Weg mit Paragraph 218!

BASTA, 1. Ausgabe Winter-Semester 1990/91, Oktober '90

Demonstration in Bonn, eine Einschätzung

Am Samstag, den 16.6.90, hat in Bonn eine lange vorbereitete bundesweite Demonstration gegen den Paragraphen 218 stattgefunden, zu der erfreulicherweise auch eine größere Gruppe (ca. 65 Personen) aus Siegen gefahren ist.

Wenn mensch mal von einigen organisatorischen Unstimmigkeiten zu Beginn des Zuges (Aufstellungprobleme inmitten eines Verkehrsknotenpunkts, Gruppen und Blöcke mußten sich umständlich suchen, etc.) absieht, so kann die Demonstration, sowie ihre anschließende Abschlußkundgebung und der Kulturteil durchaus als Erfolg gewertet werden.

Die TeilnehmerInnenzahl lag entgegen der meisten Presseberichte bei ca. 20 000, welches sogar der örtlichen Polizeischätzung entspricht und nicht bei 8 000 bis 10 000, wie es die "dpa" verbreitete.

Den Zug, wie auch die Abschlußkundgebung prägte eine, dem sommerlichen Wetter angepaßte, überwiegend entspannte und solidarische Stimmung, wodurch allerdings inhaltliche Klarheit und Schärfe keineswegs verlorengingen. Während der autonome Frauenblock, sowie der gemischte autonome Block und der Lesbenblock insbesondere das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und die Abschaffung des Patriarchats skandierten, untermauerten die verschiedenen anderen Frauengruppen mit diversen Sprüchen und musikalischen Beiträgen im Zug diese miteinander verknüpften Forderungen.

Die Redebeiträge bei der Abschlußkundgebung fielen sehr angenehm durch Kürze, sachliche Prägnanz und abwechslungsreiche Herangehensweise an das Thema auf und vermittelten den allgemeinen Konsens der geforderten Abschaffung des § 218 und das Selbstbestimmungrecht der Frauen über einen Kinderwunsch. Es sprachen zum Beispiel Prof. Monika Simmel-Joachim (Bundesvorsitzende der Pro Familia), Gudrun Hamacher (Vorstandsmitglied der IG-Metall), Verena Krieger (Bundesvorstand DIE GRÜNEN), Dipl. Psychologin Conny Hühn, sowie Vertreterinnen von Frauenorganisationen aus Italien, Irland und der DDR.

Die herabsetzenden, frauenverachtenden und rechtlich sehr fraglichen Memminger Prozesse waren natürlich auch Thema der Veranstaltung. Dr. Horst Theissen, der verurteilte Memminger Frauenarzt und eine betroffene Frau, die teilweise erfolgreich gegen ihre Verurteilung vorging, schilderten sehr anschaulich die entwürdigenden Vorgehensweisen dieser Prozesse.

Die einzelnen Redeblöcke wurden angenehm unterbrochen, durch das Verlesen einiger internationaler Solidaritätsgrüße und dem Musikprogramm. Es spielten eine Sambagruppe, die Frauenrockband "Medusa" und Anne Haigis.

Besonders hervorzuheben wäre noch der Redebeitrag der Juristin Theresia Degener die, selbst behindert, darauf verwies, daß der § 218 schon deshalb abzulehnen sei, da er diverse berechtigte Abtreibungsgründe nicht anerkenne, dafür aber die Abtreibung eines behinderten Kindes relativ problemlos ermögliche und er somit an die Tradition der Eugenik anknüpfe. Ihre engagierte Rede unterstrich sie mit dem Beispiel der Göttinger Richtlinien die es einem Arzt ermöglichen, die Behandlung eines neugeborenen behinderten Kindes zu verweigern. Sie verwies auch darauf, daß Frauen während der Schwangerschaft heutzutage dazu gezwungen werden, die gesamte Palette der pränatalen Untersuchungen an sich durchführen zu lassen (weigert sich frau, kann der Arzt die Geburtshilfe verweigern, insbesondere die Weiterbehandlung bei Komplikationen) und somit die Frauen als Verantwortliche für ein behindertes Kind dargestellt werden, nach dem Tenor: "Warum hast du es trotzdem ausgetragen?"

Der allgemeine Verlauf der Demonstration war friedlich, die Situation spitzte sich allerdings kurzfristig zu, als die benachbarte katholische Kirche während eines Redebeitrags zu läuten begann und Frauen versuchten die Kirche zu stürmen, die mit einigen Farbtupfern versehen, bald wieder Ruhe gab.

Auch die, mit ca. 2 500 TeilnehmerInnen wesentlich schlechter besuchte (oooch) Gegendemonstration der reaktionären "Lebensrecht für Alle e.V."-Organisation, die das bestehende Leben zwar nicht, dafür aber das embryonale Entwicklungsstadium für so schützenswert hält, aber nichts gegen die Gen- und Reproduktions-Techniken hat und für sich in Anspruch nimmt, über Frauen richten zu dürfen, hatte kurzfristig Auswirkungen auf die Veranstaltung, als an der Bühne ein Plakat mit dem Spruch "Abtreibung ist Mord" (in Deutschlandfarben!) hochgehalten wurde, welches allerdings sehr schnell entfernt wurde.

Die Organisatorinnen können berechtigterweise zufrieden mit dem äußerlichen und innerlichen Verlauf der Demo sein. Wünschenswert wäre nur eine bessere technische Grundkoordination gewesen, ansonsten möchte ich, sicherlich im Namen vieler dortgewesener Siegener Frauen und Männer sagen: Die Zeit war reif für diese Demo und sie war ein Erfolg!