Rückblicke

BASTA, 3.Ausgabe Winter-Semester 1989/90, Februar '90

Das Semester neigt sich dem Ende zu, es ist an der Zeit ein wenig Rückschau zu halten und über die politische Situation beziehungsweise die politische Situation an Deutschlands "Hochschule Nr.1" nachzudenken. Mensch erinnere sich: vor ziemlich genau einem Jahr (25.1.89) war in Siegen Streik angesagt; ein Streik, der viele Neuerungen brachte. Es handelte sich weder um die typischen "StudentInnen-gegen ProfessorInnen-Aktionen", noch ließ sich das Thema in klassische rechts-links Schemata pressen. Obwohl, bedingt durch unterschiedliche politische Anschauungen, hier und da auch unterschiedliche Nuancen entstanden, war mensch im großen und ganzen doch einig: so kann das nicht weitergehen! Fast jedeR war zwar individuell von der Misere betroffen, doch wurde sehr schnell klar, daß es sich um ein kollektives Problem handelt, dessen Ursachen gesellschaftspolitischer Art sind.

Der Streik machte dann auch ein neues Selbstverständnis studentischer Interessensvertretung klar; gerade hier wurde deutlich, daß sich verhärtete Positionen auflockerten: Den einen, die unter Interessensvertretung nur den Betrieb von Kopierern und den Verkauf billigen Büromaterials verstanden, wurde klar, daß es damit allein nicht getan sein kann. Die anderen sahen ein, daß es in Zeiten des bevorstehenden Zusammenbruchs des Hochschulsystems konkretere Probleme gibt, als die Weltrevolution vom Zaun zu brechen. Dadurch bedingt wurde auch ein neuer Zugang zur Hochschulpolitik, vorbei an `Fraktionszwängen' frei. Im Sommersemester sah es dann, politisch gesehen eher ein wenig verschlafen aus an unserer GH, was sich zu einem nicht unbeträchtlichen Teil darauf zurückführen läßt, daß diejenigen, die eben noch Streikzeitungen druckten, nun in Fachschaften, autonomen Referaten, selbstorganisierten Arbeitskreisen, im StudentInnenparlament und bis in den AStA hinein zu finden waren. Verständlich, daß in einer Phase der Institutionalisierung nicht gerade die meisten öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen laufen.

Nun zum Wintersemester '89/90: Am Anfang war das Chaos und es war Wohnungsnot und der Geist der Falschen Wohnungsbaupolitik schwebte über der Stadt. Und die Massen sagten "Es werden Wohnungen" und es wurden... Notunterkünfte. Sicher handelt es sich bei der Wohnungsnot um ein Problem, welches sich in erster Linie als individuelles darstellt. Doch bei näherer Betrachtung müßte mensch eigentlich darauf kommen, daß es sich doch um ein kollektives Problem handelt. Um an die Ursachen heranzukommen, darf die Frage nicht lauten: " Wieso krieg ich keine Wohnung?" sondern: " Woran könnte es liegen, daß wir alle über Wochen hinweg keine Wohnung finden und wenn, dann vielleicht 14 m2 in Hilchenbach für 430,-DM mit Verpflichtung zur leichten Gartenarbeit?" Mensch kommt schnell darauf: es fehlen StudentInnenwohnheime, innerstädtischer Wohnraum wird abgerissen beziehungsweise anderweitig genutzt die Politik ist's wieder mal, die uns Probleme bereitet. Trotzdem kam es in diesem Wintersemester nicht zu Protestaktionen, wie es die Situation vielleicht verlangt hätte. Woran hat es gelegen? Die betroffenen StudentInnen waren wahrscheinlich zu sehr mit der Wohnungssuche beschäftigt und seitens des AStA war die Arbeitskapazität durch Aufrechterhalten des Service-Betriebs, Standardarbeit und rund-um-die-Uhr Besetzung der Büroräume bald erschöpft. Blieben da noch die nicht Betroffenen, denen mensch höchstens die mangelnde Betroffenheit vorwerfen könnte.

Bestimmt sind hier Chancen verpaßt worden, neue StudentInnen in politische Arbeit einzubinden, wie das beim Streik der Fall war. Es kommt also darauf an den Blick nach vorn zu richten und zu überlegen, wie mensch gedenkt in Zukunft damit umzugehen. Die Aktien stehen günstig, denn was sich seit dem Streik in der Politlandschaft der Hochschule als "Gemeinsamkeit der Demokraten" darstellt, schlägt sich auch im 18.StudentInnenparlament nieder. Im Dezember '89 neu gewählt, hatte es nach der Weihnachtspause seine konstituierende Sitzung und erlebte auch in der Folge sehr sachliche, unpolemische Debatten, in denen bis auf früher erwähnte Nuancen kaum grundsätzlich unverträgliche Positionen aufeinanderprallten. Am 24.1.90 wurde dann ein neuer AStA gewählt, der sich in der nächsten BASTA (zu Beginn des Sommersemesters '90) noch detailliert vorstellen wird. Vorab soviel, gewählt sind: Wolfgang T. (Finanzen), Klaus M. (Innenkoordination), Ulf B. (Gremienkoordination), Sabine N. (Presse/Archiv), Peter G. (Öffentlichkeitsarbeit), Christiane N. (Soziales), Theo G. (Soziales), Jürgen S. (Kopierer), Andreas B. (Kopierer), Barbara P. (Service), Marc N. (Service)