VOLLSTOFF, 3.Ausgabe, Januar '89
So der Titel der von Frau Dr. Böhmer begleiteten Veranstaltung am Streiktag. In dem sehr gut besuchten Seminar entstand nach anfänglichem Informationsnach-holbedarf bezüglich des jüngst gewählten Frauenrates und der, demnächst von diesem zu wählenden Frauenbeauftragten recht schnell eine rege Diskussion unter den TeilnehmerInnen. Zunächst ging es um die herrschende Wissenschaftssprache und deren Ausgrenzung von Frauen und ihrer Historie. Darüber hinaus wurde deutlich, daß Frauen die diese Sprache nicht für sich übernehmen oder nur nicht bereit sind, jede simple Aussage in entsprechende Fachtermini zu formulieren, als subjektiv und emotional abgetan werden. Ihre Beiträge werden häufig mit dem Begriff "Lebenshilfe" vom Tisch gefegt, die gewünschte Sprache von Männern diktiert. Anerkennung, so die allgemein geäußerte Erfahrung, ist für Frauen nur bei Gebrauch der männlich wissenschaftlichen Sprache möglich, egal wie abgehoben oder hohl sie sich zeigt.
Ebenso kam die Erfahrung vieler Frauen zur Sprache (welche bekannte Forschungsergebnisse unterstreichen), daß Frauen nicht soviel Redezeit zugebilligt werde wie Männern, man ihnen nicht so aufmerksam zuhöre und sie viel häufiger unterbreche oder sogar abwürge, wenn sie ausführlicher einen Sachverhalt darlegen. Männern hingegen werde eher zugebilligt aus- und abzuschweifen, als hätten sie per se Wesentliches zu sagen. Die herrschende Wissenschaftssprache bildet somit eine Macht, die von Frauen besonders als solche empfunden wird. Das bedeutet für den wissenschaftlichen Alltag von Frauen, unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Status, ständige Auseinandersetzungen, Engagement und Kampf, dabei trotz allem der Versuch, keine Fronten zu bilden. Es ist eine "Gradwanderung für die eigenen Rechte und Belange!"
Desweiteren wurde die Frage diskutiert, warum an allen Hochschulen in der BRD der prozentuale Anteil der Frauen abnimmt, je höher der Abschlußgrad oder die Stellung ist. (An dieser Uni ist der Frauenanteil an C 4 Professuren 2%) Viele "Grundsteine" die schon in der Familie durch geschlechtsspezifische Erziehung gelegt werden, finden ihre Manifestierung in Grund- und Weiterführenden Schulen, so der allgemeine Konsens. Dabei wurde von allem als spezifisch interalisierte Verhaltensweisen der Mädchen und Jungen Frauen die Beschränkung auf reproduktive Tätigkeiten, Hervorhebung der Sprachausbildung, Passivität, Zurückstellung der eigenen Belange genannt, aber auch die frühzeitig beginnende Ausrichtung auf Familie und Zurückstellung von Bildungs- und Berufsansprüchen. Ebenso genannt wurde der Punkt, daß bereits Mädchen beigebracht bekommen, daß sie ein von Männern akzeptiertes Äußeres und ein stilles Lächeln an `passender' Stelle weiterbringt, als z.B. selbstbewußtes Auftreten und ein nicht von der Mode diktiertes Erscheinungsbild.
In welch mannigfaltigen Formen sich das von Männern geschaffene Frauenbild in Gesellschaft und Hochschule, teils subtil, teils unverblümt offen widerspiegelt, bildete zunächst den thematischen Abschluß der Veranstaltung. Innerhalb der einzelnen Themen wurde immer wieder deutlich, daß viele Frauen sich mit ihren Anliegen, Interessen und Problemen an unserer Hochschule vereinzelt fühlen, daß sie ein fortdauerndes Gesprächsforum wünschen. Deshalb kam auch die Frage nach dem autonomen Frauenreferat und seinen Arbeitsbereichen auf. Dieses von vielen Frauen bisher nicht genutzte Forum befindet sich momentan in einem "Generationswechsel", so daß ab dem Sommersemester '89 nur noch wenige Frauen die Arbeit fortführen können. Das starke Interesse vieler anwesender Frauen macht es hoffentlich wieder möglich, über die unabhängige Einrichtung des Frauenreferats Gesprächs- und Arbeitsforum sein zu können und darüber hinaus neue Arbeitsweisen zu entwickeln, die "Abgrenzungen und Ausgrenzungen" (die viele zu recht bemängelten) aufzuheben, da sie den heutigen hochschulpolitischen Belangen gerade auch im feministischen Bereich oft nicht mehr gerecht werden. Ein Einwirkung auf Arbeit und Besetzung des AStA, Gestaltung von selbstorganisierten Seminaren, Archivierung von Arbeiten über Frauenthemen, Bücher und Zeitungsarchivausbau, Veranstaltungsplanungen und regelmäßige Öffnungszeiten des Büros (damit wir wirklich Gesprächsforum sein können), sind wesentliche Ansätze! Auf reges Interesse stieß auch die Arbeit der Gruppe `fem-force', die sich seit längerem mit feministischer Wissenschaftskritik beschäftigt und somit eine Weiterführung der alternativen Veranstaltung sein könnte. Sie trifft sich regelmäßig im Raum des Frauenreferats. Wer im Wissenschaftsbetrieb fortkommen und Karriere machen will, hat als Frau nur zwei Alternativen: sich den patriarchalischen Strukturen unterzuordnen, oder gegen sie anzukämpfen!