Zur Umbenennung der 'Rampe'

[Die Umbenennung ist vollzogen, der Laden heißt Längst VEB Politik, Kunst & Unterhaltung.]

BASTA, 1.Ausgabe Winter-Semester 1989/90, Oktober '89

Nur weil etwas schon lange so ist, ist dies noch kein Grund, es nicht zu ändern!

Vorbemerkung

Für alle nicht- oder neu-SiegenerInnen sei angemerkt, daß es sich bei der Rampe um 1. einen Verein zur Förderung der Kleinkunst und Kultur im Siegerland (so ähnlich steht es in der Satzung) handelt und 2. ein Gebäude in der Marienbornerstraße 16 in Siegen geht, in dem der unter 1. genannte Verein seine Aktivitäten entwickelt.

Diese Aktivitäten bestehen in der Organisation von Konzerten, Lesungen, Theater und Filmveranstaltungen, sowie Informations- und Diskussionsveranstaltungen, sowie der Zurverfügungstellung von Räumen für politische Diskussionen, Treffen etc. Das Haus ist für jede und jeden offen, welche sich an die eisernen Grundsätze halten, die da sind: Veranstaltungen und Verhalten das sexistisch, rassistisch oder faschistisch ist, wird nicht geduldet. Soweit zu den Vorbemerkungen.

Zur Umbenennung der `Rampe'

C.Lanzmann: Hier also, wo wir stehen, das wird also die `Rampe' genannt? Oder? J.Avonski: Ja, das ist die Rampe, auf ihr wurden die Opfer ausgeladen, die für die Vernichtung vorgesehen waren. C.Lanzmann: Hier an dieser Stelle, wo wir uns befinden sind also 250 000 Juden angekommen, bevor sie vergast wurden... R.Vrbo (Überlebender von Auschwitz): Die Rampe war die Endstation der Züge, die in Auschwitz ankamen. Sie kamen Tag und Nacht, manchmal einer am Tag manchmal fünf, aus allen Himmelsrichtungen. Ich habe dort vom 18.8.42 bis zum 7.7.43 gearbeitet. Die Züge folgten aufeinander ohne Ende. Ich habe von meinem Posten auf der Rampe bestimmt 200 gesehen. Das ist schließlich Routine geworden. Unaufhörlich kamen die Leute von überallher am selben Ort an und alle, ohne das Schicksal der vorangegangenen Transporte zu kennen. Und ich wußte genau, daß von diesen Menschenmassen zwei Stunden später neunzig Prozent vergast sein würden, das wußte ich. (Aus Claude Lanzmann: Shoah) .

Die `Rampe', das war der Vorhof zur Hölle, der Eingang in eine Welt "in der nur noch gestorben wurde, in der es keinen, aber auch gar keinen Sinn mehr gab. Eine Welt, in der die Strafe den Unschuldigen mehr ereilte, als den Verbrecher und in welcher sich Verbrechen nicht auszahlen und von den Urhebern auch nicht einmal mit diesem Vorsatz begangen werden." (Hanah Arendt)

Auch wenn nun, nach fast 9 Jahren der Name `Rampe' in Erinnerung dessen, was z.B. in Auschwitz geschah, geändert wird, bleibt der Skandal der öffentlichen Akzeptanz dieses Namens. Ungebrochen scheint der Fluch "Nicht gedacht soll deiner werden", der noch heute über den Opfern des deutschen Faschismus liegt. Indem das Angedenken an die Toten getilgt werden soll ("Ein Volk, das diese wirtschaftliche Leistung vollbracht hat, hat ein Recht von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen", F.J.Strauss), wird das Werk der Nazis erst vollendet. Walter Benjamin schrieb: "Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört."

Ob diese, unsere Erinnerung das Schicksal ereilt, eine vergebliche, eine folgenlose zu sein, ist ungewiß in Zeiten, in denen von der CDU bis zu den GRÜNEN alle den Kapitalismus modernisieren wollen und das Diktum Horkheimers "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen" fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist.

Nachbemerkung

Die Umbenennung heißt nicht, daß jetzt neun Jahre Geschichte abgeschlossen und erledigt sind. Im Gegenteil, die Umbenennung ist Ergebnis einer langen Auseinandersetzung, die ihren Abschluß noch nicht gefunden hat. Die Umbenennung heißt nicht, daß die bisherigen Veranstaltungen schlecht, die bisherige Arbeit falsch oder ehemalige MacherInnen unfähig waren. Die schon in der Vorbemerkung genannten Grundsätze waren auch schon in der Vergangenheit gültig. Die Umbenennung heißt, daß mensch in einem langen, offenen und solidarischen Diskussionsprozeß die Notwendigkeit der Umbenennung erkannt hat und diese Entscheidung auch nach außen trägt.