Skandal!

BASTA, 1.Ausgabe Sommer-Semester 1990, März '90

Gastkommentar: Ansichten eines Ehemaligen.
Der Skandal als revolutionäres Mittel oder: ein Jahr der Agitation & Propaganda

Wochenende, Zeit der Ruhe, der Muße, der Regeneration. Angeregt durch die vielen Diskussionen in der letzten Zeit um die neue Asta-Struktur, die Freusburger Gespräche, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Ein kurzes Zögern, Sekt oder eine gute Flasche Wein? Ich entscheide mich für den Sekt, stelle Musik an, die ganz alten Lieder ("Ich habe mir schon so oft gewünscht, daß wir schon weiter sind", "Ich bin so gerne so glücklich, ich bin so gerne so froh"), mache es mir auf der Couch gemütlich und lasse meinen Gedanken freien Lauf:

Skandaljournalismus war ein heiß diskutiertes Thema auf der Freusburg. Wie halten wir es mit der BASTA, liegen wir voll im Trend? Phantastische Enthüllungen, die das Ego befriedigen, aber vom Eigentlichen ablenken? Die Rolle des Skandals in unserer Gesellschaft, der Zeigefinger der auf den anderen zeigen kann, die Beruhigung der Massen, weil ja doch alles herauskommt, die Kunst, den Gegner zu treffen, ohne das System in Frage zu stellen, diese Rolle war schnell benannt und konsensional abgehakt. Aber wir, unsere Arbeit, die BASTA, welche Bedeutung hat der Skandal für uns? Auflagesteigernd? Aufmerksamkeit erhaschen, schaut her, was wir alles wissen?

Ich blättere die alten Hefte durch, die Berichterstattung über die Barschelaffäre, sie war besonders hitzig diskutiert worden. Eine ganze Menge der Artikel dazu stammen von mir. Warum war mir das Thema so wichtig? Ist meine " Message" so rübergekommen wie ich es wollte? Wenn ich mir meine Texte jetzt etwas genauer anschaue, fällt mir auf, daß viele Zusammenhänge nur stark verkürzt dargestellt werden, und damit unverständlich? Häufig benutze ich kleine Nebenbemerkungen, Wortspiele, eine ironische, drastische Sprache: " ... die Verstrickung der CDU-Führung... eisbergspitzenmässig..." (in "Nachgefragt: Drommel und der Barschel-Brief", BASTA Nr. 1 Sommer-Semester '89)

Wird wirklich klar, was ich damit meine? Ich habe ein großes Hintergrundwissen und verstehe meine Anspielungen sofort, aber die unbedarften LeserInnen?

Was mich an dieser Sache so wahnsinnig aufgeregt hat, der Skandal war gerade die Heraushebung eines Sündenbocks, die Verdrängung des Normalzustandes, die bürgerliche Verlogenheit, Schlips und Kragen. Die Selbstgerechtigkeit des Bundeskriminalamtes (forensische Linguistik!) und die Anerkennung derselben. Die Lügen und haltlosen Behauptungen sind offensichtlich, und trotzdem, trotzdem, BKA bleibt BKA, ein Fels in der Brandung. Warum? Ein klassisches Bauch-Kopf-Problem? Die Leute wissen, daß Staatsbeamte Löcher in Gefängnismauern sprengen, an Verbrechen bis hin zum Mord (Übrigens fällt mir an dieser Stelle auf, daß ich wieder einmal Andeutungen mache, Behauptungen aufstelle, ohne konkret zu werde, Belege zu nennen. Aber einem politisch wachen Menschen müßten selbst genügend Beispiele einfallen, ich erspare mir also diese Aufzählung und gehe (in diesem Text) mal von mündigen BürgerInnen aus) beteiligt sind, Politiker dumm und/oder korrupt sind, aber trotzdem, es gibt diese unterschwellige Loyalität, immer noch dieses Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit, in das Korrektiv der Gewaltenteilung. Spricht der Richter wirklich nur ein Urteil oder nicht doch ein bißchen Gerechtigkeit? Die Maloche macht einen kaputt, aber ohne Unternehmer gäbe es doch überhaupt keine Arbeit?

Und trifft nun das politische Kalkül des Skandaljournalismus nicht genau unseren Nerv, unseren Wunsch nach einer unabhängigen Presse? Wir wissen, wieviele Sauereien nicht veröffentlicht werden, aber dieser Skandal ist doch aufgedeckt worden, oder? Ich nehme mich da ausdrücklich auch nicht aus, obwohl ich für mich eine fortgeschrittene Bewußtseinsentwicklung postuliere. Es kostet mich immer wieder Anstrengung, das von der Sehnsucht nach der heilen Welt bestimmte Gefühl, die rosa Brille, zu überwinden, das System des Systems, die Perfidität, zu erkennen. Haben wir nicht das jemals beste Grundgesetz? Auswüchse, ja, aber im Grunde...? Ich sehe als Kommunalpolitiker, was im Parlament so abgeht, aber könnte es nicht so gut sein? Nein, nein und nochmals nein! Wir brauchen uns doch nur umzusehen, der alltägliche Skandal, doch wie machen wir ihn begreifbar, faßbar?

Die Analyse, gründlich und wissenschaftlich (Schließlich hat, ach, Norbert Blüm hat ja gesagt, er wäre tot, also hätte heute Karl Marx Geburtstag) , sie ist notwendig, Grundvoraussetzung, doch sie darf nicht im Kopf stehenbleiben: das Herz muß überzeugt werden, nicht nur der Verstand! Das war und ist auch der Grund, warum ich die Betroffenheit als wichtigstes Element der Agitation immer benutzt habe. Die Oberfläche wird angekratzt, ein Nachbohren ist möglich. Doch darf solch eine Wunde nicht wieder durch Verdrängung und Bequemlichkeit überdeckt werden, sondern der Stachel im Fleisch muß tiefer gehen, bis zum Herzen (Saublöde Metapher!). Wieviele Menschen erfahren die staatliche Repression wirklich am eigenen Leib und begreifen diesen Haß auf das Schweinesystem? Und wieviele Menschen verdrängen ihre Frustrationen und die Fremdbestimmung, arrangieren sich und nutzen die angebotenen Ablenkungen und Ersatzbefriedigung? Diese Zusammenhänge klar zu machen, am konkreten Beispiel das System bloßzulegen, Machtinteressen deutlich zu machen, das habe ich versucht, auch in und mit der BASTA:

Mir ist klar, daß das so nicht immer gelungen ist, daß der begonnene Faden dann doch nicht weitergesponnen wurde, ich in Allgemeinplätze versinke und Betroffenheit eben nicht in Begreifen und Handeln umsetzen kann. Doch ich denke, daß der Skandal in diesem Sinne auch in der linken Berichterstattung, in der BASTA, seinen Platz haben kann und muß

Prost, Euer Frank B.