Gaudeamus Igitur

VOLLSTOFF, 3.Ausgabe, Januar '89

Einige Gedanken zum studentischen Selbstverständnis

Die Hochschule ist wieder zum Thema geworden. Bundesweit sind StudentInnen aktiv geworden und haben bei den Verantwortlichen bessere Studienbedingungen eingefordert. Ging es zunächst nur um materielle Forderungen wie mehr Laborplätze oder mehr Bücher in die UB, wurde recht schnell deutlich, daß im Zusammenhang mit den materiellen Forderungen auch qualitative Aspekte eines Studiums diskutiert werden müssen.

Quality street

Bevor aber äqualitative Reformen wie Fragen der Studieninhalte, der Studienorganisation und der Mitbestimmung konkret erarbeitet werden können, müssen grundsätzlich die Ansprüche an ein Studium geklärt werden. Das kann in zweierlei Hinsicht geklärt werden. Erstens, was will ich mit meinem Studium; zweitens wie fülle ich meine soziale Rolle als StudentIn aus.

after eight

Die Frage nach dem "Danach", was kommt nach dem Studium, wird von verschiedenen StudentInnentypen unterschiedlich beantwortet.

DER/DIE OPPORTUNIST/IN

"Alle anderen studieren auch. Wenn Ich nicht studiere, krieg ich nicht mal eine Stelle, die heute noch mann/frau hat."

DER/DIE KARRIERIST/IN

"Ich will mal `ne Menge Geld verdienen. Da muß ich halt ganz oben mitschwimmen und kann auch keine Rücksicht nehmen."

Für diese Beiden ist die Hochschule nur Durchlauferhitzer, nur Stätte der Ausbildung. Im Klartext heißt das, diese beiden Typen wollen eine Ausbildung, die sie für den Einsatz unter kapitalistischen Verwertungsbedingungen vorbereitet. (Folge: Scheuklappenstudium, Ellenbogenmentalität und Zahnausfall; deshalb: Finger weg?) Traurig, aber Opportunisten und Karrieristen und Innen sind ja nun nicht alleine an der Hochschule:

DER/DIE TRAEUMER/IN

"Ich studiere so für mich, für meine Selbstentfaltung, weil ich was über mich `rauskriegen' will, ne?"

DER/DIE EWIGE NÖRGLER/IN

"In dieser Gesellschaft läuft soviel Mist und deshalb möchte ich wissen, wie diese Gesellschaft funktioniert,, damit ich später, egal wo oder was ich arbeite, die Hebel in Bewegung setzen kann, um etwas zu verändern. Ich werde Akademiker, weil ich damit an Schaltstellen der Gesellschaft komme." (Folge: nix Schaltstellen, dafür Knast. Auch hier: Finger weg, wenn ihr nicht in irgendeinen Himmel kommen wollt.)

Education, why?

Jeder dieser vier Typen hat seine Berechtigung. In einer Gesellschaft, in der sozialer Aufstieg hauptsächlich über Bildung möglich ist, kann es niemandem übelgenommen werden, wenn er/sie Bildung nur unter diesem Aspekt sieht. Aber das verengt die Frage "Bildung" ins Perverse. In einer modernen Gesellschaft, die ihr Gesicht immer schneller ändert, ist Bildung, das Wissen um Folgen, das Einschätzen- können von Prozessen ein Wert an sich. Hier liegt die gesellschaftliche Funktion von Akademikern. Sie verfügen über hochspezialisiertes, hochqualifiziertes Wissen und sind damit quasi Ingenieure gesellschaftlichen Fortschritts. Das aber fordert auch andere Studieninhalte, denn, um im Bild zu bleiben: Was ist ein Ingenieur, der keine Alternative hat? Er ist nur ausführendes Organ derer, die ihm die Alternative vorschreiben. Er ist Objekt; unkreativ, abhängig und ersetzbar. So sollte denn unabhängig von dem späteren Berufsbild, das einer/einem vorschwebt, ein Interesse daran bestehen auch andere Studieninhalte, die außerhalb der herrschenden Linie von Anwendung und Nutzung liegen, zumindest kennenzulernen, wenn nicht sogar zu studieren. So können aus der Diskussion um das, was nach dem Studium kommen soll, heraus Ansprüche an ein Studium entwickelt werden, die zur Zeit noch nicht eingelöst werden können. Neben Fragen der Studieninhalte müssen in diesem Spannungsfeld auch Fragen der Studienorganisation und der Mitbestimmung verhandelt werden.

Prinzenrolle

Die vorstehend behandelten Fragen richten sich eher an Fragen des Studiums an sich. Im Folgenden geht es darum, wie wir unsere soziale Rolle als StudentInnen ausfüllen können.