VOLLSTOFF, 3.Ausgabe, Januar '89
Unter der Siegener Studentenschaft wurde während der Streikaktionen im WS 88/89 der Ruf nach, nach was eigentlich, Monolog, Dialog, Prolog, Epilog, etc., mit Politikern laut. Und was heißt hier Politikern, unter der Ministerebene läuft nix, Anke Brunn soll vom AStA hergekarrt werden, ad hoc hätte es auch Forschungsminister Riesenhuber getan, Hauptsache der Mensch ist bekannt durch Funk, Fernsehen und Bildzeitung. Doch die Frage sei erlaubt, was soll das, Politikern zuhören zu wollen, bei ihren Sonntagsreden, aber bitte live und zu einer günstigen Stunde. Greift hier die von BRD-Friedensaktivisten geschürte Illusion, wenn wir schön brav sind, lieb bitte, bitte sagen und uns anschließend noch nett an den Händen halten ('ne Menschenkette vom Audi-Max zur Aula wäre doch 'ne tolle Idee), macht Tante Anke alles wieder gut, oder zumindest das was wir wollen. Aber nein, dieser Illusion gibt sich der akademische Nachwuchs (Auswuchs?) natürlich nicht hin! Er will nur etwas hören, was er auch nachlesen könnte, quasi eine Politikervorlesung mit gegenseitigem Bestaunen. "Mit Politik hat dies nichts zu tun", ist an dieser Stelle eine falsche Aussage, denn natürlich ist alles politisch, auch die vehemente Ablehnung kritischer politischer Positionen durch die Mehrheit (?) der StudentInnen an der GH Siegen. Dies ist eine höchstpolitische Haltung, die Haltung der Herrschenden. Wer schon die Streikzeitung Vollstoff als zu politisch kritisiert, ist selbstverständlich politisch, er oder sie will nur keine Auseinandersetzung über die Verhältnisse, die herrschenden. Aus dieser soeben beschriebenen Haltung heraus kommt auch der Wunsch nach dem Liveauftritt von Politikern an der GH, ohne genau zu wissen, was man von ihnen (den Politikern) eigentlich will und somit nur Statisten für ihre mediengerechte Selbstdarstellung abgibt, von wegen Dialog mit dem Bürger oder so. Wer so Politik betreibt wird keinen langen Atem brauchen, 1. weil man eh auf dem Zug der Herrschenden mitfährt, oder 2. weil man in seiner Naivität vom Zug aus Punkt 1. in Null Komma Nix überrollt wird. Denn, was prägt denn so einen Politiker? Schon früh lernen wir an der Hochschule "Der Schein bestimmt das Bewußtsein!". So auch hier. Anke Brunn, nur so als Beispiel, denn sie ist beliebig ersetzbar, bekommt viele Scheine, sagen wir mal so ca. 10 im Monat. Wohlgemerkt, in diesem Fall ist die Rede von 1.000,- DM- Scheinen. (Wir wollen an dieser Stelle nicht über ein paar Mark hin oder her streiten, sondern nur feststellen, der Job lohnt sich erstmal.) Für die Scheine muß sie (oder er), wie jeder Student, Leistung nachweisen. Ihre Leistung besteht darin, die Wissenschaftsfabrik, auch Hochschule genannt, am Laufen zu halten. Das heißt, mit vorgegebenen Geldmitteln die maximalen StudentInnenzahlen durch die Hochschulen zu schleusen, ohne daß dies den industriell verwertbaren Forschungsbetrieb allzu sehr behindert. Dies führt natürlich zu Schwierigkeiten. Da muß hier etwas BAFöG gestrichen, dort eine Stelle nichtbesetzt und auch im Sozialbereich gespart werden, um den StudentInnenberg zu schleifen. So kommt zwar unter den StudentInnen Unruhe auf, aber flugs auf Einladung des AStA ein paar rhetorisch wohl geschliffene und beruhigende Worte an die Massen gerichtet und ansonsten auf die (selbstgeschaffenen) Sachzwänge verwiesen. So kehrt die Uniruhe wieder ein und wenn dies alles nichts hilft, dann hilft die Polizei. Um es mit anderen Worten zu sagen: bei Gesprächen mit Politiker ist im Voraus zu fragen, wer monologisiert mit wem, an wessen Tisch, in wessen Haus, über wessen Themen und verkündet das Ergebnis in wessen Medien. Noch Fragen?