Studieren ohne Wohnung

BASTA, 3.Ausgabe Winter-Semester 1989/90, Februar '90

oder: Studieren mit 'nem Zelt kostet gar kein Geld

Im Wintersemester '89/90 hat das Problem der Wohnungssuche für StudentInnen der GH Siegen Ausmaße erreicht, die einen normalen Studienbeginn für einen Teil der StudentInnen unmöglich machte. Die Zahl der Studierenden in Siegen hat zu Beginn des Wintersemesters einen Stand von fast 10 000 erreicht. Durch das ansteigen dieser Zahl wurde auch der Bedarf an Wohnraum immer größer.

In Siegen stehen derzeit nur 697 Plätze in StundentInnen-Wohnheimen zur Verfügung. Rund 65% der an der GH eingeschriebenen StudentInnen kommen laut Hochschulverwaltung aus der Region (Siegen, Olpe, Altenkirchen, Westerwald, Marburg-Biedenkopf, Lahn-Dill-Kreis, Märkischer Kreis, Rhein-Sieg Kreis und Oberbergischer Kreis). Vorsichtig geschätzt benötigen 5 bis 10% dieser StudentInnen eine Wohnung in Siegen, da der Weg vom Heimatwohnsitz zur Hochschule zu weit ist (z.B. Rhein-Sieg-Kreis; eine Studentin die in Troisdorf wohnt, hat einen rund 120 Km langen Weg zur GH, den sie rein theoretisch jeden Tag bewältigen müßte), Somit summiert sich die Zahl der StudentInnen, die dringend eine Wohnung in Siegen benötigen, auf ca. 40 bis 45%. Es wurden also ca. 3 500 Wohnungen für StudentInnen gebraucht, die auf dem privaten Wohnungsmarkt beschafft werden mußten.

Die Aufnahmekapazität wurde in Siegen, wie es in anderen Universitätsstädten schon lange, im Wintersemester '89/90 erreicht. Es mußten zum ersten Mal Notquartiere eingerichtet werden, dies geschah seitens des AStA und des Studentenwerks. Ein Teil der StudentInnen mußte zu Semesteranfang mehr Zeit zur Wohnungssuche verwenden als zum Studium, was dazu führte, daß so manche/r StudentIn schon jetzt in Bedrängnis geraten ist. Der AStA leistete von Oktober bis November, etwa sieben Wochen lang Dienst rund um die Uhr, um die StudentInnen in den Notquartieren zu betreuen.

Die zugesagte kurzfristige Hilfe der örtlichen Kommunalpolitiker verlief sich nach exakt einem Tag im Sande. Sie hatten wohl in Anbetracht der bevorstehenden Kommunalwahlen nur etwas Wahlkampfpropaganda betreiben wollen. Die schönen Worte waren der übliche "Schall und Rauch". Die Unterstützung der Hochschulverwaltung beschränkte sich auf die Bereitstellung von vier Heizlüftern. Der AStA setzte Zeitungen und Rundfunk in Bewegung um das Angebot von Wohnraum für StudentInnen zu vergrößern. Wochenlang gaben sich tagtäglich ca. 50 StudentInnen, natürlich nicht immer dieselben, im AStA-Büro die Klinke in die Hand, um die Wohnungsangebote nach brauchbarem und erschwinglichem Wohnraum zu durchforsten.

Bis zum Januar hatte sich die Situation entschärft und alle waren mehr oder weniger glücklich untergekommen. Da jedoch die StudentInnenzahlen noch im Begriff sind weiter zu steigen, wird das Problem des Wohnraummangels wieder auf Siegener StudentInnen zukommen. Dies wird wohl für Siegen noch durch den Spiegelartikel vom 11.September verstärkt werden, denn nach diesem ist Siegen die Nr. 1 (??) unter den Universitäten in der BRD.

Zu guter Letzt sei noch das Problem der Finanzierung der benötigten Wohnungen angesprochen. Da auch hier das "Selbstregulativ" (??) von "Angebot und Nachfrage" greift, war festzustellen, daß sich die Mieten für studentischen Wohnraum zum Teil erheblich erhöht haben. Angesichts der schmalen Finanzen, die StudentInnen zur Verfügung stehen, wurden auch hier die Probleme immer größer, auch wenn sie noch nicht Münchener oder Kölner Ausmaße erreicht haben.