Selbstorganisierte Seminare

VOLLSTOFF, 3.Ausgabe, Januar '89

Was sind selbstorganisierte Seminare? Welche Möglichkeiten bieten sie?

Wie der Name schon besagt, werden selbstorganisierte Seminare meist von StudentInnen angeboten, die ein großes Interesse an einem Themengebiet haben und seit längerer Zeit daran arbeiten. Oft handelt es sich um Inhalte und Probleme, die im üblichen universitären Angebot nicht enthalten sind, da sie von den Herrschenden als unwichtig oder störend empfunden werden. Vor allem wohl, weil sie den wissenschaftlichen Alltag nicht blind reproduzieren und sich somit als nicht sonderlich systemstabilisierend erweisen. Veranstaltungen die allgemeine gesellschaftliche Probleme nicht nur systemtheoretisch thematisieren (Gruß Herrn Luhmann), sich intensiv mit Faktizitäten sogenannter Randgruppen beschäftigen, andere Forschungsansätze und Wissenschaftsinhalte diskutieren, über Themen und Objekte forschen die nicht direkt industriell ausschlachtbar sind, oder einfach interdisziplinär angelegt sind, werden innerhalb der straffen Studienbedingungen mit vielen Vorbehalten beäugt. Selbstorganisierte Seminare bieten aber nicht nur andere Inhalte, sondern vor allem auch andere Lehr- und Lernformen als in gewöhnlichen Seminaren. Vorne sitzt nicht der große Macher, der die Stunde straff leitet und die ganze Zeit redet, sowie Diskussionen auf das gewünschte Maß zurückschneidet. In einem selbstorganisierten Seminar sind dagegen die Eigeninitiative und das Engagement gefordert, die TeilnehmerInnen bestimmen weitgehend innerhalb des Überthemas die einzelnen Gespräche, Forschungsansätze, etc. selbst. Deshalb leben diese Veranstaltungen von Diskurs und Dialog, nicht dem Monolog eines einzelnen. Sie sind eine alternative Lehr- und Lernform, die es für uns wiederzuentdecken gilt! Viele von uns werden noch gar keine Erfahrungen mit selbstorganisierten Seminaren gemacht haben, denn die verschärften Studienbedingungen und Studienordnungen, sowie Bafögkürzungen, etc. zeitigen ein immer mehr verschultes Studium, in dem in immer kürzerer Zeit immer mehr Leistungsnachweise, Praktika, Sprachkurse und Zwischenprüfungen verlangt werden. Das bedeutet für die meisten von uns nicht nur beständigen Studienstreß, sondern eben auch, daß wir immer weniger Zeit haben um z.B. selbstorganisierte Seminare wahrnehmen zu können.

Dabei geht uns eine Menge Selbständigkeit, Kreativität und Selbstbewußtsein verloren! Viele sind es nicht mehr gewohnt Veranstaltungen kreativ mitzugestalten, Dialoge zu führen, zu experimentieren, angstfrei zu reden und zu arbeiten. Allzu oft richten wir uns im bestehenden System ein, ohne es kritisch zu hinterfragen und uns Alternativen klarzumachen. Deshalb sollten wir uns für Räume und Zeit einsetzen, damit wieder selbstorganisierte Seminare stattfinden können und für uns selbstverständlich werden. Eine Verankerung kann für uns aber nicht das Ende unserer Forderungen nach mehr Mitbestimmung, Interdisziplinarität, Erweiterung der Lehrinhalte und gegen den Fächer- und Stellenabbau bedeuten.