BASTA, 1. Ausgabe Winter-Semester 1990/91, Oktober '90
Studienzeitverkürzung, das magische Wort, seit langer Zeit in aller Munde, zum zentralen Thema aller Studienreformansätze hochstilisiert; jetzt wird's ernst damit. "Umsetzungsmaßnahmen der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Verkürzung der Studienzeit" oder " Erlaß der Ministerin für Wissenschaft und Forschung zur Studienzeitverkürzung" um dem Kind einen Namen zu geben.
Bereits im Oktober 1988 von der KMK beschlossen, schneien nunmehr qua ministeriellem Erlaß "Konkretisierungen und Durchsetzungsmaßnahmen" ins Haus. Die Frage nach der Notwendigkeit von Studienzeitverkürzung wagt kaum noch jemand zu stellen, obwohl sie durchaus berechtigt ist:
StudentInnen aus der BRD sind bei Abschluß ihres Studiums in der Regel zu alt, um im europäischen Vergleich (gemeint ist hier: auf dem EG-Binnenmarkt) noch konkurrenzfähig zu sein, heißt es da oft als Begründung. Doch dem ist nicht so. Sind es doch z.B. Engländer und Franzosen, die auf der europäischen Rektorenkonferenz ihrer Angst vor der hohen Qualifikation bundesrepublikanischer HochschulabsolventInnen Ausdruck verleihen. Es zwängt sich somit die Frage auf, wieso Studienzeitverkürzung für so notwendig gehalten wird.
Je schneller der/die DurchschnittsstudentIn studiert, desto früher kann er/sie natürlich in den Produktionsprozeß eingegliedert werden, andererseits tritt der Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung mit kürzerer Studienzeit zunehmend in den Hintergrund (also: Ausbildung statt Bildung). Hier läßt sich vielleicht schon über die politische Stoßrichtung der "erlassenen" Studienzeitverkürzung mutmaßen. Betrachtet mensch die Umsetzungsmaßnahmen genauer, wird es dann offensichtlich.
Während sich die Empfehlungen in durchaus nicht abzulehnenden Bereichen wie verbesserte Studienberatung/-information, Verbesserung der Benutzungsmöglichkeiten von Seminaren und Bibliotheken eher in sehr wenig ausgearbeiteten Allgemeinplätzen ergeht, scheinen die Herren der KMK in puncto Straffung des Prüfungsablaufs sehr genaue Vorstellungen zu haben:
Das sind die Spitzen des Eisbergs. Es liegt auf der Hand: Repression ist angesagt, umfangreiches, allgemeinbildendes, oder gar interdisziplinäres Studium ist out; schnelle, verschulte, hochspezialisierte Ausbildung ist in.
Die Stellungnahmen der Hochschulen zirkulieren nach bereits erfolgter Fristverlängerung zur Abgabe noch in der Westdeutschen Rektorenkonferenz, der Erlaß findet wohl auch dort nicht den erwarteten Zuspruch. Bleibt abzuwarten, ob sich die Herrschenden dadurch auch nur im geringsten tangiert fühlen...
Obwohl es in diesem Zusammenhang kaum noch notwendig erscheint, sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt, daß sich in all den Erlassen, Umsetzungsmaßnahmen und Empfehlungen keine einzige Zeile zur sozialen Situation der StudentInnen finden läßt. Dabei sind es aber gerade diese äußeren Umstände, die oft für eine wirklich unnötige Verlängerung der Studienzeit sorgen. Aber was es heißt, neben dem Studium arbeiten zu gehen, um den Lebensunterhalt zu sichern, oder für eine ausreichende Kinderbetreuung zu sorgen, können sich diejenigen, die einen weichen Ministersessel ergattert haben kaum vorstellen, geschweige denn beurteilen.
Aber ob das die Herrschenden tangiert?!