicher Unzufriedenheit, auch Trauer, weil man ja doch nichts ändern kann, deshalb zieht man sich zurück, kümmert sich um Musik, Klamotten... kurz um sein Privates. Du willst doch eigentlich nur deine Ruhe haben, nicht Friedhofsruhe, sondern Frieden, irgendwas wo du das machen kannst, was du willst, dir keiner auf die Füße tritt, aber immer fühlst du nur Wut und Aggression, weil es einfach nicht geht. Aus diesem System kannst du dich einfach nicht verabschieden, denk doch nur mal an 1976. 1976 kam das dreckigste Baby auf die Welt, das je geboren wurde, der Punk. Bewegung all jener, die keinen Bock mehr auf das verkiffte Hippietum hatten, sondern voll Stolz zeigen was man von den Anderen hält und was man selber ist, der letzte Dreck. Ja und heute, Tausende von Idioten machen sich die Haare hoch (natürlich mit dem wet-gel von Wella, nicht mit Bier), tragen Domestoshosen und und und... kurz: das System hat den Punk gefressen, die Besten sind tot, die Symbole haben ihre Bedeutung verloren, sind Kommerz. Es gibt dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit in der Szene kaum noch, weil der/die Andere ein Pseudo sein könnte.
"Was tun?" sprach Lenin, zog sich die Sicherheitsnadel durchs Ohr und machte seine Revolution. Eigentlich könnte man sich also alles abschminken. Haare wachsen lassen, die Sachen, die man in der Birne hat behalten und fertig, vielleicht ein bißchen Politik machen. Scheisse, das kannst du nicht. Es muß sie geben, die Einheit zwischen Denken, Fühlen und Handeln. Man muß auch was machen. Nur anders aussehen tut keinem weh! Du glaubst, wenn du dich so umguckst bei New Waves, Punx, Skins etc. würde es vielleicht schon helfen in die Gänge zu kommen, wenn sie mal an die Wurzeln ihrer Bewegung denken würden.