BASTA, 1.Ausgabe Sommer-Semester 1990, März '90
Überlegungen zu einem umstrittenen Begriff
Heimat ist da wo mensch Freunde hat.
Heimat ist ein Sozialraum, in dem mensch sich wohlfühlt. Integrative Momente sind hier unter anderem die Sprache und der, leider noch etwas schwammige Begriff der Mentalität.
Heimat ist etwas sehr konkretes, erfahrbares. Im Gegensatz dazu scheint die Begrifflichkeit "Nation", zu deren Begründung Argumente herangezogen werden, die auf einer hohen Abstraktionsebene liegen, Konstrukt zu sein.
Argumente, die dafür sprechen, daß es sowas wie eine Nation gibt, kommen aus drei Bereichen:
In diesem Bereich wird konstruiert, daß es einen gemeinsamen Bereich von Erfahrung gibt, der eine bestimmte Gruppe Menschen so geprägt hat, daß sie zusammengehören. Dem engegenzuhalten ist, daß.. Der Einzelne erlebt keine Geschichte. Er arbeitet, ißt und schläft, erlebt Alltag. (Historische Ereignisse wahrzunehmen ist ein Moment der Massenmedien.) Sollte er dennoch "Geschichte machen", handelt er aus konkreter Betroffenheit. Geschichtsschreibung ist demnach ein sinnvermittelndes Konstrukt aus alltäglichem und spontanem Handeln.
Die Sprache des Einzelnen wird durch verschiedene Faktoren geprägt, unter anderem durch Schichtzugehörigkeit und Sprachraum, der sich teilweise an Regionen (geografisch) festmachen läßt, doch derartig differenziert ist, daß Worte von Ort zu Ort verschieden ausgesprochen werden. Was soweit führt, daß zum Beispiel Siegerländer und Wittgensteiner Dialekt so vielschichtige Differenzen aufweisen, daß selbst Ur-Siegerländer Schwierigkeiten haben einen Wittgensteiner zu verstehen. Das Hochdeutsche oder auch das BBC-Englisch scheinen somit ebenfalls ein Konstrukt zu sein, das Gemeinsamkeiten herstellen soll.
so der Stand der wissenschaftlichen Diskussion, wird durch geografische Lage, Klima, Regionalgeschichte und Religion geprägt. allein mit diesem Kriterienkatalog wird ein Begründung der Nation über diesen Begründungszusammenhang unmöglich gemacht. Denn welche Nation weist einheitliche geografische Lage, einheitliches Klima, eine Geschichte oder eine Religion auf? Keine! Auch hier deutet alles auf eine Konstruktion hin.
Die These von der Konstruktion der Nation fordert zur Frage nach dem Konstrukteur auf. Im folgenden soll versucht werden, diesem auf die Spur zu kommen. Am einfachsten läßt sich dieser Konstrukteur auf zweierlei Wegen ermitteln: a) Blick in den dtv-Atlas zur Weltgeschichte b) Entspanntes Zurücklehnen und Erinnerungen an den Geschichtsunterricht der Oberstufe (welcher Schulform auch immer) herauskramen. War es nicht so, daß das "Zeitalter der Nationalstaaten" (O-Ton dtv-Atlas) mit dem der Industrialisierung zusammenfiel Ist es nicht so, daß von zwei Revolutionen im 19.Jahrhundert gesprochen wird: der industriellen und der bürgerlichen Revolution? Betrachten wir also beide Revolutionen etwas genauer! Mit "industrieller Revolution" wird ein Prozeß umschrieben, der einen Wandel im ökonomischen System beschreibt. Es handelt sich um die Auflösung feudalistischen Wirtschaftens zugunsten kapitalistischer Handlungsweisen. Träger dieses Wandels war das Bürgertum. Mit "bürgerlicher Revolution" beziehungsweise "Zeitalter der Nationalstaaten" wird ein Umbruch des politischen Systems dargestellt, der das Feudal-System zugunsten der bürgerlichen Demokratie ablöst; im Prinzip also den Adel in der Bedeutungslosigkeit verschwinden läßt und das Bürgertum beziehungsweise die Kapitalisten (pfui, marxistischer Jargon, aber ist es nicht bemerkenswert welche Kreise de Bürgertums zu Amt und Würden kamen oder als graue Eminenzen doch das Zepter in der Hand hielten) zur herrschenden Klasse macht (Stichwort: preußisches Drei-Klassen-Wahlrecht).
Ein Angebot zur Veränderung, zur Vermenschlichung sozialer Systeme wäre die Regionalisierung, die Wiederherstellung von Heimat als politischem Zusammenhang
Für Intellektuelle muß dieses Angebot geradezu verlockend sein, da es die Möglichkeit bietet, unterschiedliche Wahrnehmungen von Wirklichkeit biografisch begründen zu können, das heißt viele wissenschaftliche Scheingefechte auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Oder, um weiterzudenken, den Punkt bietet um aus dem Elfenbeinturm herauszukommen ohne in Kapitalinteressen eingespannt zu werden. Will heißen eine Wissenschaft die nicht abstrakt vermittelt, sondern eingreift und Solidarität vermittelt über Regionen und Heimaten hinaus, weil sie in einer Zeit, in der die Nation überholt und die Probleme global sind, den Spagat zwischen Kollektivität (sprich: sozialem Zusammenhang) und Individualität mit dem Bezug auf Heimat / Regionalität herstellen könnte.