Pressemitteilung 2, VOLLSTOFF, 1.Ausgabe, Januar '89
Es ist sicherlich ungewöhnlich, daß ein studentischer Vertreter auf dem Hochschulball spricht; doch wie die vielen studentischen Proteste im ganzen Bundesgebiet zeigen, hat sich die Situation an den Hochschulen immer weiter verschärft, und wir wollen die Gelegenheit nutzen, unsere Forderungen deutlich zu machen und auch Bündnisse zur Lösung der Probleme zu suchen.
Auch die Gesamthochschule Siegen ist direkt von den Umstrukturierungen von Bund und Land betroffen. Über 600 Studenten und Studentinnen haben am Donnerstag auf der seit Jahren bestbesuchten Gesamtvollversammlung der GH Siegen ihrem Unmut über überfüllte Hörsäle, die zunehmende Verschulung des Studiums und die bedrückende finanzielle Not vieler Kommilitonen und Kommilitoninnen Luft gemacht. Mit einer breiten Mehrheit wurde beschlossen, die verfehlte Hochschulpolitik nicht unwidersprochen hinzunehmen und am kommenden Mittwoch im Rahmen eines Streik- und Aktionstages solidarisch die desolate Situation zu diskutieren und eigene Ideen und Forderungen eines selbstbestimmten und interdisziplinären Studiums zu entwickeln.
Das beschlossene Notprogramm der Bundes- und Landesregierungen zur Besänftigung der StudentInnenproteste reicht noch nicht einmal aus, um die laufenden Kürzungen aufzuwiegen und wird außerdem wieder zielgerichtet im Sinne der Konzentrationspläne nur bestimmten Fachbereichen und Hochschulen zu Gute kommen und den Konkurrenzdruck eher verschärfen. Die Politik der knappen Mittel zwingt die Hochschulen, zunehmend private Drittmittel einzuwerben und den Einfluß der Industrie auf den universitären Alltag zulassen zu müssen. Ethische oder ökologische Aspekte einer Wissenschaft bleiben so außen vor, die Studierenden sind nur noch mehr oder minder unnötiger Ballast im Forschungsalltag. Der Spruch von Freiheit der Forschung und Lehre ist in diesem Zusammenhang nur noch eine hohle Phrase.
Auch ein anderer wichtiger Aspekt gerade der Gesamthochschulen, die Öffnung der Hochschulen für breite Bevölkerungsschichten, wird immer mehr ausgehöhlt. Studierende mit in der Regel geringem Einkommen sind durch Kürzungen im Sozialbereich, wie z. B. bei der Gesundheitsreform besonders betroffen. BAFöG-Leistungen sind drastisch gekürzt worden, die Mietpreise steigen, notwendige Nebenjobs sind knapp und selten sozial und tariflich abgesichert. Durch Verschärfung der Prüfungsordnungen und willkürliche Zugangsbeschränkungen sollen die Hochschulen wieder nur einem kleinen Bevölkerungsteil zugewiesen und der elitäre Elitegedanke etabliert werden. Dieser gegen die Interessen der StudentInnenschaft gerichteten Politik müssen wir geschlossen und solidarisch entgegentreten.
Ich beende meine Rede jetzt, schließlich wollen Sie ja noch ein bißchen feiern, was legitim und auch notwendig ist. Trotzdem sollte so ein festlicher Ball kein Anlaß sein, die bedrückende Wirklichkeit vollständig zu verdrängen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend.