BASTA, 2.Ausgabe Sommer-Semester 1989, Mai '89
Mit der für das Siegerland üblichen Verspätung, kommt nun auch die Region Siegen in den Genuß eines kommerziell betriebenen Lokalfunks. Ab 1990 soll von einer Betreibergesellschaft, hier ist von Mehrheiten der Siegener Zeitung und Beteiligung der WAZ die Rede, was schon viel befürchten läßt, 5 Stunden tägliches Programm gesendet werden. Die restlichen 19 Stunden werden vermutlich seichtes Rahmenprogramm sein.
Einrichtungen aus der hiesigen Region, so sie denn gesellschaftlich relevant sind, können sich an dem fünfstündigen Programm mit eigenen Beiträgen beteiligen. Diese gesellschaftliche Relevanz wird bei der Siegener Gesamthochschule angenommen, so könnte sie also, wenn sie wollte. Der Senat der GH Siegen hat auf seiner Sitzung vom 8. Mai '89 beschlossen, daß die Gesamthochschule will. Wie es zu dieser Entscheidung kam, sei hier aus der voll subjektiven Sicht des AStA geschildert. Am Donnerstag, den 27. April '89 fand an der Hochschule ein Gespräch statt, zu dem sämtliche Fachbereiche, die Personalräte, Frauenbeauftragte, Graduiertenkolleg, AStA etc. geladen waren. Auf diesem Treffen wurde, zumindest dem AStA, zum ersten Mal "öffentlich" die Absicht der GH Siegen bekanntgegeben, sich am entstehenden Lokalfunk zu beteiligen. Daß diese Absicht nicht nur Absicht, sondern bereits mehr oder minder fertiger Beschluß ist, wurde wohl bereits in einem Gespräch in erlauchtem Kreise am 19. April '89 im Rektorat der Siegener Hochschule festgelegt.
So wurde auf dem Treffen am 27. April, das ausdrücklich der Transparenz der gesamten Rundfunkentscheidung dienen sollte, auch nicht mehr über Sinn und Unsinn des Lokalradios diskutiert, geschweige denn diskutiert, welche Rolle Radio in der Gesellschaft überhaupt spielt und wie Hochschule hier eingreifen kann. Die gesamte Radiodiskussion seit Mitte der 70er Jahre spielte hier keine Rolle, obwohl es selbst in Siegen damit Erfahrungen gab (siehe EXX ehemals Arbeiterkind, Nr.4). Sie durfte auch keine Rolle spielen, weil selbstgeschaffenen Sachzwänge eine schnelle Entscheidung nötig machten (oder weiß man tatsächlich erst seit April '89 vom Lokalradioprojekt?). Die Zeit drängte also, bis Ende Mai muß ein Antrag gestellt werden, da sind lange Diskussionen nur hinderlich. Somit ging es beim donnerstäglichen Treffen auch nur noch um Technics, sprich Sendezeit und Optionen auf diese, sowie die Frage, wer denn die ganze Arbeit macht und woher das Geld kommen soll.
Und was soll mit dem Radio erreicht werden? Werbung natürlich, Werbung für die GH Siegen, das heißt Werbung um mehr Studis und mehr Drittmittel, quasi die Hochschulzeitung aus dem Äther. Au Backe, wie langweilig, wird jetzt sicher die eine oder andere denken. Richtig, dieser Einwand fiel am 27.4. auch, daß die Selbstdarstellung der GH Siegen in den Printmedien nicht gerade berauschend ist. Aber eine Analyse des `Warum' wollte niemand erzwingen (führen vielleicht schon) und so wird ohne Analyse ins Experiment Radio gestartet, mit der Hoffnung, daß trotz alter Strukturen alles neu und besser wird.
Einen Vorteil hat die Radiogeschichte natürlich. Vielleicht dürfen die zukünftigen StudentInnen des Medienstudienganges auch einmal an den Knöpfchen drehen, mit denen Radio gemacht wird. Vorausgesetzt es handelt sich bei der Hochschulbeteiligung am Lokalradio nicht um das selbe Symptom wie bei der Modelleisenbahn fürs Kinde.