[VDS = Vereinigte deutsche StudentInnenschaften. Das war der Dachverband eigentlich aller Studierendenschaften in der BRD. Er hat sich - trotz unseres Papiers - Anfang der 90-er Jahre aufgelöst. Eine adäquate Nachfolgeorganisation gibt es bis heute nicht.]
AStA der Gesamthochschule Siegen
Nach der 15.ordentlichen Mitgliederversammlung der Vereinigten(?) Deutschen(?) StudentInnenschaften (oder Funktionärsmannschaft, oder was?) scheint die Verfaßte StudentInnenschaft dieser Republik in einer tiefen Krise zu stecken. Das scheint angesichts linker Mehrheiten unverständlich, da gerade MarxistInnen "Ingenieure der Politik" (H.Lienker) sind, die doch fähig sein sollten, Ursachen von Krisen zu analysieren und Strategien zu deren Bewältigung zu entwickeln. Die VDS ist dazu nicht mehr in der Lage!
An dieser Stelle soll in einem ersten Schritt versucht werden, die Situation zu analysieren, aus der sich die Kampfbedingungen für Linke an den Hochschulen ergeben. Dies kann in einem Rahmen, wie dieses Papier ihn darstellt, selbstverständlich nur skizzenhaft geschehen. Zunächst soll auf die Veränderungen der Hochschule eingegangen werden, bevor die Lage der StudentInnen näher beleuchtet wird. Abschließend folgen dann einige Bemerkungen zu Verfaßtheit der studentischen Linken.
Die wissenschaftlich-technische Revolution hat alle Lebensbereiche erfaßt und auch vor der Hochschule nicht Halt gemacht. Das politische und ökonomische System haben veränderte Anforderungen an den Charakter akademischer Ausbildung formuliert und Die Hochschulen haben sich diese zu eigen gemacht, ohne allerdings im gleichen Zuge eine grundlegende Reform der Hochschulen in die Wege zu leiten. Im Kern lassen sich fünf Phänomene benennen, die Ausfluß dieser geänderten Anforderungen sind:
[Studienorganisation, Ausbildungsziel]
Während sich der Aufbruch der StudentInnen am Ende der sechziger Jahre noch relativ einheitlich, als Unmut einer bürgerlichen Nachkriegselite über Vorkriegsstudienbedingungen beziehungsweise -inhalte, vereinzelt auch als Enttäuschung von Arbeiterkindern und DDR-Abhauern darstellt, ist die Situation am Beginn der neunziger Jahre eine vollkommen andere.
Wahrnehmung von Hochschule durch die Studierenden hat sich verändert. Für die einen ist sie die Fortführung der Schule mit ähnlichen Organisationsprinzipien, die der Weiterqualifizierung mit dem Ziel eines Arbeitsplatzes dient. Für die anderen ist sie eine Stätte von Wissenschaft und Selbstentfaltung, die alma mater. Aus diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen ergeben sich unterschiedliche Ansprüche.
Geht es den Einen darum, mit ihrer Ausbildung ihren eigenen Marktwert zu steigern, entwickeln sie daraus eher Ansprüche, die Ausbildungstechnics betreffen, setzen die Anderen Schwerpunkte in den Bereichen Studieninhalte und -organisation. Daraus ergeben sich unterschiedliche Interessen!
Eine umfassende Solidarität zwischen den Studierenden stellt sich nicht ein und läßt sich noch viel weniger organisieren. Ursachen für dieses Phänomen finden sich in zwei Bereichen:
Konsequenz wäre hier: nicht nur weitere Differenzierung, sondern Atomisierung der Studentinnenschaft! Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht, ist, wie denn trotz alledem der studentische Protest im Wintersemester 1988/89 zu erklären ist. Gängiges Argumentationsschema ist: Die materielle Situation an den Hochschulen wird unerträglich, Protest entsteht, der "bewußte" Teil der StudentInnen setzt sich an die Spitze der Bewegung und entwickeln die materiellen Forderungen zu inhaltlichen. Da folgen die meisten nicht und die Bewegung bröckelt.
War es aber nicht anders?
Es gibt also sowohl eine Differenzierung der StudentInnenschaft hinsichtlich ihrer Ansprüche, als auch darüber hinaus reichende Prozesse der Individualisierung. Diese Individualisierung ist prinzipiell noch kein schlagendes Argument gegen Solidarisierung, denn es handelt sich dabei um ein ambivalentes Phänomen. Auf der einen Seite scheint es einen Bereich der Individualität zu geben, der nicht selbstbestimmt ist; wo es einen solche Anspruch auch gar nicht gibt, der mit der Kategorie "Flexibilität" das arbeitsmarktorientierte Anpassen an sich verschlechternde Bedingungen bezeichnet. Daneben scheint es die Kategorie "Emanzipation" zu geben, an deren Einschränkung sich der studentische Protest quer zu allen Anspruchsunterschieden entzündet hat. Es scheint eine Organisationsfeindlichkeit zu bestehen, die sich mit den Wertewandelprozessen (also ebenfalls mit Individualisierungsschüben) der letzten zwanzig Jahre erklären läßt. Ein Großteil der StudentInnen scheint so sozialisiert, daß ihnen ein gesundes Mißtrauen gegen den Staatsapparat fehlt. Im Gegenteil: eine Mehrheit ist regelrecht zufrieden damit, den Finger auf die, im Sinne einer kapitalorientierten Ausbildung richtigen Stellen gelegt zu haben. Die Mehrheit der Altverbände zieht hier mit und betreibt eine Politik des Minimalkonsens. Die Front StudentInnen / Kapital, Staat existiert nicht!
Es gibt keine linke Hegemonie an den Hochschulen. Dafür lassen sich verschiedene Ursachen festmachen:
Mensch engagiert sich unter anderem dann, wenn mensch sich von einer Sache betroffen fühlt, sie einem wichtig ist. Gut, auf StudentInnen bezogen, kann mensch schon sagen, daß die Hochschule den/die StudentIn betrifft. Jedoch wird die Hochschule als nichts anders als eine Zwangseinrichtung erlebt. Mensch wird zensiert für den späteren Arbeitsprozeß aussortiert an die Regeln der Gesellschaft gewöhnt. Hochschule ist alles andere als ein Ort, wo Freiheit und Selbstbestimmung herrschen. Die Freiheit und Selbstbestimmung wird im Freizeitbereich durch Rückzug in Disco, Musik, Konsumrausch, Alkohol oder Haschisch also Rückzug in "selbstbestimmte" Nischen gesucht. Hochschule wird überlebt und StudentIn versucht "durchzukommen". Nach der Hochschule versucht mensch sie so schnell wie möglich zu vergessen... (Frei nach Micha Hammerbacher, "Warum Schülervertretungen nicht funktionieren (können)" in Schüler vertreten Schule verändern, BuSV, Hrsg., Bonn 1986)
Die meisten sind über Schule und Fernsehen so sozialisiert, daß politische Aktivität im Kreuzchenmachen bei Wahlen ihr Ende findet.
Diese Probleme schlagen sich schon auf lokaler Ebene nieder. Die Frage ist, wie sie sich auf höherer Ebene darstellen.
Das[s] die VDS in einer Krise stecken, kann spätestens nach dem gescheiterten MV-Versuch in Bochum nicht mehr geleugnet werden. Satzungsgemäß so wir dies denn richtig verstanden haben, wäre die jetzt einberufene MV beschlußfähig, egal wieviele ASten vertreten sind. Das bedeutet, daß theoretisch auch eine MV mit einer Handvoll ASten stattfinden könnte. Nach dem Wochenende in Bochum scheint dies auch nicht unrealistisch, insofern auf den alten Schienen weitergefahren wird. Eine Fortsetzung der Bochumer Veranstaltung dürfte vermutlich nur noch eingefleischte Politmasochisten begeistern und soviele soll es davon ja auch nicht mehr geben. Daraus ergibt sich, daß jetzt eine grundlegende Diskussion geführt werden muß wie bundesweit studentische Interessenvertretung aussehen soll und wie diese organisiert wird.
Dies ist wohlgemerkt kein Appell zur Zerschlagung der VDS, aber wenn die Organisationsmuster der siebziger in den neunziger Jahren nicht mehr greifen, muß die Organisationsfrage gestellt werden. Die Frage des studentischen Selbstverständnisses, der politischen Artikulation und Organisation muß um zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, möglichst ausführlich und mit vielen ASten diskutiert werden. Unseres Erachtens bietet sich für eine solche Diskussion ein Bundes-ASten-Treffen an, auf dem hoffentlich ohne allzuviel Taktik- und Proporzgemauschel von VertreterInnen aller ASten das "wie weiter" diskutiert werden kann. Über die Technics der Durchführung dieses Bundes-ASten-Treffens anstelle der 15. VDSMV müßte dann noch detailliert geredet werden und ist hier auch erst mal unrelevant.
Siegen, 31.3.90
[MV, VDS-MV: Mitgliederversammlung der VDS. BuSV: BundesschülerInnenvertretung.]