Nie wieder Deutschland

BASTA, 1.Ausgabe Sommer-Semester 1990, März '90

Erklärung des AStA der GH Siegen

"Nun wächst zusammen was zusammengehört" (W.Brandt, Nov.'89)

Wachsen, ein evolutionärer Prozeß langsam, insofern etwas großes und dauerhaftes dabei entstehen soll.

Wachsen heißt auch Veränderungen und Entwicklungen zuzulassen, das gilt für Staaten wie für Menschen, insofern mensch deren Lernfähigkeit überhaupt voraussetzt. Was sich jedoch zur Zeit auf dem Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik abspielt hat mit zusammenwachsen lassen nichts mehr zu tun. Anschluß hätte mensch dies früher genannt um nicht Gorbatschows Wort vom "Blitzkrieg" zu gebrauchen. Anstatt dem Volk der DDR in der Umbruchsituation des November 1989 Zeit zu Lassen, um Erklärungen zu finden, um in einer emotional angespannten Situation zur Ruhe kommen zu können, haben die BRD-Bundestagsparteien deutschlandliedgröhlend zum Sturm auf die DDR angesetzt (rühmliche Ausnahme sind hierbei noch vereinzelte Abgeordnete der GRÜNEN). Allen voran die Sozialdemokratie, haben die Parteien der BRD die historische Stunde des Machtvakuums in der DDR genutzt, um die Vorbereitungen zur Einverleibung des Staates DDR in die BRD voranzutreiben. Heftigst wurden Parteien gegründet und finanziert und in der `Zeitung für Deutschland' wird bereits die verfassungsrechliche Diskussion über die Form des Anschlusses geführt. Die Souveränität des Staates DDR verachtend, der, wenn schon nicht durch die unter Legitimationsschwierigkeiten leidenden Volkskammer, so doch durch den durch das Volk legitimierten `Runden Tisch' kundgetan hat, daß der Auftritt von BRD-Politgrössen in der DDR während des Wahlkampfs zur Volkskammer nicht erwünscht ist und sich der Bundeswahlkampf auf das Territorium der BRD zu beschränken hat, zieht die BRD-Politikerkaravane Kohl, Genscher, Vogel, Lafontaine die Segnungen des Kapitalismus verheißend durch die DDR. In ihrem Schlepptau prügeln sich inzwischen verstärkt die Faschisten von DVU, NPD, Republikanern durch die Leipziger Montagsdemonstrationen. Deutschland einig Vaterland. In einem nationalen Rausch fordert die "Gemeinsamkeit der Demokraten" von GRÜNEN bis hin zur NPD und den Republikanern die Bildung eines einigen Staatsgebildes unter der Führung der bisherigen BRD-Politikernomenklatur. Das ganze soll dann Deutschland heißen.

An dieser Stelle sei nun die Frage erlaubt, was denn dieses Deutschland eigentlich ist. Ein Gebilde, 1872 entstanden aus einem Krieg, expansionistisch und chauvinistisch, das zweimal in diesem Jahrhundert Europa in Schutt und Asche legte und jetzt schon wieder, noch nicht einmal zusammengeschlossen die Grenzen in Europa in Frage stellt. Deutschland, ein Gebilde das seine Geschichte zu vergessen wünscht, eine Geschichte aus der Namen wie Auschwitz nicht mehr wegzulügen sind. Gerade diese Geschichte macht ein Deutschland so furchtbar, so furchtbar in seinem unreflektierten Dasein. Dieses dumpfe Dasein macht Angst, Angst weil es kafkaesk Menschen an `Werten' scheidet, dem deutschen Wesen, welches es nicht definieren kann. Bleibt die Frage zu klären, wer oder was hier eigentlich als deutsch `zusammengehört'. Die Antwort scheint nur nahe zu liegen. "Die Deutschen", "Das Deutsche Volk" oder "die Deutsche Nation" könnte so schön passen. Aber wer gehört eigentlich dazu? Sind es die Menschen, die momentan im Gebiet der heutigen BRD und DDR wohnen? Sind es die, die heute schon eine der beiden deutschen Staatsbürgerschaften haben? Kanzler Kohl würde sicherlich noch, Kotau vor dem Wählerinnenpotential aus den Vertriebenenverbänden machend, die Deutschstämmigen aus den sogenannten deutschen Ostgebieten dazuschlagen, um so eine Rechtfertigung für das Offenhalten der Frage der polnischen Westgrenze zu erhalten. "Deutschstämmig", da fällt doch was auf! Da gab es doch Deutsche, deutschstämmig seit der zig-sten Generation, die plötzlich gar nicht mehr deutsch waren, die, wenn sie nicht in Vernichtungslagern enden wollten, das Land verlassen mußten. Das dürfte bestimmt nicht Bestandteil der großdeutschen Planung sein, wenn plötzlich Abertausende, deren Großeltern vielleicht bis zum 9. November 1938 ein Geschäft in Berlin, Hamburg oder Siegen hatten, aus Amerika in "unser Land" strömten. Was sonst könnte zu einem der peinlichsten Vorschläge führen: den 9. November zum Nationalfeiertag zu machen.

Die Frage, die sich aufdrängt ist: wer überhaupt über deutsch und nichtdeutsch urteilen soll. Oder wie soll darüber geurteilt werden? Staatsbürgerschaft scheidet ja allem Anschein nach als Kriterium aus, sonst könnte sich ja nicht so konsequent über die Souveränität der DDR hinweggesetzt werden. Will mensch Deutschsein an der Sprache festmachen? Wer soll darüber urteilen ob der deutschsprechende Enkel deutscher Auswanderer aus Philadelphia, die deutschsprechende Studentin aus Graz oder der deutschsprechende Skilehrer aus Südtirol nun deutsch sind oder nicht. Soll Herkunft oder vielleicht Abstammung die Entscheidungshilfe sein? Wer soll darüber urteilen, ob es reicht einen UrUrgrossvater gehabt zu haben, der aus einer Gegend stammt, die zu seinen Lebzeiten gerade zu dem Teil der Welt gehörte, der sich damals als deutsch bezeichnete und wer will festlegen, welche Zeiträume mit einzubeziehen sind? Erinnert sei hier nur an das Römische Reich deutscher Nation, welches die Parole "Neapel bleibt unser" durchaus rechtfertigen würde. Mensch sieht, das mit den Ahnen hat so seine Probleme. Bleibt also das Gebiet. Ist Deutscher wer in Deutschland, hier verstanden als das Territorium der DDR/BRD lebt? Damit wäre endlich der multikulturelle Anspruch verwirklicht, jedoch wohl kaum im Sinne des CDU/CSU-Klientels, welches Deutschland weiter im Osten enden sieht. Vergessen werden hier auch historische Prozesse, erinnert sei hier nur an den Geschichtsunterricht, Thema: "Bismarck und die kleindeutsche Lösung". Bleibt vielleicht noch die Kultur übrig, Volk der Dichter und Denker oder so. Also Goethe, Weimar, DDR, geht somit ok. Jedoch bei den Schriftstellern Dürrenmatt und Frisch, beide viel gelesen und gespielt, doch beide Schweizer, treten schon die massivsten Schwierigkeiten auf. Auch bei Komponisten wie Mozart oder Johann Strauß tritt schon wieder die Frage großdeutsche oder kleindeutsche Lösung in den Vordergrund.

Schon diese einfachen Beispiele zeigen, daß eine Festlegung des Begriffs `Deutsch' nur unter Ausgrenzung und Zwang möglich ist. Ausgrenzung und Zwang können jedoch niemals das Fundament eines Staatsgebildes mit freien Bürgern sein. Aufgrund dieser Willkür der Begriffsfestlegung muß sich jegliche Form von deutschem Patriotismus ad absurdum führen. Sprich: was sich momentan unter dem Deckmäntelchen der ebneten, was bis zur Emigration und Vernichtung führte und andererseits aggressiver Expansion nach außen freien Lauf ließen, bis hin zur kriegerischen Erweiterung des eigenen Wirtschaftsraumes und der Versklavung ganzer Völker. All diesen Entwicklungen entgegenzuwirken liegt zwar nicht gerade im mainstream, scheint uns aber die einzige Möglichkeit zu sein, Politik zu machen ohne in Deutschland den Nabel der Welt zu sehen.