Der Schein, das Sein und das Bewußtsein

[Teile dieses Textes finden sich als Histörchen in der DLL-Wahlplattform 1999.]

VOLLSTOFF, 3.Ausgabe, Januar '89

How it was

Eine Woche nach dem Streik. Normaler Unibetrieb. Es scheint so, als ob es diesen Streik niemals gegeben hätte. Aber der Schein trügt. Es hat sich sehr wohl etwas getan. Dieser Artikel soll beleuchten, wie diese Veränderungen aussehen.

Betrachten wir zunächst die Situation zum Jahresende '88. Auf der einen Seite stehen die institutionalisierten, studentischen Interessensvertretungen (AStA, StuPa und Fachschaftsräte), die mit Personalmangel und wenig Verankerung in der Basis auskommen müssen. Auf der anderen Seite steht/liegt/studiert ebenjene Basis, die StudentInnen. Sie studieren so leise wie möglich vor sich hin und versuchen mit den teilweise miesen Studienbedingungen zurecht zu kommen. Widerstand zwecklos? Trotzdem erscheinen am 19.01. etwa 600 Studierende zur GVV (Gesamtvollversammlung), beraten über die Situation und beschließen einen Streiktag durchzuführen. Ein Streikrat gründet sich. Ausdruck diffusen Unbehagens? Protest? Neugier? Alle anderen streiken wir auch ? Sicher von allem etwas. Eine Woche später GVV mit 1200 Leuten; Mittwoch, 25.01., Streik mit guter Beteiligung. Viele StudentInnen machen mit.

How it is

Nun, wo stehen wir heute? Viele Leute sind, teilweise zum ersten Mal, politisch aktiv geworden und sind bereit dies auch in Zukunft zu tun. Mit dem Streikrat ist ein Gremium geschaffen, in dem jede(r) mitmachen kann. Alle bleiben natürlich aufgefordert in ihren Fachschaftsräten aktiv zu werden. Überhaupt ist die Trennung zwischen Interessensvertretungen und Studierenden aufgebrochen worden. Die Interessensvertretungen werden nicht mehr ausschließlich als Servicedienste (AStA-Shop, Kopierdienst) wahrgenommen, sondern als politische Vertretung durchaus akzeptiert. Im Zusammenhang damit muß auch gesehen werden, daß zum ersten Mal seit 20 Jahren die Hochschule als Politikfeld auf der Tagesordnung steht. Sowohl die StudentInnen, als auch die Politiker betrachten Hochschule als wichtiges Aufgabenfeld. Hochschulpolitik ist Thema in dieser Republik. Wir haben also zum Ende des Semesters einen gewachsenen Kreis von Aktivisten. Viele StudentInnen, die sich an Aktionen beteiligen wollen ein gesteigertes Interesse an Hochschulpolitik.

Alles in allem, eine gute Ausgangssituation für's Sommersemester. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den es zu analysieren gilt, ist die inhaltliche Qualität unserer Aktivitäten. Im Prinzip können wir unter den Studierenden drei Gruppen differenzieren. Die Einen, leider die größte Gruppe, versuchen sich an der Hochschule einzurichten, das Beste daraus zu machen (Rationalisierung). Die zweite Gruppe sieht die Misere und fordert konkrete, materielle Verbesserungen. Die dritte Gruppe fordert auch konkrete Verbesserungen, diskutiert diese Forderungen auf dem Hintergrund einer umfassenden Reform der Hochschule im Sinne von mehr Mitbestimmung, anderen Studieninhalten und anderer Studienorganisation. Neben dieser vertikalen Differenzierung gibt es auch noch einen Horizontale, die quer durch alle Gruppen geht. Auf der einen Seite die, die aktiv werden, die sich sagen, daß wir dieses Feld "Hochschule" nicht allein den anderen überlassen dürfen und uns selber einmischen müssen. Auf der anderen Seite die, die sagen, daß sich das alles doch nicht lohnt und lieber zeitgeistmäßig am Stammtisch lamentieren, als den Arsch hochzukriegen und für seine/ihre Interessen zu kämpfen. Wir haben es also mit einer vielfältig differenzierten StudentInnenschaft zu tun. Eine Aufgabe für's Sommersemester wird sein, hier eine gemeinsame Basis zu finden, ohne dem notwendigen Diskurs zur Hochschulpolitik aus dem Weg zu gehen. Die Diskussion über unsere Forderungen wird ein wichtiger Schwerpunkt im Sommersemester.

Beteiligt Euch an den Diskussionen im Streikrat und in den Fachschaftsräten! Beteiligt Euch an den Aktionen des Streikrats. Aktionen schaffen Öffentlichkeit. Öffentlichkeit schafft Druck. Werdet wild und tut schöne Sachen!