[Quelle ist leider nicht mehr bekannt - Basta oder Flugblatt der DLL.]
Am Beginn der 90er Jahre scheinen die Hochzeiten der verfassten StudentInnenschaft vorbei zu sein. Das studentische Engagement schwindet, die Einflußmöglichkeiten werden zusammengestrichen und eine Tendenz zur Bürokratisierung ist unübersehbar. Diese Phänomene sind keine Zwangsläufigkeiten, sondern Produkt gesellschaftlicher Entwicklungen. Im Folgenden soll versucht werden, diese Situation zu analysieren und daraus eine Strategie der Veränderung zu entwickeln.
Wir schreiben das Jahr 1959. In der BRD muffelt es (unter den Talaren ganz besonders) nach Adenauer, Antikommunismus und Autoritätsgläubigkeit. In der ganzen BRD... nein! Unter der Jugend gärt es. Während sich die proletarische Jugend als "`Halbstarke"' austobt und mit BlueJeans und Rock'n'Roll die Langeweile der 50/60s wegfegt, versucht sich ein Teil der bürgerlichen Jugend als Existentialisten. Politischer Protest wird über die "`Kampf dem Atomtod"'-Bewegung angemeldet, der sich in der Ostermarschbewegung bis 1967 fortsetzt. Nach dem Verbot der KPD im Zusammenhang mit den Aktionen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik setzen sich Gewerkschaften an die Spitze der Bewegungen, kneifen jedoch in dem Augenblick, wo es ernst wird und tragen dadurch immer wieder dazu bei, solche Bewegungen zu schwächen. Mit dieser Handlungsweise verliert die SPD immer mehr von ihrer Oppositionsrolle, was das Bild eines einheitlichen, politischen Machtblocks entstehen läßt, der seinen konkreten Ausdruck letztendlich in der "`Großen Koalition"' findet. Der Parlamentarismus wird als Farce empfunden.Dieser Unmut zieht nun auch in die Hochschulen ein. Eine Generation, die von der riesigen Verdrängungsmechanik ihrer Eltern angeekelt ist, nimmt den Begriff der Demokratisierung aller Lebensbereiche sehr ernst und fordert "`Demokratie in der Hochschule"' (SDS-Druckschrift 1961). Anderer Zugang zum Protest an den Hochschulen ist die durch Auschwitz, Hiroshima, Vietnam und Springer aufgeworfene Frage nach einer inhaltlichen Neuorientierung der Hochschule im Sinne einer eingreifenden, kritischen Wissenschaft. An diesen Fragen entzündet sich das, was wir (mit feuchten Augen und Herzklopfen) die StudentInnenrevolte nennen. Aus dieser Selbstwahrnehmung als gesellschaftlich verantwortliche Gruppe und einer tiefen moralischen Entrüstung (hier: Fraktion Pfarrerstöchter in der RAF) entstehen die Anti-Vietnam-Kampagne, der Kampf gegen die Notstandsgesetze und gegen den Springer-Konzern.
Festzuhalten ist, daß diese Bewegungen weitgehend an den Organen der verfaßten StudentInnenschaft spurlos vorübergehen, es aber im Gefolge der StudentInnenrevolte durch eine allgemeine Linkswende der Studierenden auch zu Verschiebungen in den Interessensvertretungen kommt. Diese Linkswende ist vorrangig ein Phänomen der Metropolen Berlin und Frankfurt, die bis heute die Zentren linker Politik sind.
Mit der zunehmenden Dominanz fortschrittlicher Kräfte in den Organen der Verfassten StudentInnenschaft entstehen zwei Diskussionen, die bis heute nicht abgeschlossen sind. Zum einen geht es darum, inwieweit die studentische Interessensvertretung, unter besonderer Berücksichtigung der Einflußmöglichkeiten in den Gremien (Fachbereichsräte/Senat/Konvent), nur demokratisches Deckmäntelchen einer weiterhin hierarchisch organisierten Hochschule ist und somit eine Mitarbeit in solchen Gremien nur die Illusion der Mitbestimmung fördert, ähnlich wie die gewerkschaftliche Beteiligung an den Aufsichtsräten großer Konzerne. Zum anderen ist die Frage, ob durch die Vielzahl gesetzlicher Bestimmungen die effektive Interessensvertretung durch Bürokratisierung bzw. Formalisierung inhaltlicher Auseinandersetzung in den Gremien nicht derart gelähmt wird, daß eine Mitarbeit in der studentischen Selbstverwaltung bzw. den Hochschulgremien prinzipiell abzulehnen ist.
Argumente, die gegen eine solche radikale Position ins Feld geführt werden, zielen darauf ab, die Möglichkeiten studentischer Interessensvertretung in Gremien aufzuzeigen. Sie kommen aus den Bereichen Geld, Information und Einfluß. Zunächst ist festzustellen, daß mit Geld die technischen Möglichkeiten Politik zu machen, einfach besser werden. Die Informationsbeschaffung läuft über die Anbindung an die Hochschulgremien ebenfalls effektiver und zu guter Letzt ist die Summe der beiden vorgenannten Argumente der größere Einfluß an der Hochschule, obwohl dieser Einfluß wieder sinkt, weil er über seine Strukturiertheit einzuschätzen ist. Die Perspektive, die beide Argumentationsschienen berücksichtigt, ist
"Ich glaube, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind aber überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, die die etablierte Hierarchie (die Herrschenden) schützen, es ist unsinnig, an die absolute Autorität dieser Gesetze und dieser Ordnung denen gegenüber zu appellieren, die unter ihr leiden und gegen sie kämpfen" Herbert Marcuse
Hinderlich bei der Durchsetzung dieser Perspektive sind ausschließlich die Akteure. Auf der einen Seite eine weitgehend passive StudentInnenschaft und auf der anderen ein Funktionärstum, das, teilweise seit Jahren aktiv, durch Frust, Haushaltsdebatten, und Wahlkämpfe an Sachzwängen ("`den Realitäten"') handelt oder deutlicher: systemkonform funktioniert und z.B. von den Aktionen der StudentInnen derart überrascht ist, daß es monatelang handlungsunfähig ist. Womit wir bei dem Klientel wären, dessen Interessen es denn zu vertreten gilt...
Vorstehend wird eine weitgehend passive StudentInnenschaft unterstellt, die Stellvertreterpolitik und abgehobene Strukturen fördert. An dieser Stelle soll nun die Frage nach dem "`Warum sind StudentInnen so?"' näher betrachtet werden.
1. Aktiv wird mensch dann, wenn er sich von einer Sache betroffen fühlt, sie einem wichtig ist. Natürlich betrifft den/die StudentIn die Uni, aber sie wird nicht als ein Lebensraum begriffen, den zu gestalten sich lohnt, sondern als eine Zwangseinrichtung, die für einen Beruf qualifiziert und die nur überstanden wird. Freiheit und Selbstbestimmung werden im Freizeitbereich gesucht.
2. Die Wenigen, die dachten nach der Schule endlich das Grundrecht von Freiheit zu Forschung und Lehre/Lernen genießen zu können, wurden schnell belehrt, daß sie nur an einer Hochschule (Schule mit höherem Anspruch, oder?) sind.
3. Die anderen Wenigen, die nicht nur nach Berufsqualifizierung schielen, verschwinden schnell im Wissenschaftsbetrieb und lernen dort sich anzupassen.
4. Die Meisten sind über Schule und Fernsehen so sozialisiert, daß politische Aktivität im Kreuzchenmachen bei Wahlen ihr Ende findet.
Am Dilemma studentischer Interessensvertretung wird sich folglich so schnell nichts ändern, d.h. sie wird weiter zwischen den selbstgesetzten Ansprüchen an Selbstorganisation und realer Stellvertreterpolitik lavieren, die im Laufe der Zeit zur Selbstverständlichkeit geworden ist und nirgends diskutiert wird. Sie wird weiter das Bedürfnis der StudentInnen nach Demokratie durch Wahlen befriedigen und trotzdem instrumentalisiertes Organ einer hochschulinternen Interessensabstimmung sein, in dem die StudentInnen die schwächste Lobby haben. Sie wird weiterhin versuchen die Uni als Lebensraum zu gestalten, eine kritische Wissenschaft zu fördern, auch wenn die meisten StudentInnen nur eine berufliche Qualifikation wollen. Sie wird weiter versuchen, materielle Interessen durchzusetzen und sie auf inhaltlicher Ebene weiter zu diskutieren, zu verbreiten, weil eine Behandlung von Symptomen Kosmetik ist, die Beseitigung von Ursachen aber Therapie.