Vom Kongreß zum Bierstand

BASTA, 2.Ausgabe Sommer-Semester 1989, Mai '89

Zur Situation an den Hochschulen im Sommmersemester

War das Wintersemester '88/89 von Streiks, Besetzungen, Demos und Aktionen unzufriedener StudentInnen geprägt, die viele zu Assoziationen mit längst vergangenen Hochzeiten studentischer Kritik und Unruhe veranlaßte, so lichtet sich nun langsam der Schleier studentischer Selbstüberschätzung und der trübe hochschulpolitische Alltag bricht wieder durch.

Von der vielgelobten und -beschworenen basisnahen Selbstorganisation sind nur noch die letzten Zuckungen zu verspüren. Wer heute, das heißt im Sommersemester 1989 aktiv ist und diese Einschätzung trifft nicht nur für Siegen zu, sind die Kader und leitenden Personen der dahingeschiedenen Streikbewegung. Diese Menschen versuchten, unter nicht unerheblichem persönlichen Einsatz, die Diskussion am Laufen zu halten, zum Teil über sehr aufwendige Projekte `kritische Uni', in denen auch zu Teil sehr grundsätzlich die Rolle von Hochschule und Wissenschaft in der Gesellschaft diskutiert wird.

Ein weiterer Versuch auch bundesweit die Diskussion über die Rolle der Hochschule weiterzuführen, sind eine Reihe von StudentInnen-Kongressen. Den Auftakt dieser Kongressreihe bildete der überregionale StudentInnenkongreß vom 21. - 23. April '89 in Bremen. Schwerpunkte des Kongresses waren Rückblick und Auswertung der Aktivitäten im Wintersemester '88/89, sowie inhaltliche Diskussionen zu Uni und Gesellschaft, kritische Wissenschaft, sowie Staat und Widerstand. Sehr breiten Raum nahm die Auswertungsdiskussion ein, hier war vor allem der Politisierungsgrad der Streikenden umstritten, das heißt, wie weit die Streikforderungen rein ständischer Natur waren, sprich nur die materiell Ebene tangierten. Weiterer wichtiger Diskussionspunkt war das Versagen der institutionalisierten Gremien, also ASten sowie des VDS und der etablierten politischen Hochschulorganisationen. Hierzu gilt zu bemerken, daß ohne dieses Versagen, die dagewesene Organisationsform (Räte, Koordinationen, Vollversammlungen) nicht möglich gewesen wäre, aber auch der rapide Verfall der Streikorganisation auf das Fehlen "klassischer" Organisationen zurückgeführt werden kann. Frage war, welche Rolle sich als Linke verstehende Menschen (und alle in Bremen anwesenden Männer und Frauen definierten sich als Linke) während solcher Streiks spielen sollen und wie ein größerer Politisierungsgrad der Studis erreicht werden kann, damit ein dauerhafter Diskussionsprozeß über Hochschulpolitik und die Politik aus der Hochschule erfolgen kann. Die inhaltliche Diskussion zu Uni und Gesellschaft orientierte sich im wesentlichen am Modell der kritischen Universität. Interessant war diese Auseinandersetzung auch dadurch, das Menschen anwesend waren, die bereits den Diskussionsprozeß 1967 verfolgt haben und deshalb auch im Rückblick wichtige Hinweise geben konnten. Alles in allem bot der Kongreß in Bremen interessante Diskussionsansätze, welche es noch weiterzuentwickeln gilt.

Die Resonanz auf den Kongreß war, vor allem für die VeranstalterInnen, die sich ausgesprochen viel Mühe mit dem Programm gegeben haben, enttäuschend. Nur ca. 150 Menschen aus Unis von Würzburg bis Kiel nahmen an dem Kongreß teil. Sieht mensch jedoch den Bremer Kongreß als Anfang einer längeren inhaltlichen Auseinandersetzung, so war der Start durchaus gelungen.