Welche Rolle haben Streiks?

VOLLSTOFF, 1.Ausgabe, Januar '89

Systemstabilisierung - Systemänderung - Systemzerstörung

Die heutigen Universitäten haben die Aufgabe das Herrschaftssystem aufrechtzuerhalten durch Produktion von technologischem Wissen, durch Ausbildung von Menschen, die später Herrschaftspositionen einnehmen sollen und durch Produktion von staatstragenden Werten und Ideologien. Dieser Zweck bestimmt die Struktur der Universitäten. Die Verwertbarkeit durch Staat und Unternehmen bestimmt das Fächerangebot. Technische Fächer, die für Umstrukturierungen in den Betrieben wichtig sind, werden bevorzugt, geisteswissenschaftliche Fächer werden kurzgehalten und sollen trotzdem noch Herrschaftswissen erarbeiten (z.B. Soziologie). Durch die sogenannte "Drittmittelfinanzierung" wird es der Wirtschaft ermöglicht, direkten Einfluß auf die Forschungsrichtungen auszuüben. Das führt dazu, daß der Inovationsdruck der Wirtschaft auch auf den Universitäten lastet. Das wird deutlich durch die Einrichtung von Technologieparks, Datenbanken- und Koordinierungsstellen zwischen Hochschule und Unternehmen. Ebenso wie die Schule, hat die Uni die Funktion die Menschen zu disziplinieren, dadurch wird die Anpassung an die Lohnarbeit kontinuierlich gewährleistet. Dies geschieht mittels Kontrolle des Studiums durch Pflichtveranstaltungen, Verschulungstendenzen, Anwesenheitspflicht, Regelstudienzeit, Notendruck, Einführung von maschinenlesbaren Studentenausweisen, Computerisierung der Hochschul-Bürokratie usw. Auf organisatorischer Ebene entspricht dem das Hochschulrahmengesetz (HRG), durch das der Staat verhindert, daß irgendeine Hochschule aus dieser Konzeption ausbrechen kann. Das ist die "Autonomie" der Hochschulen. Um Protest und Widerstand zu verhindern, werden Lernende und Lehrende langsam an das Klima der Disziplinierung gewöhnt und Freiheit stirbt millimeterweise. Somit entlarven sich die verbleibenden Freiräume als Befriedigungsstrategien linke Fachbereiche und linke Profs sind die Feigenblätter angeblicher Demokratie.

Welche Rolle haben die studentischen Streiks in dieser Situation?

Bereits 1986 kam es in Spanien und Frankreich zu StudentInnenprotesten, die von den Staaten zum Teil blutig bekämpft wurden. Auf der anderen Seite wurden auch Teile der studentischen Forderungen erfüllt. Hier vor allem materielle Forderungen, die wenig kosten. So wurden die '86er Proteste erfolgreich befriedet, mit Zuckerbrot und Peitsche. Auch bei den Streiks der StudentInnen in der BRD im Winter 1988/89 läuft es so ähnlich. Das BRD-Medienspektrum von FAZ bis TAZ findet die Streiks auch ganz berechtigt, vor allem die materiellen Forderungen der StudentInnen. Was jedoch, vor allem von rechten Kräften befürchtet und bekämpft wird, ist eine zunehmende Politisierung des Streiks und somit auch der ansonsten schon eher unpolitischen Studies. In Anwendung der europaweiten Linie wird auch in der BRD geprügelt und verhandelt. So wurde z.B. in Berlin über die Anerkennung der "autonomen Seminare" für die Scheinvergabe verhandelt, während die Berliner Polizei bereits die Prügeleinsätze auf dem Berliner Hochschulgelände vorbereitete. Der Widerstand an den Hochschulen wird zwischen Streik und Verhandlungen zerrieben, der widersetzliche Restteil der StudentInnen mit der polizeilichen Streitmacht und Kriminalisierung zur Räson gebracht.

Ein Streik behindert zwar den Hochschulbetrieb, aber anschließend läuft alles wieder ruhig ab. Und obwohl sich die Situation an den Hochschulen nicht wesentlich geändert hat, kommt es lange Zeit zu keinen neuen Auseinandersetzungen.

Warum ist dies so? Gedanken zu kybernetischen Steuerungsmodellen der Gesellschaft

Der Begriff "Kybernetik" wurde für ein wissenschaftliches Gebiet eingeführt, das sich mit Regelungsvorgängen in technischen, sozialen, psychischen und biologischen Systemen beschäftigt. In unterschiedlichsten Fachgebieten wird dabei von einem Regelungsmodell ausgegangen, das aus den Komponenten Messen - Istwert/Sollwert-Vergleichen - Steuern einen Kreislauf bildet, der solange wiederholt wird, bis das vorgegebene Ziel (der Sollwert) erreicht ist, der Istwert also mit dem Sollwert übereinstimmt. Die Übertragung einer solchen Regelungstechnik auf die Anpassung sozialer Systeme ist nur soweit möglich, wie geeignete Meßmethoden zur Erhebung des Istwerts, zentrale Instanzen zum Vergleich von Soll- und Istwert, sowie Methoden zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse zur Verfügung stehen. Nach diesem Prinzip funktionierte die Herrschaft zentraler politischer Instanzen seit jeher, aber die Komplexität der Zielvorgaben und der Steuerungsmethoden wächst beständig, so daß auch technische Hilfsmittel und komplizierte Organisationsformen für das Messen - Vergleichen - Steuern entwickelt werden müßten, wollte man die Macht der Zentralen erhalten.

Der Begriff "Kybernokratie" bezeichnet Formen der politischen und sozialen Herrschaft, in denen mit wissenschaftlichen und technischen Mitteln das zu steuernde Objekt untersucht, erfaßt, analysiert wird, um auf der Grundlage des Wissens über Aktion-Reaktion Pläne zur Beeinflussung und Steuerung zu entwickeln, die das Objekt in gewünschter Weise verändern. Das Objekt kann eine begrenzte soziale Gruppe sein (Rentner, Studierende, Sozialhilfeempfänger, Ausländer), oder die ganze Belegschaft eines Betriebes als Objekt kybernokratischer Personalbewirtschaftung. Es kann auch die Gesamtbevölkerung im Hinblick auf ihre soziale Struktur oder die Struktur vorhandenen Erbmaterials sein. Es sind unzählig viele kleinere, in sich geschlossener Regelmodelle denkbar. Kybernokratie soll aber alles umfassen und einen Begriff dafür liefern, wogegen sich bereits eine Vielzahl von politischen Initiativen, allerdings in aufgesplitterter Form engagieren: das reicht von der Computerisierung, der Volkszählung, dem maschinenlesbaren Personalausweis über kommunale, staatliche und polizeiliche Datenbanken, bis hin zur gesetzlichen und technischen (ISDN) Infrastruktur und dem gesamten Bereich der Humangenetik.

Was heißt das nun alles für Siegen?

Etliche StudentInnen der GH-Siegen haben mit Schreiben vom 13.1.1989 einen vom Rektor in Auftrag gegebenen Fragebogen erhalten. Vielleicht hat sich der oder die eine oder andere schon einmal gefragt, was mit so einer Masse von Daten alles steuerbar ist?.