AStA-Inform Ausgabe 14 Oktober 1997
Stihls Vorschläge
sind meistens so praktisch wie die Motorsägen, die in seinen Betrieben
hergestellt werden. Gegen ein Kettensägemassaker an den Hochschulen
hätte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages
jedenfalls auch nichts einzuwenden. Der Zeitschrift "Unicum" (Ausgabe 10/97)
verriet er, daß die Misere der Universitäten nur durch die Einführung
von "Studiengebühren oder besser formuliert: Kostenbeiträge[n]
der Studierenden" zu beheben sei. Studierende würden dann zu Kunden
der Hochschulen und könnten über den entstehenden Markt Einfluß
auf die Lehre nehmen. Na Mahlzeit. Fast zeitgleich springt ihm BDI-Chef
Hans-Olaf Henkel zur Seite und faselt in "academix" (0-Nummer 1997) von
einer stärkeren Ausrichtung der Hochschulausbildung auf die Erfordernisse
des Arbeitsmarktes. So wie steter Tropfen den Stein auch erst in einigen
Jährchen höhlt, werden gängige Phrasen auch durch stete
Wiederholung nicht so schnell zu uneigennützigen Weisheiten.
Christliche Missionare
an der Hochschule sind eine feine Sache. Meistens sind es sehr nette und
umgängliche Menschen, die die ein oder andere Bibel als Werbegeschenk
dabei haben, und nur selten werden sie penetrant. Sei's drum. Daß
mittlerweile aber Broschüren mit dem Titel "Kinder... Sachen zum Wegwerfen?"
auftauchen, deren Verfasser (ansässig beim Wienhausener Missionswerk
"Die Bruderhand e. V.") der Ansicht sind, ungeborene Kinder gehörten
Gott und niemand anderem, sollte zu denken geben. Wir glauben jedenfalls
immer noch, daß die Hochschulen etwas mit Aufklärung zu tun
haben und ungeborene Kinder etwas mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau.
Davon sollten die Brüder ihre Hände lassen.
Auch 610-DM-Jobs
können eine feine Sache sein, jedenfalls für den Arbeitgeber,
braucht er doch nur eine pauschalierte Lohnsteuer abzuführen und hat
mit der lästigen Sozialversicherung (sowieso ein Bismarcksches Relikt)
nichts zu schaffen. Paradiesische Zustände, könnte man meinen,
die dem Spiel der Kräfte auf dem Markt mal so richtig freie Bahn lassen.
Das kann ein ganz gutes Lehrstück für alle Apologeten des Wirtschaftsliberalismus
sein. Vormals gesicherte Arbeitsverhältnisse werden gevierteilt und
gehenkt - und mutieren so flugs zu Nebenerwerbsbeschäftigungen. Die
Auswirkungen davon kann man am Beitragssatz von Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung
ablesen. Ganz nebenbei explodieren dafür wenigstens Wertschöpfung
und Shareholder value...
Der RCDS
ist der Zwergenableger der CDU an der Hochschule. Das Kürzel steht
für "Ring christlich-demokratischer Studenten" (Frauen haben dort
nichts zu suchen), und die Beringten melden sich ungefähr einmal jährlich
zu Wort, wenn der Kalender anzeigt, daß es wieder auf die Wahlen
zum Studierendenparlament zugeht. Die "RCDS-Infos", die nunmehr im 1. Jahrgang
vorliegen (Ausgabe 1 davon ist soeben erschienen), tun davon kund, daß
es das Häuflein konservativer Studis auch in Siegen noch gibt. Um
Wahrheit ist das Stammtischblatt nicht bemüht. Und so deckt es Skandälchen
auf, wo gar keine existieren. Um uns nicht unnötig damit zu beschäftigen
- nur zur Richtigstellung der Titelgeschichte:
-
1. Auch RCDS-ASten haben lohnsteuerfrei ihren ReferentInnen Aufwandsentschädigungen
ausgezahlt. Die RCDS-Opposition hat bezüglich der Besteuerung der
Aufwandsentschädigung für den AStA nie einen Muckser getan.
-
2. Es ist auch unter JuristInnen durchaus umstritten, ob eine Steuerpflicht
überhaupt existiert. Nicht umsonst hat das Finanzgericht Münster
erst Anfang diesen Jahres verneint, daß es sich um einkommensteuerpflichtigen
Arbeitslohn handele. Wegen dieses Streits ist die Sache auch mittlerweile
beim Bundesfinanzhof anhängig.
-
3. Ferner ist Quatsch, daß der Siegener AStA Steuernachforderungen
aus den Beiträgen der StudentInnen bezahlt hätte. Er hat Steuernachforderungen
vielmehr aus den Erträgen von AStA-Shop und -Kopierbetrieb beglichen.
Ein verwüstetes Feld
hat uns Günter Grass anläßlich seiner Rede zur Vergabe
des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Yasar Kemal hinterlassen.
In der Rede prangerte er u. a. die Fremdenfeindlichkeit und die Abschiebepraxis
der deutschen Regierung an und bezeichnete Waffenlieferungen an die Türkei
als schmutziges Geschäft. So weit, so richtig! Daß das Bellen
der getroffenen Hunde in derartiges Gegeifer ausarten würde, überrascht
aber. Während der "zum Politikmanager konvertierte Pfarrer Hintze"
Grass intellektuellen Tiefstand attestierte und ihm vorwirft, er habe sich
damit aus dem Kreis der ernstzunehmenden Literaten endgültig verabschiedet,
machte Innenstaatssekretär Lintner (CSU) gar eine Beleidigung des
gesamten "deutschen Volkes" aus. Von latenter Fremdenfeindlichkeit, so
Lintner, könne doch gar keine Rede sein, wenn das deutsche Volk von
lauter Flüchtlingen und AsylbewerberInnen erstickt werde. Richtig:
Von Latenz kann keine Rede sein.
Häppchenweise
Die Wahl der ProrektorInnen gestaltet sich weiterhin schwierig. So hat
der Konvent auf seiner jüngsten Sitzungen lediglich eine der vom Senat
vorgeschlagenen Prorektorinnen und Prorektoren gewählt. Sie heißt
Theodora Hantos und ist Professorin für alte Geschichte. Sie wird
sich besonders um die Bereiche Forschung und Förderung des wissenschaftlichen
Nachwuchses kümmern. Die weiteren Kandidaten, Klaus Schiffner (FB
11), vorgesehen für das Prorektorat für Studium und Lehre sowie
der designierte Prorektor für Planung und Finanzen, Manfred Grauer
(FB 5), verfehlten die erforderliche Mehrheit deutlich. Dadurch bleibt
die Arbeit im künftigen Rektorat schwierig. Immerhin ist es dem Rektor
Albert Walenta nun möglich, nicht nur mit dem Kanzler hin und wieder
eine Partie Schach zu spielen, sondern zusamen mit Frau Hantos bei der
ein oder anderen Runde Skat zusammenzusitzen. Wie gereizt die Stimmung
innerhalb des Rumpfrektorats ob der fehlenden ProrektorInnen allerdings
ist, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das Verfahren geht
Mitte November in die nächste Runde. Zunächst muß der Senat
zwei weitere Vorschläge an den Konvent weiterleiten, bevor dieser
dann darüber befindet. Ungewiß ist, ob es bis dahin gelingt,
überhaupt weitere bereitwillige KandidatInnen zu finden, hat sich
die bisherige Suche doch schon schwierig genug gestaltet. Aber vielleicht
klappt es schließlich doch noch, damit es bald wieder heißt:
fünf Freunde auf neuen Abenteuern! An dieser Stelle wollen wir uns
beim scheidenden Rektor, Klaus Sturm bedanken, der die Geschäfte am
14. November offiziell an seinen Nachfolger übergibt. In der Vergangenheit
hat er sich mehrfach gegen die Einführung von Studiengebühren
und die fortschreitende Ökonomisierung der Hochschulen stark gemacht.
Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.
Kommentar: Der Streifschuß
Am 21. Oktober fand die erste Konventssitzung nach der Sommerpause statt.
Doch trotz des Beginns der neuen Spielzeit war die Vorstellung nicht restlos
ausverkauft. Selbst knapp ein Viertel der Besitzerinnen und Besitzer von
Dauerkarten hatten wichtigeres zu tun oder ahnten vielleicht, was sie erwarten
würde. Die Ränge waren ebenfals nur spärlich besetzt. In
dem Drei-Personen-Stück überzeugte lediglich Theodora Hantos,
die, auf der Suche nach dem Stein der Weisen, die Rolle der entschiedenen
Kämpferin gegen Atacken der Ministerien auf die Kollegialorgane der
Hochschulen mit Nachdruck auszufüllen vermochte. Die beiden anderen
Darsteller, Manfred Grauer und Klaus Schiffner, fielen bei der Mehrheit
des nicht gerade verwöhnten Publikums durch. Statt eines umsichtig
auf die mittel- und langfristige Entwicklung der Hochschule ausgerichteten
Planers gestaltete Grauer die ihm zugedachte Rolle als die eines Marktschreiers
aus, der sich weniger an den eigentlichen Interessen der Hochschulmitglieder
als an den bunten Werbespots aus MTV und anderen privaten Fernsehseh- und
Radiosendern orientiert. Ganz offensichtlich verwechselt hat Klaus Schiffner
die ihm zugedachte Rolle eines Prorektors für Studium und Lehre mit
dem Typus des derzeit inflationär auftauchenden Vordenkers, Andenkers
oder Querdenkers. Anders läßt sich sein "Andenken" von Prüfungsgebühren
für Studierende, die beim ersten Prüfungsversuch durchgefallen
sind, nicht erklären. Diese Wiederholungstäter müßten
zur Kasse gebeten werden. Genauso auf Unverständnis stieß seine
Vorstellung, unhinterfragt die angelsächsischen Abschlüsse MA
und BA zu übernehmen, ohne dabei zu bedenken, daß man mit dem
BA einen Abschluß verleihen würde, der unterhalb einer ersten
Berufsqualifizierung liegen würde. Was will man damit? Immerhin BAföG
würde es unter seiner "Mitregentschaft" weiterhin geben, zumindest
für das Grundstudium. Danach könnten sich die Studierenden ja
als studentische Hilfskräfte verdingen! Dem Darsteller sei angeraten,
über dem "kreativen" Vordenken, Andenken und Querdenken in Zukunft
das Nachdenken nicht zu vergessen. Die Premiere des nächsten Stücks
wird am18. November gegeben. Im Interesse des Publikums wünschen wir
der nächsten Besetzung toi, toi, toi.
Wahlen
zum Studierendenparlament und zu den Fachschaftsräten könnte
es noch in diesem Jahr geben. Auch wenn RCDS und die zweitstärkste
Fraktion "faselei" nicht in der Lage waren, Wahlausschußmitglieder
zu benennen und sich dieser Prozeß auch bei den übrigen Oppositionslisten
einige Zeit hinzog, besteht die leise Möglichkeit, daß sich
der Ausschuß noch rechtzeitig für den Wahltermin Dezember konstituiert.
Einig
waren sich die zuständigen Minister zu Begin des Sommers über
die Neufassung des Hochschulrahmengesetzes. Es soll den Rahmen für
die Entwicklung der Hochschulen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert neu
regeln. Was dabei herausgekommen ist, ist allerdings nicht der große
Wurf, als der er vor allem von dem - spektakulären Medienauftritten
nicht abgeneigten - Zukunftsminister Jürgen Rüttgers hochstilisiert
wird. Unter dem Stichwort Deregulierung fallen Regelungen weg, die nachträglich
legitimieren, was einige Länder schon einige Zeit umsetzen. Einige
bedenkliche Punkte sind neu in das Gesetz aufgenommen worden. So ist es
den Hochschulen künftig erlaubt, sich in Numerus-Clausus Fächern
einen Teil ihrer Studierenden selbst auszusuchen. Dies bedeutet letztendlich
den Einstieg in die Entwertung des Abiturs als allgemeinem hochschulqualifizierenden
Abschluß. Um die Hochschulen internationaler zu machen, soll es möglich
sein, die vor allem im angelsächsischen Raum verbreiteten Abschlüsse
MA und BA zu vergeben. Vergessen haben die BildungspolitierInnen dabei
aber, daß das angelsächsische System, selbst dort wo es praktiziert
wird, nicht unumstritten ist. Vor allem ist zu bezweifeln, ob es überhaupt
sinnvoll ist, einen Abschluß (BA) zu verleihen, der unterhalb einer
beruflichen Qualifikation liegt. Was den SPD-MinisterInnen immerhin gelungen
ist: die von den unionsregierten Ländern favorisierte Zwangexmatrikulationen
bei Überschreiten von Fristen für das Vordiplom zu verhindern.
Nicht gelungen ist dagegen, die Gebührenfreiheit für das Studium
im neuen Gesetz zu verankern. Doch da soll nachgebessert werden, haben
die MinisterInnen der Länder zugesagt. Von dieser Absicht alarmiert,
haben die Rechtsverdreher der Unionsparteien für sich festgestellt,
daß man bei diesem Gesetz den Bundesrat ja nicht beteiligen müsse,
eine Interpretation, die bei den Ländern auf Widerstand stieß.
Wie der Streit ausgeht, wird die Zukunft zeigen. Das neue Gesetz wird zunächst
Anfang nächsten Jahres im Bundestag beraten.
Die AStA-Party
am 17. Oktober haben wir in guter Erinnerung, und wir hoffen, daß
ihr auch Spaß hattet. Wir bedauern, daß wir einige Zeit lang
niemanden reinlassen konnten und daß pünktlich um 3 Uhr die
Zapfhähne abgedreht wurden. Schuld daran war nicht der AStA und auch
kein fleißiges Helferlein (diesen gilt an dieser Stelle unser herzlicher
Dank!). Da die Party von Ordnungs- und Straßenverkehrsamt der Stadt
Siegen als Testballon für Großveranstaltungen am Haardter Berg
kritischst beäugt wurde, mußten wir es übergenau nehmen.
Sorry!
Service-Ecke
Öffnungszeiten - AStA-Büro: Mo-Fr von 9.00 bis 16.30 Uhr; AStA-Shop:
Mo-Fr von 9.30 bis 14.30 Uhr; Sozialberatung: Di-Fr von 9.00 bis 12.00
Uhr und nach Vereinbarung. Aushangbretter des AStA: AR-H zwischen Arbeitsamt
und FSR 6/7; AR-D neben dem roten Hörsaal; AVZ im Innenkern, Ebene
3; PB im Foyer. Post an: AStA der Gesamthochschule, 57068 Siegen. Hausanschrift:
Adolf-Reichwein-Str. 2, 57076 Siegen (AR-H 215). Tel. (02 71) 7 45 28 &
7 37 82, Fax 7 39 37. Haustel. 4600 & 4601. E-Mail: asta@studm.hrz.uni-siegen.de