Es war einmal... Ein Märchen über Wohnungsnot in Siegen

BASTA, 1.Ausgabe Winter-Semester 1989/90, Oktober '89

Und es begab sich zu einer Zeit, daß sich die kleine und fast gar nicht überlastete Siegener Gesamthochschule überlegte, es wäre doch ganz nett, nochmal gut 2.000 Erstsemester ins Siegerland zu holen.

Gesagt, getan. Und die ZVS in Dortmund war glücklich, endlich wieder die Würfel rotieren zu lassen, und würfelte. Wie sich erst später herausstellte, waren die Würfel der Ansicht, daß die Durchschnittsentfernung dieser frischen StudienanfängerInnen von Siegen zu ihrem Heimatwohnort 400 Kilometer nicht unterschreiten sollte.

Und die Verwaltung jener kleinen Gesamthochschule freute sich, sollte Siegen doch erstmals in den StudentInnenzahlen die 10.000er-Marke überschreiten und nicht mehr ein Schattendasein führen müssen hinter jenen Hochschulen, die weit jenseits der Zehntausend lagen.

Doch die Freude der Verwalter währte nicht lange: erdreistete sich da doch der ungeliebte AStA, nicht nur ihnen gegenüber, sondern auch öffentlich zu erklären, es gebe Wohnungsnot (!) im gemütlichen und beschaulichen Siegerland. Da gebe es doch, so der skrupellose AStA in seinen Verlautbarungen, Erstsemester, die auf absehbare Zeit im näheren Umkreis von lächerlichen 100 Kilometern kein Zimmer finden würden.

Nicht genug der Dreistigkeiten: wagte jener verrufene AStA doch, die geplagte Verwaltung auf die soziale Verantwortung der Hochschule und der StudentInnenschaft anzusprechen und die Forderung zu erheben, die Verwalter sollten diesem AStA alles ermöglichen, Notunterkünfte für die Wohnungslosen bereitzustellen. Und dann auch noch in der Hochschule, die doch, wie jedeR wissen müßte, nicht dem Übernachten, sondern Forschung und Lehre dienen soll! Entweihung der Heiligen Hallen, hieß es empört im Verwaltungsgebäude im Siegener Herrengarten.

Zunächst auch scheinbar verzückt von soviel Dreistigkeit, kamen denn auch zwei Beamte (die im allgemeinen bisher nicht durch anarchistische Umtriebe auffielen), die Räume der StudentInnenschaft zu begutachten, die als Notquatiere vorgesehen waren kamen, sahen, befürworteten und gingen wieder mit der Zusage, schon bald könne mit dem Bezug der Notquartiere begonnen werden.

Doch am selben Tag noch ging bei dem AStA, der händereibend bereits alle Vorbereitungen getroffen hatte, das Telefon am anderen Ende der höherrangige der beiden Besichtigungsbeamten, seiner Irrlehre abschwörend und alle Zusagen widerrufend. Gerüchte lauten, kurz vorher habe der Halbkanzler Dr. Hamburger (Name von der Redaktion geändert), Verwalter zweithöchsten Ranges, die ganze Angelegenheit ob des Ketzertums zur Chefsache deklariert und sich und seinem Vorgesetzten die Entscheidung vorbehalten, weiterhin unseren gutwilligen Besichtigungsbeamten angewiesen, an allen Hochschulen im Lande Nordrhein-Westfalen (denn dort lag die nicht mehr so kleine Siegener Gesamthochschule) anzufragen, ob dort eine angebliche Wohnungsnot herrsche und wie eventuell dort damit umgegangen werde. Der AStA habe auszuharren und eine Entscheidung der höchsten Etage abzuwarten, verlautete aus dem Verwaltungsgebäude. Doch nun gab der AStA getreu der Devise "Ist der Ruf ruiniert, einquartiert sich's gänzlich ungeniert" keine Ruhe, griff seinerseits zum geplagten Telefon und versuchte, direkt mit dem Verwalter höheren Weihe zu verhandeln, der daraufhin empfahl, das zuständige Studentenwerk solle doch dafür sorgen, daß die Wohnungssuchenden auf den Gängen der Wohnheime und auf Krankenhausfluren (kein Witz, Anm. der Red.) unterkämen. Das sei jedoch weder Aufgabe seiner Verwaltung noch der StudentInnenschaft. Wie zufällig schienen sich aber beständig bei den mehrmaligen Telefonaten des keine Ruhe gebenden AStA mit Herrn Dr. Hamburger atmosphärische Störungen oder die Auswirkungen von Sabotageakten in die Leitung einzuschleichen, die den armen Dr. Hamburger dazu veranlaßten, den Hörer aufzulegen, so daß eine ernsthafte Kommunikation mangels der Funktion der Telefonanlage nicht möglich war. Doch einige Fetzen hatten die AStA-Leute doch verstanden, wie Unterbringung in den Gängen der Wohnheime und auf Krankenhausfluren. Sie mochten zwar nicht recht glauben, daß dies eine praktikable Lösung sei, aber um der unfehlbaren Instanz nicht noch einmal zu widersprechen, ließen sie wiederum die Telefondrähte glühen (wobei übrigens die Fehler durch "atmosphärische Störungen" und "Sabotage" nicht wieder auftraten. So telefonierte mensch mit den ortsansässigen Krankenhäusern und erntete dort für den Vorschlag, doch die Krankenhausflure für StudentInnenschlafsäcke frei zu geben, unverständige Reaktion: einem Krankenhausverwaltungschef verschlug es glatt die Sprache, bei zwei anderen hörte mensch nur schallendes Gelächter. Frustriert über die mangelnde Loyalität von Krankenhaus-Verwaltungschefs im Siegerland gegenüber der unfehlbaren Instanz Hochschulverwaltung gaben die AStAler diese vorgeschlagenen Variante auf und bemühten sich, beim Studentenwerk wenigstens Wohnheimgänge zu ergattern, bekamen aber nur die Auskunft, dies sei nicht zumutbar und im übrigen seien auch bereits einige Notplätze eingerichtet (von zehn Stück wurde gemunkelt). Auch hier also nur ketzerische Gedanken, nicht einmal der Versuch, den Vorschlag des Halbkanzlers auch nur ernsthaft zu überdenken. Abgestoßen von soviel Dreistigkeit von anderer Seite, besann sich auch unser AStA auf seine ursprüngliche Dreistigkeit zurück, holte Matratzen aus allen Richtungen zusammen (sofern noch welche vorhanden waren, da durch die DDR-ÜbersiedlerInnen bereits etliche andere Unterkünfte in den Ausnahmezustand versetzt wurden und absolute Betten- und Matratzensperre verhängten) und quartierte ein...

Etwaige Übereinstimmungen mit tatsächlichen Ereignissen oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind keineswegs zufällig.