Gegenöffentlichkeit am Beispiel der 'taz'

Diskussionsveranstaltung mit Oliver Tolmein, Do. 8. Juni, 19 Uhr im Kultur-Cafe (AR-H 109)

In diesen Tagen feiert die Berliner Tageszeitung `taz' ihr zehnjähriges Jubiläum. Anlaß genug um über unerfüllte Wünsche und Erwartungen nachzudenken. Oliver Tolmein und Detlef zum Winkel schreiben dazu im Vorwort ihres neuen Buches `Tazsachen, Krallen zeigen und Pfötchen geben': "Täglich eine linke radikale Zeitung wurde taz-Interessierten 1978 versprochen. Nach wie vor klingt es verheißungsvoll, nach wie vor begeistert der Gedanke, was wäre, wenn es ein solches Blatt gäbe. Heute wirbt Chefredakteurin Tornow damit, daß die taz radikales Trendsetting für die 90er Jahre betreibe. Dazwischen sind mehr als zweieinhalbtausend Ausgaben vollgeschrieben und veröffentlicht worden, Dutzende von RedakteurInnen, SetzerInnen, BuchhalterInnen und Werbemenschen haben in dem Projekt gearbeitet und wieder gekündigt, fast vollständig hat der Kreis der AbonnentInnen gewechselt. Akademische Abhandlungen, Anekdotensammlungen und Fotobände ließen sich über die taz herausbringen. Wir haben eine Kritik versucht: Wenn sie schärfer ausgefallen ist, als wir anfangs dachten, liegt es nicht zuletzt am Gegenstand der Untersuchung. Die Kritik erfolgt aus einer linken Position, sie ist parteilich."

Und diese Kritik ist sehr ernüchternd! Viele An- und Vorsätze in der taz wurden schon früh wieder fallengelassen, das Konzept der Basisberichterstattung, gerade in einer Zeit der Nachrichtensperre und Terrorismushysterie Mitte der 70er Jahre immer wieder eingefordert, wurde von den taz-MacherInnen eigentlich nie ganz ernst genommen, was damals wie heute zu Konflikten und Besetzungen führt.

Wir wollen am 8. Juni mit Oliver Tolmein die gesellschaftlichen Bedingungen zur Gründungszeit der taz, die Ideen und Wünsche, die hinter diesem Projekt standen, aufarbeiten. Und wie hat sich die Situation seit damals verändert, innerhalb und außerhalb der Zeitung? Scheinbar ist die Medienvielfalt größer geworden, doch ist die öffentliche Meinung noch fest in der Hand weniger Zaren, wird Staatskritik weiterhin massiv unterdrückt. Jede linke Zeitung hat heute ständig staatliche Repression zu befürchten, Durchsuchungen und Zensur sind gang und gäbe. Ob Unterstützung, bzw. Werbung für eine terroristische Vereinigung oder Verunglimpfung des deutschen Staates, ein Vorwand findet sich immer. Die ständige Kriminalisierung, die auch auf Drucker, Händler und nicht zuletzt Leser (zeigt kriminelle Gesinnung!) ausgedehnt wird, bewirkt schnell die Schere im Kopf. Jede kritische Auseinandersetzung mit den herrschenden Machtverhältnissen und (Staats-)Gewalt wird so wirkungsvoll unterdrückt. Trotzdem gab und gibt es immer wieder den Versuch, Gegenöffentlichkeit aufzubauen, authentische Berichterstattung zu leisten. Aktuelle Beispiele sind das `Hungerstreikinfo', herausgegeben von den Angehörigen der politischen Gefangenen in der BRD oder die `clockwork 129a', herausgegeben von Katja Layrer und Oliver Tolmein. Aus erster Hand wird somit Oliver Tolmein am 8. Juni über die Erfahrungen mit der `clockwork 129a' berichten können, die von vielen Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen im ganzen Bundesgebiet verteilt wird und über den `Wecker'-Prozeß gegen Ingrid Strobl und andere § 129a- Verfahren informiert. Ansichtmaterial liegt auch im AStA aus.